Tabu

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2008
  • 3
  • Oslo: Aschehoug, 1997, Titel: 'Trollspeilet', Seiten: 455, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 508, Übersetzt: Günther Frauenlob & Maike Dörries
Tabu
Tabu
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Wolfgang Weninger
65°1001

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2008

Leider anfangs sehr schleppend

Bereits 1997 erschien der Erstling des norwegischen Schriftstellers und TV-Journalisten Tom Egeling als Trollspeilet, doch erst jetzt mit elf Jahren Verzögerung hat der Goldmann-Verlag den Thriller als Tabu auf den deutschen Büchermarkt geworfen. Offensichtlich hat der Erfolg des Buches Wolfsnacht den Verlag dazu veranlasst, das über 500 Seiten starke Taschenbuch mit dem Beginn um die Star-Journalistin Kristin Bye in der Übersetzung von Günther Frauenlob und Maike Dörries dem deutschsprachigen Leser nachzureichen.

Kristin Bye, damals noch nicht die Nachrichten-Queen des norwegischen Fernsehens, hat vom Dagbladet zum kommerziellen Nachrichtensender Kanal 24 gewechselt. In der Redaktion ist eine VHS-Kassette eingetroffen, die an sie adressiert war. Darauf ist eine junge Frau zu sehen, mit einem weißen Nachthemd bekleidet, angekettet an die Wand und offensichtlich unter Drogen gesetzt. Kurz darauf wird die Leiche der jungen Frau gefunden. Aber es bleibt nicht bei diesem Video und es bleibt nicht bei dieser Leiche.

Der Täter fordert Kristin Bye heraus. In einer Schnitzeljagd schickt er ihr Botschaften und fordert die Veröffentlichung seiner Videos. Während sich eine Sonderkommission der Polizei unter der Leitung von Runar Vang fieberhaft bemüht, den Täter, der sich selbst den Namen Aquarius zugelegt hat, zu finden, berät man in der Redaktion, ob und wie viel Brutalität man dem Fernsehzuschauer zumuten kann. Man schwankt zwischen Einschaltquoten und journalistischer Ethik, aber Aquarius macht klar, dass jede Nichtveröffentlichung seiner Videobotschaften den sofortigen Tod einer jungen Frau zur Folge hat.

Abwechselnd schildert Tom Egeland die redaktionellen Probleme bei Kanal 24 und die verzweifelten Versuche der Polizeibeamten, zwischen Medienrummel und Druck von oben zu ermitteln. Als Karin Bye schließlich ein Videoband erhält, das sie selbst als künftiges Opfer des Killers zeichnet, beginnt für die Journalistin die Berichterstattung zur tödlichen Gefahr zu werden.

Zentrales Thema in Tabu ist die Frage, wie weit sich die journalistische Wahrheitsfindung mit der Präsentation in der Öffentlichkeit arrangieren kann. Zeigt man die tödlichen Bilder einem Publikum im Fernsehen zur Hauptsendezeit, um Einschaltquoten zu gewinnen, oder verbietet es der Anstand, die Massen mit solchen Sendungen aufzurütteln. Dieses Hinterfragen des journalistischen Standpunktes zwischen dem Recht zur Information und der Beschränkung auf das Notwendige, auch wenn dadurch Seherzahlen verloren gehen, ist vom Fachmann spannender beschrieben, als es die Handlung selbst ist.

Serienmörder möglichst psychologisch abzuhandeln und ihr grausiges Tun zu beschreiben, haben andere Schriftsteller schon brutaler und fesselnder abgeliefert. Da merkt man zu deutlich, dass Tom Egeland einen Erstling abgeliefert hat, der etwa mit Wolfsnacht, dem dritten Teil der Kristin-Bye-Serie, bei Weitem nicht mithalten kann. Am Schreibstil kann man dabei nichts aussetzen, lediglich an Spannungsaufbau und Originalität hinkt der Autor kräftig der Konkurrenz hinterher. Nur dort, wo er sich darauf konzentriert, seine Erfahrungen aus dem journalistischen Bereich in die Geschichte einzubringen, bekommt der Leser stimmige Atmosphäre geboten.

Dazu kommt eine Kristin Bye, die im Wesentlichen keine sympathischen Züge trägt und als Person noch nicht gefestigt ist, so dass der Leser sich mit der Frau nicht identifizieren kann. Auch ihr alter Mentor Gunnar, gerade auf dem Sprung in die Rente, wird als echter Loser geschildert, der sich aber noch ordentlich durchbeißen kann und Kristin journalistisch und menschlich unterstützen darf.

Polizeidirektor Runar Vang ist, trotz seiner Ausbildung beim FBI in Quantico, ein recht farbloser Ermittler, der nach skandinavischem Schriftstellerbrauch ein angeschlagenes Familienleben mit sich schleppt. Seine Ermittlungen sind von Tom Egeland ziemlich einseitig und kurzsichtig gezeigt, aber dies wohl auch, weil hier die Polizei nicht die Lösung des Problems erzwingen darf, sondern die Heldin.

Tabu hat leider nicht genügend Qualität, um eine Topwertung zu erlangen. Die Handlung schleppt sich zu sehr über zwei Drittel der Seiten, bis wirklich die Dramatik so geschildert wird, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Wegen des flüssigen Schreibstils und dem interessanten Milieu in dem dieser Thriller spielt, kann man ihn leicht über dem Durchschnitt ansiedeln.

Tabu

Tom Egeland, Goldmann

Tabu

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