Taxi nach Leipzig

Erschienen: Januar 1970

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1970, Seiten: 120, Originalsprache, Bemerkung: Veröffentlicht unter dem Pseudonym Jacob Wittenbourg
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1971, Seiten: 120, Originalsprache
  • München: Heyne, 1983, Seiten: 188, Originalsprache, Bemerkung: Ungekürzte, überarbeitete Ausgabe
  • München: Heyne, 1990, Seiten: 375, Originalsprache, Bemerkung: Vom durchgesehen und überarbeitet
  • Köln: Edition Köln, 2008, Seiten: 184, Originalsprache

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Jochen König
Fast ohne Verbrechen, aber voller Opfer.

Buch-Rezension von Jochen König Jul 2008

Ein Amtshilfeersuchen aus der DDR lässt den Hamburger Hauptkommissar Trimmel aufhorchen: Am Rand der Transit-Autobahn wird die Leiche eines kleinen Jungen gefunden. Da er Kleidung aus dem Westen trägt, werden Verbindungen dorthin gesucht. Doch wenige Tage später wird das Ersuchen zurückgezogen, der Fall scheint geklärt. Nicht für Trimmel. Sein Spürhundsinn ist geweckt, er macht den Fall des toten Chris Billsing zur privaten Chefsache und beginnt zu ermitteln. Diese Ermittlungen führen ihn illegalerweise nach Leipzig und Umgebung zur Mutter des Jungen und ihrem Geliebten, einem Offizier der Volkspolizei. Der Vater des Jungen lebt als erfolgreicher Unternehmer im Westen und Trimmel hegt bald einen Verdacht, der sich schnell bestätigen wird. Er spielt alle Beteiligten gegeneinander aus, wird am Ende selbst klüger dastehen, doch gleichzeitig trauriger, denn was er herausgefunden hat, sind Fälle hoffnungsloser Liebe und Verzweiflung, die grenzübergreifend Menschen zu fragwürdigen Aktionen und Reaktionen treiben.

Ein Roman (fast) ohne Verbrechen, aber voller Opfer. Ein deutscher Krimi-Klassiker und das nicht nur, weil Taxi nach Leipzig die Vorlage für den ersten Tatort der ARD lieferte. Werremeiers Paul Trimmel ist eine faszinierende Figur, ein egoistischer Einzelgänger, der seine Wahrnehmung und sein moralischen Impetus über Gesetz und Ordnung stellt und nur seinem Empfinden gehorcht. Unter anderem weil er den Bildern seiner eigenen Vergangenheit ausgeliefert ist, die ihm Antrieb und Last sind. Werremeier braucht nicht viele Worte, um seine Protagonisten zu charakterisieren. Ihm genügen knappe Gesten, Erinnerungsfetzen, die beizeiten hervorgeholt werden und eindeutige Aussagen. Ein Trimmel hat es nicht nötig über die malade Welt zu schwadronieren, er benennt das Übel kurz und sucht nach Wegen ihm zu entkommen. Das gelingt nicht immer perfekt, zumeist müssen die Menschen um den wortkargen und gleichzeitig eloquenten Kommissar herum zu ihrem Besten gezwungen werden. Als es vollbracht ist, mögen ihn seine Mitmenschen noch weniger als vorher, den grantigen Misanthropen, der seiner Natur nach ein Gerechter sein möchte.

Taxi nach Leipzig ist natürlich auch eine kurze, knappe Bestandsaufnahme bundesdeutscher Wirklichkeit in den ausgehenden 60ern, die Geschichte einer aufreibenden Ost -West Beziehung, bei der die Grenzen zwischen Liebe und Berechnung immer fließend sind. Zurückblickend sind das seltsame Rituale und Vorschriften, die Reise in eine Zeit, die so weit zurückzuliegen scheint und doch nur ein knappes Gestern ist. Wer Foren-Kommentare zur Tatort-Wiederholung liest, ahnt wie fremd Werremeiers Deutschland und seine Verhältnisse in Teilen schon geworden sind. Grund genug, Taxi nach Leipzig zur Schullektüre zur erklären und sei es nur um fragende Gesichter zu bestaunen und Kommentare auf der Krimi-Couch erleben zu dürfen, die sich beklagen, zu welch harter Gedankenarbeit man arme Schüler heutzutage zwingt. Ganz so stimmt das nicht, denn Taxi nach Leipzig ist neben allem anderen auch ein düsterer, durchaus spannender Kriminalroman, der seine Spannung aber aus den personellen Konstellationen zieht und nicht aus äußerlicher Aktion, obwohl tatsächlich ein Schuss fällt und Trimmel das ein und andere Mal rigide und effektiv handgreiflich wird.

Was die erzählerische Ökonomie angeht ist, Taxi nach Leipzig ein Paradebeispiel. Werremeier genügen kurze Skizzen, um Beweggründe und Beziehungen zu umreißen. Er fordert den Leser, weil er nicht alles bis ins Letzte ausmalt, nicht zu Tode erklärt, was selbst herausgefunden werden kann.

Einige, wenige altbackene Formulierungen verzeihen wir gerne und behaupten, dass etliche skandinavische Autoren der Gegenwart Trimmel (und seine Kollegen) sehr genau zur Kenntnis genommen haben. Mankells Wallander ist z.B. nur ein blasses Abbild des egozentrischen Kleinbürgers Trimmel, der ebenso wie seine Nachfolger am Ungleichgewicht der Welt leidet, dies aber nicht zu elogen aufs Jammertal nutzt, sondern einfach weitermacht. Auch wenn die Erlösung ausfällt. Stattdessen:

 

Das Mädchen hat gefroren, von Anfang an, als Trimmel ihr befahl: "Zieh dich aus!" Er hat sie ausgezogen bis auf das Hemd, wie er Landsberger, Klaus und Eva Billsing sozusagen auch bis aufs Hemd ausgezogen hatte... Dann hatte sie auch noch das kurze Hemd ausziehen müssen, aber mehr fand beim besten Willen nicht statt.

 

Besser kann man´s kaum ausdrücken. Respekt!

PS.: Was waren das noch Zeiten, in denen ein Hauptkommissar von sich behauptete, noch mit neun Bier und Korn Auto gefahren zu sein. Käme heute beim Lektorat nicht mehr durch. Wir wissen alle, das Betrunkene im Straßenverkehr nichts zu suchen haben, aber diese radikale Unbedarftheit, die aus Selbstverständnis und nicht aus Posen geboren ist, geht immer mehr verloren. Und das ist schade...

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