Dem Tode nah

  • Hörbuch Hamburg
  • Erschienen: Januar 2008
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2008, Übersetzt: Arnold, Frank
Dem Tode nah
Dem Tode nah
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Wolfgang Franßen
60°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2008

Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu

Demolierte Gieskannen als Schlagobjekte, ein Nachbarjunge, der mit einer Nachbarin ins Bett steigt, ein Vater, der beinah selbst mit der Nachbarin sexuell in Kontakt tritt, ein Bürgermeister, der sich minderjährige Prostituierte ins Hotel bestellt, ein Schriftsteller, der unter dem Verdacht steht seinen Bestsellererfolg gestohlen zu haben, und nicht zuletzt: Auf den ersten Seiten wird gleich eine dreiköpfige Familie erschossen.

Man kann über Linwood Barclays sagen, was man will, an Handlung mangelt es ihm nicht. Dass es im Alltag einer Kleinstadt mitunter deftig zugeht, soll durchaus vorgekommen. Den kanadischen Autor interessieren nach eigenem Bekunden vor allem die Gefahren, die dem Alltag entwachsen, solche, gegen die man sich nicht zu schützen vermag.

Dabei kommt ihm seine jahrelange Anstellung als Kolumnist beim Toronto Star zu Gute, in deren Zeit er augenzwinkernd das Geschehen in seiner Stadt begleitete. Einen leicht humoristischen Touch ist ihm auch in seinem neuen Buch nicht abzusprechen. Wenn Jim Cutter einen Ersatz für seinen unter Mordanklage einsitzenden Sohn sucht, der ihm beim Arbeiten helfen soll, und ausgerechnet einen Vertreter der jüngeren Generation ausgräbt, der lieber erst mal ausschlafen will und nach kurzem Einsatz unter Ausschlag leidet, spürt man, wo die Stärken des Autors liegen. Er weiß Pointen zu setzen.

Der Dialog gehört sicher nicht dazu. In ihm kommt es häufig zu Verschleifungen wie "Bitte verzeih mir, dass ich so eine Niete bin." oder "Das, was jetzt mit Derek passiert, ist die Quittung für unsere Verfehlungen". Von sprachlichen Verwerfungen wie Sohnemann, Obermotz ganz zu schweigen. Barclay macht es Lesern mitunter schwer, sich von den Facetten, den Abgründen seiner Provinzhelden faszinieren zu lassen.

Man hat doch nur seine Familie

Dem Tode nah ist eher ein Kriminalroman als ein Thriller. Verschwand in seinem Beststeller Ohne ein Wort die eigene Familie spurlos, variiert Barclay sein Thema in Dem Tode nah, indem er trotz allen Betrugs erneut die Familienbindung in den Mittelpunkt rückt. Es geht um Söhne, um Töchter, um Mütter wie Väter. Sie alle erfüllen die Erwartungen an sich selbst nicht.

Leider erwarten den Leser eine Reihe scherenschnittartiger Charaktere. Jim Cutter, der Vater des später der Tat selbst verdächtigten Sohnes, verdingt sich als Gärtner, weil er als Maler keinen Erfolg hat. Er ist der Gute. Seinen Job als Chauffeur beim Bürgermeister hat er gekündigt, nachdem er ihn zusammen mit einer Minderjährigen erwischt hat. Er ist auch zu seiner Frau zurückgekehrt, obwohl die ausgerechnet ein Verhältnis zu Conrad Chase, jenem Erfolgsautor, unterhielt, dessen möglichem Plagiat ausgerechnet Jim Cutters Sohn, Derek, auf die Spur kommt, so dass wilde Vermutungen ins Kraut schießen, ob der Selbstmord eines jungen Studenten über einer war.

Der Plot leidet unter der Blässe seiner Helden. Der Psychothriller entwickelt sich seltsam weichgespült, benutzt zu viele Klischees, lässt das Konstrukt hinter der Geschichte aufscheinen.

Wie zwingt man einen Biedermann dazu, die Wahrheit preiszugeben?

Von Düsternis, mit der Barclay seinen Roman umschreibt, ist wenig zu spüren. Eher von einem Spiel mit ihr und der Lust einen Fall zu verrätseln.
Bis ins letzte Drittel hinein legt Barclay falsche Fährten aus, um seine Leser zu verwirren, obwohl die Lösung längst erahnt wird. Dass dabei selbst die kriminelle Verwandtschaft einer um ihren Ehemann besorgten Frau eines Starautors Verwendung findet, gehört zur Grundsausstattung. Barclay zaubert den Zufall all zu leicht aus dem Hut, um dem Geschehen eine überraschende Wende zu verleihen. Selbst beim Showdown bleiben kleinere Sünden nicht ungesühnt.

Wer also über Barclays mörderischen Nachbarschaftskrimi ein paar Sorgen vergisst, dem dürfte die Etikettierung nicht sauer aufstoßen. Wer sich von einem Thriller Suspense verspricht, muss sich auf einige Durststrecken gefasst machen, in denen der Autor abschweift. Es geht heimelig zu, und es hagelt Wiedergutmachung.

Linwood Barclay hat eine unterhaltsame Geschichte geschrieben, deren Etikettierung als Thriller missverstanden werden kann. Sein Motto lautet eher: Unter jedem Topf köchelt eine Suppe, wehe wenn der Deckel angehoben wird. Das heißt nicht, dass sie dem einen oder anderen Leser nicht schmeckt.

Dem Tode nah

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