Der langsame Tod der Luciana B.

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Destino, 2007, Titel: 'La Muerte lenta de Luciana B.', Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Eichborn, 2008, Seiten: 208, Übersetzt: Angelica Ammar
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2010, Seiten: 199

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Bernd Neumann
Die Mutation der Mücke zum Elefanten

Buch-Rezension von Bernd Neumann Feb 2008

Der in Buenos Aires lebende Guillermo Martinez ist eigentlich promovierter Mathematiker. Von diesem Fachwissen ist sein erster Kriminalroman Die Pythagoras-Morde (2003) geprägt. Der beachtliche Erfolg des Buches - ausgezeichnet mit dem Premio Planeta und in 31 Sprachen übersetzt - führte dazu, dass Martinez sich mittlerweile ganz dem Schreiben widmet. Auch Der langsame Tod der Luciana B. hat mathematische Anklänge, geschickt verpackt in eine mysteriös angehauchte Handlung mitten in Argentinien.

Hier, im achtgrößten Land der Erde, ist Kloster ein überaus erfolgreicher Schriftsteller. Die Kollegen der schreibenden Zunft beneiden ihn wegen der klugen Gedanken und geschliffenen Formulierungen, die jedes seiner Bücher zu einem finanziell erfolgreichen Bestseller werden lassen. Seine Popularität, sein soziales Engagement lassen den Träger des Ordens der französischen Ehrelegion zu einer anerkannten Größe des argentinischen Alltags aufsteigen. Kloster wird zu einem stoischen nationalen Mythos. Er führt "die unangreifbare, rastlose Existenz einer Berühmtheit" (S. 28), erreicht eine "frenetische Allgegenwärtigkeit" (S.76).

Das schafft - vielfach in der Menschheitsgeschichte nachweisbar - unter dem Deckmäntelchen der öffentlich anerkannten Integrität aber auch Handlungsspielräume für sträfliches Fehlverhalten durch egoistisches Ausnutzen der vorhandenen Machtposition.

Luciana B. ist in Bedrängnis, wird von neurotischen Schuldgefühlen geplagt

Sie war lange Zeit Klosters enge Mitarbeiterin, seine Inspiration. Ihre Schönheit, ihre grazile Haltung und nicht zuletzt ihr anmutiger und Kloster erotisierender Hals (s. gelungene Umschlaggestaltung von Christiane Hahn!) als körperliche Provokation allen Ärgers bringen eine tödliche Lawine ins Rollen.

Schlecht beraten von ihrer störrischen Anwältin zerrt sie den zum Feindbild erklärten Kloster vor Gericht und zerstört in einem langwierigen Schlichtungsverfahren - wenn auch unfreiwillig - das bisher so makellose Privatleben des erfolgreichen Schriftstellers. Kloster gerät durch den Vorwurf von sexueller Nötigung in einen immer heftiger werdenden, bedrohlichen Strudel des Abstiegs.

Hier weckte Der langsame Tod der Lucia B. Erinnerungen an den Filmklassiker Fargo - Blutiger Schnee der Coen-Brüder (1996). Vergleichbar wie beim naiven Autohändler Jerry Lundegaard gerät eine scheinbare Lappalie mehr und mehr außer Kontrolle und entwickelt sich zum Chaos mit verheerenden Folgen für alle Hauptakteure:

 

"Manchmal, selten, wird man im Leben der fatalen Abzweigung gewahr, die eine winzige Handlung birgt. Dass hinter einer trivialen Entscheidung der eigene Untergang lauern kann." (S. 57)

 

Luciana B. verliert innerhalb von zehn Jahren auf tragische Art alle Menschen, die ihr nahe stehen: erst den Freund, dann die Eltern, auf besonders brutale Art den Bruder und dann ihre geliebte Großmutter. Hinter all' den Unfällen, Tragödien, Katastrophen und dem Mord an ihren Bruder vermutet sie einen geschickt eingefädelten Rachefeldzug von Kloster, der den Verlust der eigenen Tochter nie verwunden hat.

Aber ist das möglich, dass ein so erfolgreicher und anerkannter Mann der Öffentlichkeit völlig skrupellos Morde inszeniert? Jeder andere vielleicht, aber nie im Leben der sozial engagierte Kloster!

Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik

Martinez schreibt seinen Roman in der Ich-Form. Luciana B. wendet sich an einen Krimischriftsteller, weil sie vor langer Zeit auch von ihm Manuskripte für zukünftige Kriminalromane per Diktat in einen PC aufgenommen hat.
Mittlerweile zum psychischen Wrack abgemergelt, bittet sie ihn um Hilfe, um Klosters Wüten zu entgehen.

Dieser steht den verschwörerischen Verfolgungswahnideen seiner kurzzeitigen Mitarbeiterin anfangs sehr skeptisch gegenüber. Er kann nicht glauben, dass der erfolgreiche Kloster in der Lage ist, perfekte Morde auch praktisch zu inszenieren. Jedoch erweckte Kloster in der direkten Konfrontation mit ihm den "Eindruck eines Spielers, der sich völlig unter Kontrolle hatte und durchaus imstande war, mit der Wahrheit zu lügen." (S.144)

Feldforschung über Zufallsspiele

Guillermo Martinez, ausgestattet mit der bekannten südamerikanischen Wortgewalt, spielt mit dem Leser und verleitet zum Spekulieren: Wie viel Zufall ist nötig, bis Opfer von scheinbaren Zufallsunfällen und einem Eifersuchtsmord als gesteuerte Ereignisse eines zielorientierten Täters anerkannt und polizeilich aufgeklärt werden?

Hier kann und muss der interessierte Leser gewillt sein, sich auf philosophische Überlegungen des Mathematikers Guillermo Martinez einzulassen. In einer atmosphärisch knackigen Geschichte lässt er uns allein und ungläubig schwankend zwischen Dichtung und Wahrheit, zweifelnd zwischen Baum und Borke, zwischen Fiktion und Realität zurück. Mit seinem zweiten Kriminalroman bleibt Martinez seiner Linie treu, anspruchsvolle Literatur zu schreiben.

Wem das zu wenig Thrill, zu viel philosophische Denkarbeit ist, der könnte nach den knapp 200 Seiten enttäuscht sein. Spannend auf literarisch hohem, wenn auch mitunter etwas verwirrendem Niveau, ist Der langsame Tod der Lucia B. aber zweifelsohne, denn: "Man sollte nicht über das schreiben, was war, sondern über das, was gewesen sein könnte." (S. 150)

Der langsame Tod der Luciana B.

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