Grabesgrün

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • New York: Viking, 2007, Titel: 'In the Voods', Originalsprache
  • Berlin: Argon, 2008, Seiten: 6, Übersetzt: Nathan, David
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2009, Seiten: 704

Couch-Wertung:

86°
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Jochen König
Ausgelassenheit und Finsternis

Buch-Rezension von Jochen König Jul 2008

1984 wird der zwölf Jahre alte Adam Robert Ryan traumatisiert im Wald von Knocknaree aufgefunden. Seine Freunde Peter und Jamie bleiben spurlos verschwunden. Adam kann sich an nichts erinnern, was die Geschehnisse zuvor angeht; ein wenig Blut an seinem Fuß bleibt die letzte Spur, die das Mädchen und der Junge hinterlassen haben. Fast fünfundzwanzig Jahre später: Auf einem Altarstein inmitten einer Ausgrabungsstätte wird die Leiche der zwölfjährigen Katy Devlin gefunden, erschlagen und augenscheinlich vergewaltigt. Ermittler sind die Polizisten Cassie Maddox und ihr Partner Rob Ryan, der seinen Rufnamen Adam vor Jahrzehnten abgelegt hat. Obwohl er sich aufgrund seiner Vergangenheit eigentlich fernhalten müsste, lässt er sich tief in den Fall hineinziehen. Die Ermittlungen gehen zunächst nur zäh voran. Verdächtige werden gesucht und abgehakt, doch alle Spuren, ob in den familiären Bereich oder in die Stadtpolitik reichend, laufen ins Leere.

Erst als Ryan, der, je weiter die Ermittlungen ergebnislos voranschreiten immer näher auf einen Abgrund zutaumelt, sich seiner Vergangenheit stellt, kommt er dem Täter auf die Spur. Beinahe zufällig entdeckt er ein Schlüsselindiz und stößt dank Cassie Maddox noch auf etwas anderes: einen Psychopathen, der sich seine Umwelt untertan machen möchte und möglicherweise damit durchkommt.

Grabesgrün ist das Debüt der Autorin Tana French, und es ist ein bemerkenswertes geworden. Auf fast 700 Seiten breitet French ihre Geschichte aus, vermeidet es aber geschickt in die Fallen salbadernder Redundanz zu tappen. Das Spektakuläre und Spekulative ist ihr Metier nicht, sie nimmt ihre Figuren ernst, und führt sie durch eine zunächst frustrierend und ergebnislos verlaufende Ermittlung, an die Grenzen ihrer psychischen Belastung.

Den Erzähler und Ermittler in eigener Sache, Rob Ryan, sogar darüber hinaus. Denn je mehr er sich den verschütteten Bildern seiner Vergangenheit stellt, desto mehr verdunkelt sie sich, auch wenn Erinnerungsfetzen trügerische Spuren in die Gegenwart legen. French benutzt hier sehr geschickt das Gruppenverhalten der drei Ermittler Rob, Cassie und Sam, um durch Äußerlichkeiten die inneren Irrungen und Verwirrungen hervorzuheben. Gestattet sie ihren Figuren zunächst, trotz des bedrückenden Mordfalles, der letztlich alle in seinen Bann zieht und verändert, noch kleine neckische Spiele und eine geradezu kindliche Freude an gemeinsamen Aktivitäten, steigt die Anspannung, garniert mit einem Hauch von Wahnsinn, bis zum Schluss, der eine komplette Veränderung der Beziehungen mit sich bringt.

In den spielerischen Passagen erinnert Grabesgrün an die Filme Takeshi Kitanos, der seinen Yakuza auch gestattet, ausgelassen am Strand herumzutändeln, ehe sie wieder ihrem blutigen Tagewerk nachgehen. Diese Diskrepanz zwischen Ausgelassenheit und der Finsternis, die sich schleichend und nahezu unausweichlich breit macht, lässt die innere Spannung sachte, aber merklich steigen. Gerade dadurch, dass die Protagonisten sich so nahe stehen, kann die Aufklärung des Falles erst zum persönlichen Desaster werden.

Glücklicherweise erliegt French nicht der naheliegenden Versuchung einen psychopathischen Serienkiller zu etablieren. Ihr genügt ein Mord und ein lang zurück liegender Vermisstenfall, um in die Abgründe menschlicher Verhaltensweisen blicken zu lassen. Neben dem Abdriften des traumatisierten Erzählers, der sich umso mehr von seiner Partnerin entfremdet, je näher er ihr kommt, führt sie einen Psychopathen vor, der in seiner unspektakulären Alltäglichkeit, der funktionalen und wohldurchdachten Negation jeglicher Mitmenschlichkeit, zum Erschreckendsten gehört, was die Kriminalliteratur dieser Tage aufzuweisen hat.

Grabesgrün ist ein Roman über die Manipulierbarkeit von Menschen und Gefühlen. Eindringlich führt Tana French vor, wie trügerisch Empfindungen sein können, besonders, wenn der menschliche Geist allzu gerne anfällig ist für die Lügen, die ihm aufgetischt werden - oder die er sich selbst erzählt. Doch was das Leben einfacher machen soll, wird zu einem Bumerang, der ganze Existenzen aushebeln kann.

Grabesgrün ist dazu ein kluges Buch, gönnt es seinen Figuren Raum zur Entfaltung ohne zur Schmonzette zu verkommen, täuscht mit lockerem Ton eine Möglichkeit der Erlösung vor, die dank der profanen Wirklichkeit nicht eintreten wird.

Grabesgrün ist obendrein ein mutiges Buch. Es erlaubt sich den Luxus nicht alle Fäden zu entwirren, lässt Fragen offen und schickt Ermittler und Täter in eine ungewisse Zukunft. Selbst das angedeutete Happy End hinterlässt einen schalen Nachgeschmack.

Glücklicherweise besitzt Tana French die sprachlichen und stilistischen Mittel ihr umfangreiches Werk sicher zu einem nachdenkenswerten Ende zu bringen.

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