Der Totengarten

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2008
  • 6
  • New York: Little, Brown, 2006, Titel: 'The night gardener', Seiten: 377, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008, Seiten: 457, Übersetzt: Anja Schünemann
Der Totengarten
Der Totengarten
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Jochen König
44°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2008

Ein sprödes Stück Erbauungsliteratur

1985 werden in Washington D.C. drei schwarze Teenager ermordet, die neben ihrer Hautfarbe noch ein gemeinsames Merkmal haben: Ihre Vornamen lesen sich rückwärts wie vorwärts gleich. Prompt hat der Serienkiller seinen Spitznamen weg; er ist der "Palindrom-Mörder". Die Mordserie endet so abrupt wie sie begonnen hat und wird nie aufgeklärt. Als 20 Jahre später der 15-jährige Asa Johnson erschossen aufgefunden wird, regt sich der Verdacht, dass der Mörder von einst sein blutiges Werk weiterführt. Der pensionierte Sergeant Cook, sein aus dem Dienst geschiedener jüngerer Kollege Dan "Doc" Holiday und der akribische Polizist Gus Ramone tun sich zusammen, um den Fall aufzuklären, der sie seit zwanzig Jahren verfolgt.

So weit der Hauptstrang des Romans, dem Pelecanos allerdings so wenig vertraut, dass er phasenweise weit in den Hintergrund tritt. Stattdessen wird das Treiben, bzw. Taumeln ins Desaster, des Gauner-Duos Romeo Brock und seines besonnenen Cousins Conrad Gaskin verfolgt; die Schulprobleme von Gus Ramones Sohn Diego werden ausführlich erörtert, wie überhaupt Ramones Familienleben breiten Raum einnimmt.

Die Konzeption des Totengartens erinnert an die Bücher Joseph Wambaughs, in denen Polizeiarbeit, und die Psychogramme einer Gruppe von Polizisten mindestens genau so relevant sind, wie die Fälle in denen ermittelt wird. Doch Pelecanos´ Roman scheint eher ein Gegenentwurf zu Wambaughs Büchern zu sein, in denen von Cops am Rand des Wahnsinns oft eine größere Bedrohung ausgeht, als von den Verbrechern, gegen die sie ermitteln.

Der Totengarten liefert den Beleg, dass das Schlimme an Wünschen ist, dass sie in Erfüllung gehen könnten. Wie oft haben wir über Ermittler geflucht, die mitunter mehrfach traumatisiert durch Romane wanken, kaum in der Lage ihre Fälle ordentlich zu bearbeiten, da sie permanent damit beschäftigt sind, an den Beschädigungen ihrer Seelen zu flicken. Jetzt kommt George Pelecanos daher, präsentiert uns ein ganzes Figurenarsenal biederer und politisch völlig korrekter Polizisten, die sich, wie Guiseppe "Gus" Ramone, verheiratet mit einer dunkelhäutigen Frau, des latenten Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft ebenso bewusst sind, wie sie beim Verdacht der kleinsten Verfehlungen lieber freiwillig aus dem Polizeidienst ausscheiden - die interessanteste Figur des Totengartens, der leicht windige und versoffene Dan "Doc" Holiday. Dessen Vergehen aber nicht mal in einem Fernsehkrimi der 60er Aufsehen erregt hätte. Die restliche Belegschaft des Polizeireviers besteht nahezu komplett aus verständigen, sympathischen Zeitgenossen, wahren Freunden und Helfern, die alte Omas mit Sicherheit gerne im Dunkeln an die Hand nehmen und über die Straße führen - ob die wollen oder nicht.

Selbst die Kleingangster Romeo Brock und Conrad Gaskins haben Gewissenbisse, im Falle Gaskins sogar Einsicht ins eigene verwerfliche Tun, das ihm letztendlich den rechten Weg zur Rettung weisen wird. Das ist alles ehrenwert, herzerwärmend und - stinklangweilig. Zudem plätschert der eigentliche Aufhänger des Buches, die Serienmorde des Palindrom-Killers, ziemlich beiläufig und völlig spannungslos vor sich hin. Ab und zu wird die Thematik mit großem Brimborium aufgegriffen, aber schnell wieder fallen gelassen, nachdem sich keine rechte Lösung zeigt. An der Pelecanos aber auch wenig interessiert scheint. Stattdessen gibt es eine weitere Betroffenheits-Lehrstunde mit dem Titel "Der schwarze Großstadtjugendliche und die Schwierigkeit zu seiner Homosexualität zu stehen". Dass die einsamen Höhepunkte des Buches eine herzliche Aussprache Ramones mit einer pseudo-liberalen Schuldirektorin, sowie ein kurzer Kampf unter Gangstern sind, lässt uns ratlos und kopfschüttelnd zurück.

George Pelecanos, der mit seinen bisherigen Büchern (u.a. auf Deutsch der Detektv-Serie um Derek Strange und Terry Quinn, sowie der Washington-Noir-Reihe) meist hervorragende Kriminalromane - nur manchmal mit dem Hang zum oberlehrerhaften Dozieren - ablieferte, hat mit dem Totengarten einen gut gemeinten Roman geschrieben, der von seiner belehrenden Attitüde der frommen Denkungsart geradezu erstickt wird. Einige kurze, biographische Skizzen, die wohlwollend betrachtete Tendenz, ein rational-liberales Gegenstück zum Wahnsinn auf Amerikas Straßen zu schaffen, rechnen wir Pelecanos wohl an. Das er uns ein sprödes Stück Erbauungsliteratur als spannenden Serienmord-Thriller unterjubeln will, fällt schon schwerer zu verzeihen. Da wir um seine besseren Werke wissen, hoffen wir inständig auf Genesung. Nichtsdestotrotz bleibt Der Totengarten die literarische Enttäuschung des bisherigen Jahres.

Der Totengarten

George P. Pelecanos, Rowohlt

Der Totengarten

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