Todeslied

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Montréal: Éditions Québec, 1991, Titel: 'La lune rouge', Originalsprache
  • München: Knaur, 2008, Seiten: 277, Übersetzt: Anna Krantz

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Jochen König
Eine düstere literarische Variante von 'Ausgerechnet Alaska'

Buch-Rezension von Jochen König Mär 2008

Als Dr. Francois Robidoux während seiner turnusmäßigen Visite der Ile d'Entrée, der einzigen Magdaleneninsel im südöstlichen Sankt-Lorenz-Golf ohne Straßenverbindung zu den anderen Inseln, aufgrund der stürmischen Wetterverhältnisse hängen bleibt, ahnt er nicht, dass er bis zum Ende seines Aufenthalts drei Totenscheine ausstellen muss. Alles ist dabei: ein natürlicher Tod, ein Mord und ein Suizid. Am Schlimmsten vermutlich für Robidoux: mit zwei der Toten hatte er in der regnerischen Halloween-Nacht, in der das dramatische Geschehen seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht, Sex. Was ihn in den Augen des ermittelnden Sergeanten mit dem freundlichen Spitznamen "Krabbe" natürlich zum Hauptverdächtigen macht. Zum Glück für ihn, bieten sich weitere Verdächtige an: der hoffnungslos verliebte Bürgermeister Randy Aitkens, der impotente Pfarrer Jeffrey Ballantyne auf der Flucht vor seiner großen Liebe, sowie etliche Inselbewohner, die in jener Nacht sehr umtriebig waren. Eine zentrale Rolle spielt auch die Krankenschwester Gladys Patterson, die "alte Königin der Insel", früher begehrte Schönheit und jetzt verzweifelte Jägerin einer ungestillten Sehnsucht, die die Aura des Geheimnisvollen umgibt. Doch fast nichts bleibt verborgen auf der Ile d'Entrée, denn auch ohne Videoüberwachung wissen die Insulaner genau Bescheid, was in ihrer Gemeinschaft für Heimlichkeiten betrieben werden.

La Lune Rouge - "Der rote Mond", dessen deutscher Titel Todeslied so unpassend wie nur möglich ist (dazu später mehr), ist ein höchst ungewöhnlicher Roman. Während der Prolog und der Epilog in der Ich-Perspektive erzählt werden, bilden 39 recht kurze Kapitel das Epizentrum des Buches. Jedes dieser Kapitel wird eingeleitet durch ein bestimmtes Motto, allesamt Zitate höchst unterschiedlicher Herkunft; da findet sich die Offenbarung ebenso wie Leonard Cohen, Joni Mitchell, Franz Kafka, die Beatles oder Charles M. Schultz, der Erfinder der Peanuts. In meist kurzen Sätzen skizziert Lemieux das Leben auf der Ile d'Entrée, gebrochen durch die Wahrnehmung des auswärtigen Arztes auf Stippvisite, der zum Spielball unterschiedlicher Interessen wird.

Dass das Ganze kein gewöhnlicher Kriminalroman ist, dämmert dem Leser schon nach den ersten Seiten. Denn der Roman beginnt mit dem Tod zweier Hauptfiguren, rollt deren letzten Tage in einer Rückblende noch einmal auf, um im letzten Drittel von der Ausgangssituation aus, das Ende mit seinen Auflösungen einläuten zu können. Am ehesten erinnert Todeslied an eine düstere literarische Variante der Kultserie "Northern Exposure" (Ausgerechnet Alaska), in der die skurrilen Eigenheiten der Bewohner einer Alaskanischen Kleinstadt treffend und witzig seziert wurden. So weit entfernt ist die kanadische Provinz Quebec nicht, zu der die Magdalenen-Inseln gehören. Zwar weicht der schwarz-humorige Unterton der Fernsehserie einer melancholisch-sarkastischen Sicht der Dinge, aber Parallelen sind unverkennbar. Sei es die eigentliche Hauptfigur des jungen, unbedarften Arztes, der sich emotional aufgewühlt in einem Beziehungsgeflecht wiederfindet , dessen Strukturen er erst entwirren kann, als es zu spät ist; sei es die Gelassenheit der Bewohner, die bisweilen in Marc Aurelscher Gelassenheit gipfelt, die da verkündet, dass alles, was geklärt werden muss, sich auch (nahezu von selbst) aufklärt.

Und genau so geschieht es. Dass die Polizei da eher hinderlich ist, bzw. spöttisch betrachtet wird, passt ebenfalls sehr gut ins Bild. Zwar ist die Ermittlungsarbeit des Sergeanten "Krabbe" gar nicht so übel, doch zieht er beständig die falschen Schlüsse und wird am Ende von den anderen Beteiligten ins rechte Licht gesetzt. Ein genauer Umkehrschluss der klassischen Auflösung, die eigentlich dem findigen Detektiv gehört, der die üblichen Verdächtigen um den Kamin versammelt, um sie mit seinem Scharfsinn und Durchblick zu verblüffen.

Todeslied verweigert sich einer herkömmlichen Spannungsdramaturgie, durch seine scheinbar wenig stringente Beiläufigkeit, den Hang zu skizzieren und da herumzutändeln, wo es angebracht scheint. Das Buch ist eine Liebeserklärung ans Leben - ohne den Tod auszusparen, die nachdrückliche Aufforderung das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, Sehnsüchte und Wünsche nicht zu unterdrücken, sondern ihnen nachzugeben. "Everybody's Gotta Learn Sometime", singt The Dream Academy im imaginären Soundtrack, und unsere Protagonisten - so sie noch leben - erhalten die Chance neue Wege zu beschreiten. Sie müssen nur wahrgenommen werden.

Ein ungewöhnlicher "Krimi", spannend gerade in seiner Verweigerung, bzw. dem Spiel mit traditionellen Mustern, gelungen in Figurenzeichnung und Skizzierung von Lebensabrissen, lediglich in wenigen Momenten zu verliebt ins eigene Erzählen. Aber das macht nichts.

Wieder ein Ärgernis: die deutschsprachige Aufmachung. Das beginnt mit dem Titel Todeslied, der nun rein gar nichts mit dem Inhalt gemein hat (und als Vorlage für das kreuzdämliche "Spiel mir das Lied vom Tod" auf der Rückseite herhalten muss), reicht über den Klappentext, der fälschlicherweise einen Häkelkrimi mit einer resoluten Krankenschwester in der Hauptrolle erwarten lässt, zum kitschigen Titelbild (verschneite Straße in nächtlicher Bergregion mit lausig schlecht einkopierter Blutspur auf der Fahrbahn. Nahezu überflüssig zu erwähnen, dass weder Schnee noch Berge, noch Blutlachen eine Rolle im Roman spielen) und endet beim Untertitel "Ein Kanada-Krimi". Okay, die Ile d'Entrée gehört zur kanadischen Provinz Quebec, aber der Inselcharakter spielt eine wesentlich größere Rolle, als der Länderspezifische. Im Verlauf der Handlung nehmen die Protagonisten einiges an Alkoholika zu sich. Da wäre sogar "Ein Sauf-Krimi" der treffendere Untertitel. Jämmerliche Aufmachung, die dummerweise auch am möglichen Zielpublikum um Seemeilen vorbeizielt.

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