Im Namen des Schweins

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Destino, 2006, Titel: 'En el nombre del cerdo', Originalsprache
  • Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt, 2008, Seiten: 565, Übersetzt: Ralph Amann
  • München: Heyne, 2009, Seiten: 565

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Lars Schafft
Arte por el arte

Rezension von Lars Schafft Feb 2008

Genau so stellt man sich einen Literaten vor: Halbglatze, Vollbart, offenes Hemd, dampfende Tasse Kaffee und qualmende Kippe in einer Hand. So hat die Frankfurter Verlagsanstalt Pablo Tusset auf der Rückseite des Umschlags von Im Namen des Schweins abgebildet. Da fügt es sich passend ins Bild, dass der Katalane nach dem riesigen Erfolg seines zweiten Romans in Spanien wie vom Erdboden verschwunden sein soll. Vielleicht arbeite er ein einer Bar in seiner Heimat Barcelona, orakelt es auf der Website des Verlags. Komischer Kauz? Ganz bestimmt. So wie alle seine Figuren in Im Namen des Schweins.

San Juan del Horlá, Spanien: Es ist wahrlich nicht angenehm, was Kommissar José Maria Pujol an diesem Morgen sich erklären lassen muss - den Mord an einer alten, übergewichtigen Frau. Nicht abgestochen wie ein Schwein, dennoch wie eines in einem Viehtransporter zur Schlachtfabrik transportiert und ebenso in handliche Stücke wie für die Metzgerei geschaffen zerteilt - was den Pathologen vor eine knifflige Puzzlearbeit stellt und den Polizisten einen strapazierbaren Magen abverlangt. Zu allem Überdruss hat der Mörder eine Botschaft hinterlassen: "Im Namen des Schweins" hat er auf einen Zettel gekritzelt und diesen im Mund des Opfers drapiert. Kommissar Pujol, eigentlich gar nicht für diesen Mord zuständig und eh kurz vor seiner Pensionierung, kommt nach einem Gespräch mit dem Polizeipsychologen auf eine Idee, die nicht nur in Verbindung mit einem Gemälde von Hieronymus Bosch, sondern auch den Gedichten des Dorfpatricharchen steht. Und schon bald wird die Sache sehr, sehr ungemütlich ...

Pablo Tusset führt in Im Namen des Schweins den Kriminalfall an sich recht schnörkellos ein, um dann aber ganz weit auszuholen. In zwei Erzählsträngen lässt er sich nun viel Zeit, seine Charaktere mit vielen Pinselstrichen zu zeichnen: Auf der einen Seite, "in der Welt", wie es über den Kapitel steht, ermittelt Kommissar Pujol und krempelt dabei nebenbei sein Leben komplett um. Auf die bevorstehende Pensionierung scheint er plötzlich wenig Lust zu haben, schwärmt wie aus heiterem Himmel für gelbe Audi A3s - und dabei gehört er eher zu den Fahrern, die das Tempolimit unterschreiten -, kauft sich nicht nur erstmals einen CD-Player, sondern auch Alben von Manu Chao, und sorgt sich darüber, dass er für einen Notar anstatt eines Kommissars gehalten wird.

Auf der anderen Seite - fast wörtlich: in den USA - führt Tusset mit dem Ermittler T. (Tomas, ein Ziehsohn Pujols), die zweite Hauptfigur des Romans ein. Was T., Testosteron-geschwängert auf Frauen- wie Prügeljagd am Big Apple, mit der Geschichte zu tun hat, bleibt lange unklar. Eigentlich fühlt er sich pudelwohl in der Anonymität der Metropole (diese Kapitel hat Tusset mit "Im Paradies" überschrieben), macht dann aber wie Pujol urplötzlich eine Wende - und dann befinden sich beide im selben Fall.

So komplex der Roman strukturiert ist, so wenig nimmt er sich ernst und spielt selbstreflexiv mit dem Genre. Besonders deutlich wird dies, als Tusset den Schriftsteller Quique Aribau einführt:

 

"Vermutlich müsste man nur einen Roman schreiben, in dem steht, dass Jesus Christus schwarz, schwul und außerirdisch war [...] Aber noch während ich darüber nachdenke, wie man das alles dokumentiert, möchte ich lieber vom Erdboden verschwinden und etwas Einfaches schreiben. Lange Rede, kurzer Sinn: Mir schwebt vor, einen Krimi zu schreiben."
"Aha..."
"Na ja, ich denke nicht, dass es ein echter Krimi wird, weil mir Detektivhandlungen nicht liegen."

 

Das, was Tusset hier seinem Schriftsteller im Buch in den Mund legt, kann so durchaus autobiographisch verstanden werden. Dazu ähnelt dieser Quique Aribau auf frappierende Weise dem Foto des Autors. Ein Schalk, der Böses dabei denkt, soll dieser Aribau doch auch noch eine bedeutende Rolle zur der Lösung des Mords beitragen...

Im Namen des Schweins ist sicherlich kein Kriminalroman für Puristen. Vielmehr einer für literarische Schlemmer, die sich daran begeistern können, wie Pablo Tusset seine Geschichte spinnt, fabuliert und schräg wie pointenreich erzählt. Nicht genre-typisch, vielmehr Kunst um der Kunst willen, l'art pour l'art bzw. arte por el arte. Ein Roman, den man nicht verschlingt, sondern mit Ruhe genießt.

Im Namen des Schweins

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