Fettsack

Erschienen: Januar 1991

Bibliographische Angaben

  • New York: New American Library, 1987, Titel: 'Slob', Originalsprache
  • Bellheim: Edition Phantasia, 2008, Seiten: 269, Übersetzt: Joachim Körber
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1991, Titel: 'Im Namen des Todes', Seiten: 267, Übersetzt: Jürgen Martin

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Jochen König
Der frühe Höhepunkt eines Genres

Rezension von Jochen König Aug 2008

Daniel Edward Flowers "Chaingang" Bunkowski wiegt 469 Pfund, ist 1,98 groß, stinkt wie eine "Mischung von ungewaschenem Körper und Kloake" und ist eine in Vietnam ausgebildete Kampf- und Tötungsmaschine. Doch was ihn mit Leib und Seele zum Killer machte, liegt viel weiter zurück. Chaingang Bunkowski ist ein Beispiel dafür, wie aus Opfern Täter werden; immerhin bekommt er als Belohnung eine Ausbildung spendiert, komplettiert durch militärische Sondereinsätze, dank der er ""ein brutaler und soziopathischer Killer, so tödlich und unaufhaltbar, das er das Herz deines schlimmsten Alptraums zu einem kreischenden, leeren, blutverschmierten Loch in der Finsternis macht" wird.

Jack Eichord ist Polizist, dank seines Gespürs für Menschen und eines pragmatischen Verstandes, wird er eher unfreiwillig, aber erfolgreich zum Top-Ermittler in Sachen Serienmord. Keine Frage, dass sein Weg den von Bunkowski nahezu zwangsläufig kreuzen muss. Das er während der Ermittlungen die Witwe eines der Opfer Chaingangs kennen- und lieben lernt, ist wenigstens ein positiver Aspekt bei all den rausgeschnittenen Herzen, Blut und Gemetzel, das Daniel Bunkowski als Andenken hinterlässt. Zum Ende wird es persönlich, doch Eichord hat seine Lektionen gelernt, er weiß genau, das billige Sentimentalität tötet und nutzt das bewusst und abgeklärt aus.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens von Slob im Jahr 1987, waren Serienkiller noch ein zartes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gehegt und gepflegt wurde. Thomas Harris hatte zwar Roter Drache bereits Jahre zuvor veröffentlicht und durfte eine gelungene, aber nur mäßig erfolgreiche Verfilmung durch Michael Mann erleben, aber Das Schweigen der Lämmer wartete noch auf seine Publikation und Verfilmung. Erst nach Jonathan Demmes Publikums-Magnet und Oskar-Abräumer sprossen Serienkiller empor wie Pilze in einer Zuchtstation. Und ob sie James Patterson, Karin "Die-Welt-ist-eine-Schüssel-mit-Blutwurst" Slaughter oder wie auch immer hießen, an die Radikalität und analytische Konsequenz von Rex Millers Fettsack kamen (und kommen) viele Autoren nicht mal auf Sichtweite heran.

Denn Fettsack ist nicht nur ein derber, überaus brutaler Roman über einen degenerierten Serienkiller und seine Verfolger, er ist gleichzeitig auch eine Reflexion über das Wesen der Psychopathie, über die Bedingungen und Entwicklungen, die es einem Menschen gestatten, sich jenseits aller gesellschaftlicher Normen zu stellen und seine tödliche Profession mit der gleichen Leidenschaft anzugehen, wie ein engagierter Chefarzt seine erste Schicht im örtlichen Krankenhaus. Miller zeichnet dabei kein freundliches Bild von Amerika, das Kreaturen wie Daniel "Chaingang" Bunkowski formt und ausbildet, um sie als perfekte und perfide Antithese des amerikanischen Traums auf die Menschheit loszulassen.

Das nahezu unbesiegbare und gewissenlose Killer wie Chaingang nicht am Ende als Sieger und Auslöscher der Menschheit dastehen, liegt letztlich daran, dass sie sich einen Rest von Menschlichkeit bewahrt haben, oder besser gesagt, ein Quäntchen jenes wehmütigen Gefühls, was Menschsein ausmachen könnte. Doch genau das ist die grausame Quintessenz des Romans und wird sich schlussendlich als Fallstrick ausweisen.

Sprachlich gibt sich Miller kalt und analytisch, Fettsack ist durchzogen von zynischen Gags und einem Slang, der in der finstersten Bar in der finstersten Stunde nach Mitternacht an den klebrigen Tresen dieser Welt kaum für Aufsehen sorgt, aber eingebunden in die Gedankengänge eines verliebten Cops, für zumindest verwirrendes Stutzen sorgt.

Fettsack ist ein Roman, der zum beständigen Zitieren einlädt. Miller hat es raus, Distanz zu seinen Figuren zu halten und trotzdem den Eindruck zu hinterlassen, als wäre er gegenwärtig. So gelingt es ihm in kurzen, aber prägnanten Einblendungen auch den Opfern Chaingangs ein Gesicht zu geben und erfahrbar zu machen, was der brutale Schlächter seinen Opfer antut, und mit welcher Bürde er die Überlebenden hinterlässt.

Das Bunkowski, allen Übertreibungen zum Trotz ein nachvollziehbarer Charakter bleibt, ist ebenfalls Millers Kunst zuzuschreiben, in einem Universum, in der der Wahnsinn herrscht, eine Schneise der Vernunft zu hinterlassen. Repräsentiert in erster Linie durch Jack Eichord und seinen möglichen Anhang Edie Lynch und Tochter Lee Anne. Der Hort der Rationalität bleibt indes blass gegenüber einer über alle Maßen ausschweifenden Figur wie Daniel "Chaingang" Bunkowski - "eine einzigartige Mischung aus offensichtlich geistig zurückgebliebenem Psychopathen und Killer mit dem IQ eines Genies".

Fettsack ist der frühe Höhepunkt eines Genres, das mittlerweile von minderbegabten AutorInnen beinahe zu Tode geritten wurde. Gerade deshalb ist die Wiederveröffentlichung - in sehr ordentlicher Bearbeitung und kongenial gestaltet; bietet der Einband doch einen graphisch rabiaten Kommentar zur sättigenden Bösartigkeit seines selbstzufriedenen Protagonisten - so wichtig; zeigt sie doch, was Kriminalromane für nachhaltige Wirkung auslösen können, wenn ihre Verfasser nachdenklich, überbordend und mit schonungsloser Konsequenz zu Werke gehen. Jene scheinbare "Ich-scheiß'-auf alles-Haltung", von der man sich nicht täuschen lassen darf, da sich dahinter das Interesse und die Sorge an dem, was Menschlichkeit ausmacht, verbirgt. Wer dieses Jahr nur ein Buch lesen will, sollte den Fettsack in die engere Wahl ziehen.

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