Verlieren ist eine Frage der Methode

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Santafé de Bogotá: Grupo Editorial Norma, 1997, Titel: 'Perder es un cuestíon de método', Seiten: 334, Originalsprache
  • Berlin: Wagenbach, 2000, Seiten: 324, Übersetzt: Stefanie Gerhold
  • Zürich: Unionsverlag, 2001, Seiten: 349

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Wolfgang Reuter
Eine Kriminalkomödie auf höchstem Niveau

Buch-Rezension von Wolfgang Reuter Aug 2003

Victor Silampa ist eigentlich Journalist. Er arbeitet für den "El Observador" in Bogotá, daneben auch als Privatdetektiv. Polizeihauptmann Moya, der von Übergewicht geplagte egozentrische Selbstdarsteller, nützt Silampas detektivische Fähigkeiten und lässt ihn mit einem gefälschten Polizeiausweis ungehindert Polizeiarbeit verrichten, an der er selbst offenbar überhaupt nicht interessiert ist. Hauptsache, die Ermittlungen kommen voran und Moyas Foto findet sich in der Presse.

Silampa schildert den aktuellen Fall in einem ersten Polizeibericht:

 

"Sisga - Stausee, Cundinamarca, 16. Oktober. - Gestern wurde am Südufer des Sisga - Stausees die Leiche eines bislang nicht identifizierten Mannes gefunden, der Opfer einer der haarsträubendsten Sühnetaten geworden ist, die die Menschheit jemals ersonnen hat: Der Pfählung... Welche Identität verbirgt sich hinter der rätselhaften Leiche? Was ist das Motiv dieses schrecklichen Verbrechens?..."

 

Das klingt alles sehr schrecklich, doch keine Angst, wir haben es hier nicht mit einem Horrorroman zu tun, ganz im Gegenteil.

Silampa erweist sich als geschickter, logisch denkender Ermittler. Er erkennt schon bald, dass ein gewisses Grundstück am See, welches derzeit von einer Nudisten - Gruppe genützt wird, im Zentrum der Ereignisse steht. Dieses Grundstück ist wegen künftiger Hotelprojekte für die Mafia, für verschiedene Baugesellschaften und korrupte Politiker von erheblichem Wert. Mit Hilfe des kauzigen Buchhalters Estupinán, der in dem Opfer seinen Bruder zu erkennen glaubt, kann Silampa in einer wahrhaft turbulenten Geschichte die Verhältnisse aufklären.

Ein Schriftsteller aus Kolumbien - da denkt man natürlich an den großen Gabriel Garcia Marquez. Doch der um vieles jüngere Santiago Gamboa braucht einen Vergleich nicht zu scheuen. Abgesehen von solchen Äußerlichkeiten wie Kolumbianische Herkunft oder Tätigkeit als Journalisten - was haben beide gemeinsam, was unterscheidet sie?

Manuel Vasquez Montalbán lobt bei Marquez die Spontaneität, aber auch die "verhaltene Maßlosigkeit, die weise Zurückhaltung in der Sprache", ohne verbale Ausuferungen, wie durch schlechte Beispiele aus der lateinamerikanischen oder spanischen Literatur bekannt.

Das gilt auch für Gamboa. Beide sind begnadete Erzähler mit einer schier unerschöpflichen Phantasie, einer Natürlichkeit ohne falsches Pathos und einer Leichtigkeit der Sprache. Marquez ist der Großmeister des "magischen Realismus", Gamboa aber verschwendet keine Zeit an Magie, er ist nüchterner, bodenständiger, vielleicht eine Spur mehr Komödiant, oft mit feiner ironischer Distanz.

Als Beispiel dafür nehme man etwa die Beschreibung der grotesken Irrfahrt der gepfählten Leiche, oder den Abschnitt, wo Silampa durch Zufall dem Mafioso Tiflis die Grundstückspapiere entwenden kann, worauf innerhalb der "ehrenwerten Gesellschaft" eine wilde Jagd auf diese Papiere beginnt. Jeder verdächtigt jeden, einer schwärzt den anderen an, aus Feinden werden Verbündete und umgekehrt, am Höhepunkt steigen zwei gegnerische Parteien unabhängig voneinander zur gleichen Nachtstunde in dieselbe Anwaltskanzlei ein, um sie zu durchsuchen. Fast wie eine Opera buffa von Rossini, oder ein Stück von Goldoni.

Aber Gamboa bleibt nicht an der Oberfläche. Er ist ein genauer, oft warmherziger Menschenbeobachter, wie in der nächtlichen Friedhofsszene, wo er dem lepraverstümmelten Totengräber seine ganze Menschenwürde verleiht.

