Nachts in der Stadt

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • London: Michael Joseph, 1938, Titel: 'Night and the City', Originalsprache
  • Berlin: Maas, 2002, Seiten: 415, Übersetzt: Ango Laina, Bemerkung: Pulp-Master Bd. 13

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Thomas Kürten
Das meint Krimi-Couch.de: In der Gosse

Buch-Rezension von Thomas Kürten Mär 2008

Nicht viele Schriftsteller schaffen es, sich an die Spitze von Triumph und Ruhm zu schreiben. Noch weniger bringen es fertig, danach auch wieder ganz unten zu landen, arm und beinahe mittellos am Ende der sozialen Leiter. Gerald Kersh hat das durchlebt, vom begabten, jungen Wortakrobaten zu einem der bestbezahlten Autoren Englands und schließlich zu einem Leben am Rande des Existenzminimums. Kersh inspirierte und inspiriert auch heute noch, 40 Jahre nach seinem Tod im Jahre 1968, namhafte Autoren des Genres. Nachts in der Stadt ist einer seiner frühen Romane aus dem Jahre 1938 und beschreibt das Nachtleben in Londons berüchtigtem Rotlichtviertel Soho.

Harry Fabian ist ein Aufschneider. Von seinem ersten Satz in diesem Roman an weiß man, mit welcher Sorte von Ganove man es hier zu tun hat: Fabian ist ein Blender, der gerne mit dem großen Geld um sich schmisse, es aber nie besitzen wird. Sein Plan zu Geld zu kommen lautet, eine Veranstaltungsagentur für Ringkämpfe zu gründen, doch dafür fehlt ihm das Startkapital von schätzungsweise 200 Pfund - eine immense Summe im England der 30er Jahre. Sein Kumpel Figler willigt ein, sich bei dem Deal hälftig zu beteiligen. Er ist davon überzeugt, dass Harry binnen einer Woche niemals 100 Pfund zusammen bekommt. Doch da irrt sich Figler in seiner ansonsten guten Menschenkenntnis.

Leben und sterben lassen

Der Roman ist in drei Bücher aufgeteilt. Im ersten Buch wird beschrieben, wie man sich im Londoner Millieu auf die Schnelle mit Bargeld versorgt: durch Erpressung und Kreditbetrug. Das zweite Buch beschreibt dann, wie schnell man das Geld in Soho wieder verprassen kann. Die Offenbarung folgt im dritten Teil, in dem die bis dahin vorgestellten Figuren ihrem persönlichen Inferno entgegen laufen. Um es an dieser Stelle klar zu sagen: Nachts in der Stadt ist kein Krimi im engeren Sinne, bedient sich aber vieler Elemente der Pulp- und Hardboiled-Klassiker und hat deshalb seinen Platz auf der Krimi-Couch verdient.

Der Roman beschreibt die Schicksale einer ganzen Reihe von Glücksritter, die dem Lockruf des schnellen Geldes nicht widerstehen können. Da ist der Gauner Fabian, der von der Prostituierten Zoe aus der Gosse geholt wurde. Zoe geht für beide anschaffen und gibt den Großteil ihrer Einkünfte an Fabian weiter. Figler, der den größten Ramsch zu Geld macht, weil er ein großes Netzwerk von Kontakten unterhält. Da ist ein Phil Nosseross, dem ein Nachtclub gehört und der es versteht, den Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen. Da ist seine eifersüchtelnde Frau Mary. Da sind Vi und besonders Helen, zwei leichte Mädchen, die als Tänzerinnen im Club arbeiten. Da sind mit dem Black Strangler, Ali und Kration, drei Ringer, die sich von Fabian Promotions mit leeren Versprechungen anheuern lassen. Und da ist Adam, der sein Herz an die Bildhauerei verloren hat, aber damit kein Geld verdienen kann.

Der ganz normale Wahnsinn

Kersh nutzt diese Figuren, um eine Milieuskizze anzufertigen, die das London der Dreißiger Jahre auferstehen lässt. Jede dieser Figuren wirkt, nicht zuletzt dank geschliffener Dialoge, lebensecht und durch und durch authentisch. Beängstigend ist dabei, mit welcher Vehemenz diese Figuren vom Verbrechen in den unterschiedlichsten Spielformen umgeben sind. Prostitution mutet dabei noch als das harmloseste an, gegen das jedoch seitens der Polizei besonders vehement durchgegriffen wird. Betrug, Erpressung und Menschenhandel sind der Herzschlag, der das Blut in Soho pulsieren lässt. Ja, es stirbt auch ein Charakter. Doch es ist kein Mord, eher ein vornherein billigend in Kauf genommener Tod, der der Schäbigkeit einer Hinrichtung jedoch in nichts nachsteht.

Nachts in der Stadt ist ein empfehlenswerter Roman, weil seine Figuren - obwohl es sich fast durchweg um Egoisten handelt - so gut miteinander harmonieren. Das Zusammenspiel der Charaktere, die sich in den Nächten Sohos immer wieder über den Weg laufen, ist geschliffen von der ersten bis zur letzten Seite. Hinzu kommen immer wieder treffsichere und einfühlsame Dialoge. Man verzeiht dem Autor gerne, wenn er um Atmosphäre zu schaffen immer wieder abschweift und Nebenschauplätze aufmacht. Man verzeiht ihm die über zehn Seiten lange Beschreibung eines Ringkampfes, die ihm zwar äußerst packend gelungen ist, die aber auch die Handlung nicht wirklich voran bringt. Nachts in der Stadt ist ein stimmungsvolles und mitreißendes Werk, das auch nach siebzig Jahren nichts an Qualität eingebüßt hat.

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