Sternstunde der Mörder

Erschienen: Januar 1997

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Knaus, 1995, Seiten: 476, Übersetzt: Karl-Heinz Jähn
  • München: Goldmann, 1997, Seiten: 476, Übersetzt: Karl-Heinz Jähn

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Eva Bergschneider
Ein Appell an die Menschlichkeit

Buch-Rezension von Eva Bergschneider Jul 2008

Sternstunde der Mörder ist der erste und bisher einzige Kriminalroman des tschechischen Dramatikers und Politikers. Pavel Kohout hat die tschechische Stadt Prag im Jahr 1945 während der letzten Tage der deutschen Besatzung zum Schauplatz einer Mordserie auserkoren. Die Mehrdeutigkeit des Buchtitels fällt sofort ins Auge, denn die tschechische Hauptstadt erlebte in den letzten Tagen des Naziterrors die blutigsten Kämpfe des Zweiten Weltkriegs. Als am 9. Mai die Rote Armee in der Moldau-Metropole eintrifft, sind dem Aufstand bereits mehr als 1600 Tschechen, 900 Deutsche und 500 Russen zum Opfer gefallen.

Ausgeweidete Häuser und Leichen

Inmitten eines Bombardements ist die deutsche Baronin Elisabeth von Pommern das erste Opfer eines Serienmörders. Da ein tschechischer Täter vermutet wird, kommt es zu einer Kooperation der Protektoratspolizei mit der deutschen Ordnungsmacht. Die Gestapo hat so einen Vorwand gefunden, den Feind auszuspionieren. Doch dem Mörder kommt es nicht auf die Nationalität seiner Opfer an, sondern darauf, wie er tötet. Sein nächstes Arrangement vollzieht er an der Tschechin Barbora Pospíchalová, deren Zurschaustellung er allerdings durch einen versehentlichen Wohnungsbrand vernichtet. Und danach trifft es zwei Frauen, die die Gräber ihrer gefallenen Ehemänner besuchen. Verfolgt der nun als "Witwenschlächter" titulierte Mörder seine Beute vom Friedhof aus?

Werden aus Feinden Kollegen?

Hauptkommissar Beran und sein Assistent Morava von der tschechischen Protektoratspolizei und der deutsche Oberkriminalrat Buback ermitteln nun gemeinsam. Der in Prag geborene Buback scheint ein ernsthaftes Interesse an der Aufklärung der Morde zu entwickeln. Immer weniger fügt er sich in die Rolle des Kontrolleurs und agiert stattdessen an Moravas Seite als Kriminalist.

Inzwischen gerät die politische Situation in Prag immer mehr außer Kontrolle, denn die verhasste Besatzungsmacht liegt am Boden. Wer nicht fliehen kann, setzt sich dem kaum noch verhohlenem Hass der Unterdrückten aus. Auch der Serienmörder, der immer wieder im Chaos entwischen kann, findet neue Wege, seinen Liebe zur Gewalt auszuleben.

Wer führt was im Schilde?

Drei Personen stehen im Mittelpunkt dieser Kriminalgeschichte am historischen Scheitelpunkt des 20. Jahrhunderts. Die Persönlichkeiten des Tschechen Morava, des Deutschen Buback und des Serienmörders könnten kaum unterschiedlicher sein und haben dennoch Gemeinsamkeiten.

Im Zusammenspiel der beiden Kriminalisten entsteht immer wieder eine spannungsgeladene Atmosphäre. Lange ist ungewiss, ob Buback seine Kollegialität nur vortäuscht, um den Tschechen schließlich in den Rücken zu fallen.

Der Autor charakterisiert den Mörder als einen Psychopathen, der im Auftrag einer inneren Stimme killt. Die Gründe, warum er die Frauen tötet, haben durchaus Ähnlichkeit mit den Motiven der selbst ernannten Herrenmenschen, die vorgeben, die Welt vom Übel zu befreien.

Als Buback und Morava dem Killer immer näher kommen, steigert sich die Anspannung und schlägt anschließend in Frustration um. Der Täter kann immer wieder entwischen und seine Spur verliert sich im Chaos.

Thriller und historisches Politdrama

Ein Appell an die Menschlichkeit zieht sich als roter Faden durch Kohouts Werk, das sich wie ein Krimi liest und historische Fakten lehrt. Der Autor verbindet die Schicksale von Menschen, die sich in einer Zeit der Ungewissheit voller Misstrauen beäugen und dennoch zusammen arbeiten, um einen Mörder aufzuhalten. Die politische Krise, die in Prag unmittelbar nach Hitlers Tod ausbricht, vertauscht die Rollen der Unterdrücker und der Unterdrückten.

Kohout stellt dem politischen Wahnsinn die individuelle Perversion des Serienkillers gegenüber. Zugleich beschert uns der Autor tiefe Einblicke in die Seele desillusionierter Menschen, die sich sowohl auf der Täter- als auch auf der Opferseite des Naziterrors befinden. Dabei enthält er sich jeglicher Wertung, sondern demonstriert, wie oft sich menschliches Handeln nicht in Gut-Böse Kategorien einordnen lässt.