"Verlieren ist eine Frage der Methode" - ein Zitat des chilenischen Schriftstellers Luis Sepulveda. In seinem Buch mit dem Originaltitel "verfehlte Begegnungen" schreibt er über enttäuschte Erwartungen und nicht genutzte Möglichkeiten.

Sind die Figuren bei Gamboa allesamt Verlierer? Fast scheint es so: Polizeihauptmann Moya kennt seit seiner Kindheit Zuwendung nur in Form von Nahrungsaufnahme, reagiert auf Konflikte mit Bulimie - der Ess- und Brechsucht - und definiert sich nur über seinen Körper. Seine Lebensbeichte unterbricht die Handlung abschnittsweise als Aufnahmerede für den "Bibelverein zur Gewichtsreduzierung."

Estupinán, der Gehilfe Silampas, Quica, die Prostituierte, ein Mädchen ohne Zukunft, ein Senator, der seinen Einfluss überschätzt, ein Anwalt, der durch enorme Spielschulden in Abhängigkeit gerät, der Reporter Guzmán, Opfer seines fanatischen Ehrgeizes, und allen voran natürlich Viktor Silampa selbst, der beziehungsunfähige, selbstzweifelnde Melancholiker, der eine Beziehung bezeichnenderweise nur zu einer Kleiderpuppe aufrecht halten kann, in deren Kleider er selbstgeschriebene Zettel mit Lebensweisheiten versteckt, um gelegentlich philosophische Hilfestellung zu bekommen. Sein Beruf als Privatdetektiv ekelt ihn an, seine Fähigkeiten und seine Zähigkeit als Polizeiermittler haben auch viel mit der Suche nach der eigenen Identität zu tun. Alle sind auf ihre Art Verlierer, doch gegen Ende zeigt sich für Viktor Silampa ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Mit Recht schreibt Manuel Vasquez Montalbán über dieses Buch: "Ein unglaublich spannender Roman, mit großer Leichtigkeit geschrieben". Denn spannend und abwechslungsreich ist die Handlung bis zum Schluss. Die wunderbare Sprache ist bestimmt auch der Übersetzung von Stefanie Gerhold zu danken, die sich unter anderem auch mit Übersetzungen von Montalbán hervorgetan hat.

Dieses Buch ist eine überaus gekonnte Gesellschaftssatire, eine Kriminalkomödie auf höchstem Niveau.

Verlieren ist eine Frage der Methode

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Letzte Kommentare:
04.04.2005 11:35:18
Wolfgang Reuter

Lieber Ulrich!
Es tut mir leid, wenn Du dieses Buch umsonst gekauft hast. Ich habe meine Meinung darüber seit damals nicht geändert, im Gegenteil, ich würde heute jedes Wort genauso schreiben.
Als kleinen Ersatz kann ich Dir höchstens einen Kaffee oder ein Bier anbieten, solltest Du mal in Wien sein!
Servus
Wolfgang

04.04.2005 09:06:11
Ulrich

Auch ich kann mich dieser hohen Punktewertung in keiner Weise anschließen. Aufgrund der Lobeshymnen (Kriminalkomödie auf höchstem Niveau) hatte ich das Buch gekauft und bin jetzt doch sehr enttäuscht. Mag ja sein, dass M.V.Montalbán den ursprünglichen Text gelesen hat, wo vielleicht Spontanität in der Sprache eine Rolle spielte, aber da ist ja auch von Zurückhaltung die Rede, und die fällt mir da besonders auf. Kein Witz, kein Elan, keinerlei Wortspiele: eben recht flach. Und wo das Barometer diese hohe Zahl her hat, bleibt mir schleierhaft. Ich habe (fast) alle Bücher von Montalbán gelesen und deshalb bin ich umso enttäuschter: Dass er dermaßen positiv beurteilt hat, führte mich zu einer falschen Wahl des Bücherkaufs.

04.11.2004 22:46:40
b.neumann

Kann die euphorischen Punktwertungen dieses Gamboa-Krimis einfach nicht nachvollziehen! Zweifelsohne hat Südmerika als einer der kriminellen Schmelztiegel unserer Erde beste Voraussetzungen für glaubwürdige Kriminalliteratur, jedoch ist der Akt des gepfählten Opfers das spektakulärste & am nachhaltigsten im Gedächtnis haftende dieses Buches. Mit Verlaub: es nicht mal besonders witzig, da giebt es im unübersichtlichen Dschungel der Kriminalliteratur wesentlich Besseres.
P.S.: Wo ist eigentlich die Schaufensterpuppe geblieben, oder habe ich das verschlafen???...