Todesopfer

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • München: Manhattan, 2008, Seiten: 480, Übersetzt: Marie-Luise Bezzenberger
  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 6, Übersetzt: Sandra Schwittau
  • München: Goldmann, 2010, Seiten: 479

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Wolfgang Weninger
Moorleiche in Schottland

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Jul 2008

Todesopfer von Sharon Bolton ist der Erstling einer britischen Autorin, das als Manhattan-Buch im Wilhelm Goldmann-Verlag in der Übersetzung aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberg erschienen ist.

Die Autorin hat sich als Schauplatz die wildeste Gegend Schottlands ausgesucht und lässt ihre Heldin Tora Hamilton, eine Frauenärztin, in einer Klinik auf den Shetland Inseln Geburtshilfe leisten. Zu Beginn der Geschichte ist die studierte junge Frau allerdings ziemlich töricht in ihren Handlungen, denn sie versucht eines ihrer verstorbenen Lieblingspferde auf eigenem Grund und Boden zu begraben, was nicht nur illegal ist, sondern angesichts des feuchten Torfbodens und des jahreszeitlich bedingten Dauerregens selbst mit einem kleinen Bagger keine leichte Übung ist. Erschwert wird das Unterfangen durch den Fund einer weiblichen Leiche, welcher der Brustkorb fachkundig geöffnet wurde, um das Herz zu entnehmen.

Nun ist die Landschaft ja bekannt für seine Sagen und Moorleichen, doch der erste Verdacht, dass die Tote im Torf dort seit Jahrhunderten nach einer rituellen Handlung begraben sei, bestätigt sich nach eingehenden Untersuchung durch den Pathologen und die Polizei nicht. Viel mehr handelt es sich bei der Frau um eine vorerst unbekannte Person, die obendrein kurz vor ihrem qualvollen Tod, bei der ihr das Herz bei lebendigem Leib aus dem Körper geschnitten wurde, auch ein Kind entbunden haben muss.

Tora Hamilton findet, dass die Polizei gar nicht effizient arbeitet und beginnt ihrerseits mit der Suche nach den Hintergründen und den Schuldigen, scheint sich dabei aber sowohl bei ihren Vorgesetzten als auch bei den Ermittlern gründlich in die Nesseln zu setzen und wird auf rüde Art eingeschüchtert. Die junge Polizistin Detective Sergeant Dana Tulloch, die Tora zu Beginn so gar nicht gefallen will, hat wie die Frauenärztin den Eindruck, dass hier die gesamte Männerwelt im Gesundheitswesen und bei der Polizei etwas zu verbergen hat. Es könnte sich um ein Komplott handeln, bei dem Neugeborene illegal an Adoptiveltern verkauft werden, und alle verdienen daran ...

Sharon Bolton zeichnet ihre Hauptdarstellerin als ziemlich ungemütliche Person, die sich zum Einen nicht an die herrschenden Sitten und Gebräuche ihrer neuen Wohngegend anpassen kann, zum Anderen aber auch gar nicht darauf erpicht ist, Freundschaften mit ihren Mitmenschen und Kollegen zu schließen. Sie ist ein echter Eigenbrötler, der tut und lässt, was sie für richtig hält, egal, wen sie damit brüskiert oder vor den Kopf stößt. Selbst ihrem Ehemann gegenüber verhält sie sich wie eine störrische Stute, die immer mit dem Schädel durch die Wand will, wobei sie hofft, dabei endlich schwanger zu werden, weil sie das offenbar als Erfüllung alles Weiblichen sieht.

Würde ein Mann so eine psychisch labile Person zeichnen, würfen ihm sämtliche Frauen vor, dass er frauenfeindlich sei und dabei alle gängigen Klischees abarbeite. Dadurch wird Tora Hamilton auf fast 500 Seiten dem Leser kaum sympathisch, weil sie in keinster Weise nachvollziehbar ihre nicht unspannenden Handlungen setzt und dabei gewisse Anzeichen von Verfolgungswahn als ständige Begleiter mit sich herum schleppt, zum Teil natürlich berechtigt.

Todesopfer ist trotz der eher schwierigen Personen gar nicht so übel zu lesen. Die Autorin, die sich beim Handlungsstrang auf alte Sagen beruft und dabei auch vor in Leichen geschnitzten Runen nicht zurück schreckt, kann Spannung aufbauen, aber leider nicht sonderlich gut halten. Über lange Strecken plätschert die Geschichte zwischen Misstrauen gegenüber jedem Mann, stürmischer See und einer vermeintlichen Entbindungsanstalt auf einer unwirtlichen Insel dahin, gepaart mit schlimmen Ahnungen über Organentnahme, Kinderadoption, Missbrauch von Frauen und Kindern und tödlichen Ritualen einer Herrenrasse.

Dieses Todesopfer ist für einen Erstling ganz brauchbar geschrieben. Die Sprache ist locker lesbar und die ganze Geschichte nicht sonderlich schwierig zu verstehen. Ein richtiger Reißer ist dabei aber nicht heraus gekommen, lediglich eine Geschichte, die man liest und schnell wieder vergisst. Von der beworbenen "mitreißenden Lektüre, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt!" ist jedenfalls nicht viel zu bemerken.

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