Verkaufte Seelen

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Faber & Faber, 2007, Originalsprache
  • München: Droemer, 2008, Seiten: 409, Übersetzt: Bernhard Robben

Couch-Wertung:

68°
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Jochen König
Die russische Seele, Dostojewskij <cite>und dick eingemummte Käfer</cite>

Buch-Rezension von Jochen König Mai 2008

Zwei Tote einem Petersburger Park lassen den ermittelnden Staatsanwalt Porfiri Petrowitsch auf den Plan treten. Offensichtlich ein Mord und ein Selbstmord aus Reue, doch die Umstände lassen den ermittelnden Beamten misstrauisch werden. Zurecht, denn wie sich herausstellt, starb der mutmaßliche Mörder an einer Vergiftung und nicht an der Schlinge um seinen Hals, und die Spuren an seiner Leiche sprechen gegen seine Mitwirkung an der Ermordung des Kleinwüchsigen in dem Koffer zu seinen Füßen. Gegen den Widerstand seines Vorgesetzten - und unter Zuhilfenahme gewiefter Tricks - beißt sicht Petrowitsch an dem Fall fest und stößt auf eine Gruppe Menschen, die jeweils gefangen in unterschiedlichen Familienbanden, in einen Strudel geraten, der noch mehrere Opfer in den Tod reißen wird.

Porfiri Petrowitsch ist eine Figur der Weltliteratur, ist er doch jener Staatsanwalt aus Dostojewskijs Schuld und Sühne (auch bekannt als Verbrechen und Strafe), der in Raskolnikow schon früh den Mörder erkennt und ihm trotz dessen Schuld, mit Neugierde, Scharfsinn und väterlichem Verständnis gegenübertritt. Eigenschaften, die ihn zu einem Vorfahren und -bild Columbos machten (wenn man den Erfindern des findigen TV-Ermittlers Glauben schenken darf) und die sich auch in Morris Roman finden.

Petrowitsch ist ein moderner Ermittler, der einerseits Spuren liest und interpretiert, die Forensik bemüht und andererseits psychologische Profile erstellt, denen er seine Handlungsweisen und Ermittlungen anpasst. Das er dabei nicht auf die Gegenliebe seiner Vorgesetzten stößt, denen Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit eher hinderlich erscheinen, wenn sie den ruhigen Fluss der Dinge durcheinander bringen (warum ermitteln, wenn man Täter und Opfer auf dem Präsentierteller serviert bekommt?) dürfte klar sein, und unterscheidet sich in nichts von dem, womit seine Nachkommen noch Jahrhunderte später zu kämpfen haben werden. Doch hartnäckig wie er ist, gräbt sich Petrowitsch durch eine Welt aus Armut, Sehnsucht nach Leben voller Anerkennung, hochtrabenden Philosophien und niederen Gelüsten. Dabei versucht er verzweifelt den Studenten Pawel Pawlowitsch Wirginski zu retten, der ihn augenscheinlich an Rodion Raskolnikow erinnert. Natürlich will er die ganze Welt retten, ist aber froh, wenn es wenigstens bei der ein oder anderen armen Seele gelingt. Bei einem Buch mit dem vorliegenden Titel nur zu verständlich.

Roger Morris hat mit Verkaufte Seelen einen historischen Thriller geschrieben, der sich ungeniert bei großen Vorbildern bedient. Er tut dies auf ungenierte und sympathische Art, weswegen man ihn eigentlich mögen muss, aber er stolpert auch das ein oder andere Mal und legt sich böse aufs Gesicht oder das Gesäß. Zum einen beginnt der Roman mit einer Sequenz, die ihn sofort aus der Bahn wirft, da der Leser innehält und erst mal darüber nachdenken muss, was er da gerade gelesen hat. Da stolpert eine Romanfigur "mit gedankenloser Zielstrebigkeit" durch einen Park, und weil es kalt ist, "dick eingemummt [...] wie ein Käfer". Mit offenem Mund stellt man sich nun einen Marienkäfer im Pelz vor, der gedankenlos, aber zielstrebig, kopfüber in eine Windschutzscheibe kracht.

Glücklicherweise sind Ergüsse dieser Art selten und im weiteren Verlauf weniger offensichtlich. Schieben wir es auf den Übersetzer und konstatieren Morris, einen gemütlichen Kriminalroman geschrieben zu haben, der ein wenig zu offensiv mit dem volksmundigen Begriff der "russischen Seele" spielt, der sich am Anfang in all seinen Irrungen, Wirrungen, Vermutungen und Verdächtigungen spröde hinzieht, bevor er im Schlussdrittel tatsächlich einen spannenden und düsteren Höhepunkt findet. Dabei huldigt er leider modernen Brutalismen, denen er zuvor erfolgreich aus dem Weg gegangen ist. Als wären eingeschlagene und zertrümmerte Gesichter erforderlich, um aus einem klassisch angehauchten Detektivroman ein modernes Stück Spannungsliteratur zu machen. Mag sein, dass in Zeiten, in denen lautstark härtere Kost verlangt wird , dieser Weg der erfolgreichere ist, nötig ist es hier keinesfalls.

Aber das geht Hand in Hand mit einer anderen Schwachstelle, die seltsamerweise das Buch gleichzeitig aufwertet. Porfiri Petrowitsch ist ein viel zu moderner Ermittler. Fast scheint es, als hätte sich Gil Grissom (aus der TV-Serie CSI) in eine Zeitmaschine gesetzt und wäre ins Russland Mitte des 19. Jahrhunderts gereist. Das macht diesen feinfühligen Rationalisten liebenswert, ist er doch für Rezipienten des 21. Jahrhunderts eine sehr nachvollziehbare Figur im Kosmos des Elends und der Ausgestoßenen, denen er so gerne gegenüber tritt. Doch wirkt er storyimmanent wie ein Fremdkörper, was ihm von verschiedenen Seiten auch des Öfteren zu verstehen gegeben wird. Morris greift dieses Thema allerdings nicht ernsthaft auf, er spielt lediglich mit Versatzstücken, ohne das sich irgendwelche Konsequenzen daraus ergeben. Am Ende wird ein Mörder überführt und alle behalten irgendwie recht. Das Buch endet unverbindlich im Nirgendwo und linst bereits mit einem Auge auf die Fortsetzung, die unweigerlich kommen wird.

Aus der Rubrik "dümmer geht's immer": Da wirbt die "Times" doch tatsächlich mit dem Ausspruch: "Im Vergleich zu Dostojewski gibt es unbezweifelbare Vorteile. Verkaufte Seelen ist viel kürzer als Schuld und Sühne - und viel leichter zu lesen." Noch kürzer ist vermutlich Morris Einkaufszettel für nächste Woche. Und leichter zu lesen auch. Sollte ein Bestseller werden.

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