Sternstunde der Mörder hat Kohout in einem gehobenen, klassischen Stil, den der Übersetzer effektvoll in die deutsche Sprache übertragen hat, geschrieben. Es ist beeindruckend, wie treffsicher der Autor formuliert. Sätze wie:

 

Dass dieser Mensch, [...] seine Familie beizeiten in Sicherheit brachte, kam Buback menschlich begreiflich vor, doch dass er als Haupt der hiesigen Reichsjustiz [...] einen hundsgemeinen Raub beging, verschlug ihm den Atem. [..]. Schweigend blickte er auf den schweren Flügel, der im Wagen verschwand.[...]

Ratte! dachte Buback wütend. Ratten wie Du haben alle Völker Europas gegen uns aufgehetzt und jetzt verlassen sie als erste mit ihrer Beute das sinkende Schiff.

 

bringen ihre eindringliche Botschaft genau auf den Punkt.

Dem Autor ist mit Sternstunde der Mörder einerseits ein packender Krimi mit vielschichtigen Figuren, vor allem aber ein kluges und engagiertes zeitgeschichtliches Portrait gelungen, das trotz der historischen Kulisse eine Fülle brandaktueller Aspekte diskutiert - eine außergewöhnliche Kombination aus guter Unterhaltung und geistiger Horizonterweiterung.

Sternstunde der Mörder

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Letzte Kommentare:
31.08.2009 13:50:56
Bio-Fan

Das Leidliche an Perlen ist, dass sie meist gut versteckt sind. Wer schon bringt den Namen des Schriftstellers und Bürgerrechtlers Pavel Kohout in Verbindung mit einem Kriminalroman, der dann auch noch von (mindestens) einem Serienmörder handelt.

Zum Inhalt muss ich nichts sagen, denn das hat Eva Bergschneider in ihrer vorzüglichen Rezension schon getan, die ich nur unterschreiben kann.

Die "Sternstunde der Morder" ist kein Buch, das man so eben weg lesen kann. Es fordert eine ungeteilte Aufmerksamkeit, da zum einen die Situation in Prag bei Kriegsende äusserst kompliziert ist, zum anderen weil Kohouts Beschreibungen von Gedanken und Gefühlen der handelnden Personen sehr detailliert und emphatisch sind.

Klare Empfehlung! 95 Grad!

07.11.2008 16:53:38
Anja S.

Dieses wunderbare Buch ist weit mehr als ein Krimi. Die verschiedenen Charaktere sind differenziert ausgearbeitet, die Handlung intelligent zusammengesetzt. Das Ende bzw. der allerletzte Satz ist jedoch sehr bitter, da spricht die persoenliche politische Erfahrung des Autors...
Sehr lesenswert, mehr davon!

06.08.2008 11:47:44
achim

Bereits 1995 bei Albrecht Knaus in einer gebundenen Erstveröffentlichung erschienen, beweist der Roman auch 13 Jahre später immer noch seine Qualität. Der Prager Schriftsteller Pavel Kohout wurde 1969 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und mehr als 20 Jahre totgeschwiegen. Ganz so lange mussten wir zwar auf eine Besprechung auf der KC dieses grandiosen literarischen Krimis nicht warten, dennoch verging eine sehr lange, eine zu lange Zeit. Bekannten, denen ich in den letzten Jahren diesen Roman immer wieder mal empfohlen habe, konnten mit dem Titel absolut nichts anfangen, er war ihnen gänzlich unbekannt. Zum Glück erinnert jetzt die KC an dieses Highlight.

Sehr geschickt vernetzt Kohout hier als leichten Einstieg Lesestoff a la "Tess Gerritsen" im Verlauf des Romans mit zunehmender Literatur.
Die Personen und ihre Beweggründe, ihre Zerrissenheit und ihre Überfordertheit mit den Geschehnissen ist "erste Sahne".
Alle Leser, die sich auch mal etwas intensiver mit einer Geschichte beschäftigen wollen, die Tiefgang und eine elegante Erzählweise aufweist, können "Sternstunde der Mörder" nicht unbemerkt liegen lassen. Ein Stück Kriminalliteratur die zum Denken anregt.

Ich vergebe dafür 95°

12.07.2008 17:18:42
hawkeye

Großartiges Buch. Habe es bereits vor ca. 10 Jahren gebannt verschlungen und finde es großartig, dass es jetzt wieder lieferbar ist. Hier ist der seltene Fall zu finden, wo ein hervorragnder Literat auch als Krimiautor großes leistet.
Wer Joseph Kanon, Robert Wilson oder auch die Bernie-Gunther-Krimis von Philip Kerr mag, wird hier bestens bedient !

12.07.2008 17:16:35
hawkeye

Großartiges Buch. Habe es bereits vor ca. 10 Jahren gebannt verschlungen und finde es großartig, dass es jetzt wieder lieferbar ist. Hier ist der seltene Fall zu finden, wo ein hervorragnder Literat auch als Krimiautor großes leistet.
Wer Joseph Kanon, Robert Wilson oder auch die Bernie-Gunther-Krimis von Philip Kerr mag, wird hier bestens bedient !