Eine Studie in Scharlachrot

  • Lutz
  • Erschienen: Januar 1894
  • London: Beeton´s Christmas Annual, 1887, Titel: 'A Study in Scarlet', Originalsprache
  • London: Ward, Lock & Co., 1888, Originalsprache
  • Stuttgart: Lutz, 1894, Titel: 'Späte Rache', Übersetzt: Margarete Jacobi
  • New York: J.B. Lippincot & Co., 1890, Originalsprache
  • Zürich: Haffmans, 1984, Seiten: 159, Übersetzt: Gisbert Haefs, Bemerkung: Eine Studie in Scharlachrot
  • Frankfurt am Main: Ullstein, 1968, Seiten: 165, Übersetzt: Beatrice Schott
  • Hamburg: Blüchert, 1961, Seiten: 194, Übersetzt: Beatrice Schott
  • München: dtv, 1983, Seiten: 148, Übersetzt: Angela Uthe-Spencker, Bemerkung: Zweisprachige Ausgabe. Mit einem Nachwort von Karl Krejci-Graf
  • Bern: Scherz, 1950, Titel: 'Späte Rache', Seiten: 180, Bemerkung: Die schwarzen Kriminalromane; Bd. 31
  • Stuttgart: Franckh, 1938, Titel: 'Späte Rache', Seiten: 154
  • Zürich: Kein & Aber, 2005, Titel: 'Eine Studie in Scharlachrot', Seiten: 159, Übersetzt: Gisbert Haefs
  • Frankfurt am Main: Insel, 2007, Seiten: 191, Übersetzt: Gisbert Haefs
  • Unterhaching: Naxos, 2004, Seiten: 4, Übersetzt: Iven, Miguel
Eine Studie in Scharlachrot
Eine Studie in Scharlachrot
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Michael Drewniok
75°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Unwiderstehlich und unsterblich

Kriegsversehrt und krank kehrt der junge Armeearzt Dr. John H. Watson aus Afghanistan nach London zurück. Da ihn die Geldnot drückt, stellt ihn ein Freund dem exzentrischen Sherlock Holmes vor, der als "Beratender Detektiv" von Polizei und verzweifelten Privatpersonen immer dann zu Rate gezogen wird, wenn ein Verbrechen unaufgeklärt zu bleiben droht. Die beiden Männer freunden sich rasch an, und so beziehen sie im Januar des Jahres 1881 gemeinsam eine Wohnung, deren Adresse bald die ganze Welt kennt oder (sofern von krimineller Gesinnung) fürchtet: Baker Street 221b.

Watson, den seine schwache Gesundheit dem Berufsleben fernhält, beginnt den Freund zu begleiten, wenn dieser seiner kriminalistischen Arbeit nachgeht. Holmes, ein Einzelgänger, aber nicht frei von persönlicher Eitelkeit, schätzt Watson als Publikum, wenn er sein unvergleichliches Geschick entfaltet, einen Tatort zu "lesen" und die Indizien zu einer Rekonstruktion des verbrecherischen Geschehens zusammenzufügen. Ausserdem erkennt er schnell, dass Watson, der bodenständige Mann der Tat, ihn ideal ergänzt und zügelt, wenn er sich wieder einmal in allzu fantastischen Theorien zu verlieren droht.

In Blut das deutsche Wort RACHE

So ist Watson auch an seiner Seite, als Scotland Yard Holmes im März 1881 bittet, den rätselhaften Mord an Enoch J. Drebber zu klären, den man vergiftet im Zimmer eines verlassenen Hauses entdeckte, an dessen Wand mit Blut das deutsche Wort RACHE geschrieben stand. Aus Cleveland im US- Bundesstaat Ohio stammt dieser Drebber, doch damit erschöpfen sich für die ratlosen Polizisten Gregson und Lestrade die Spuren. Holmes sichtet die dürftigen Indizien und erkennt, dass einem kleinen goldenen Ring besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Nicht Gollum, sondern Drebbers Mörder hat ihn verloren, und er will ihn zurück, was Holmes ausnutzt, um ihm auf die Schliche zu kommen. Das gelingt dem versiertem Ermittler rasch, aber schon früh in seiner an Triumphen bald reichen Karriere muss er erfahren, dass sich hinter Indizien immer auch menschliche Schicksale verbergen. Der Tod von Enoch Drebber ist nur der Schlussakt einer tragischen, von Betrug, religiösem Fanatismus und Mord initiierten und begleiteten Rache, die vor vielen Jahren im noch wilden Mittelwesten der USA ihren Anfang nahm ...

(Eine Vorbemerkung: Da es den hier vorgegebenen Rahmen definitiv sprengen würde, geht Ihr Rezensent nicht explizit auf den Mythos Sherlock Holmes ein, sondern setzt ihn und das Wissen um seinen Status in der Geschichte des Kriminalromans und seinen Quantensprung zum multimedial omnipräsenten Kult voraus. Holmes & Watson sind aus vielen guten Gründen unsterbliche Klassiker - das mag und kann als Fakt durchaus genügen.)

Auch für Conan Doyle: Aller Anfang ist schwer

Aller Anfang ist schwer ... So seien also die Erwartungen nicht gar zu hoch geschraubt, wenn dieses erste Holmes & Watson-Abenteuer von Arthur Conan Doyle zur Lektüre gelangt. "Studie in Scharlachrot" ist trotz seines geringen Umfang ein recht sperriges Stück Literatur, dessen Bestandteile sich nie zu einem schlüssigen Ganzen fügen wollen. Der noch unerfahrene Verfasser ist sichtlich überfordert mit dem Versuch, eine durchgängige Handlung in Romanlänge zu komponieren.

Dabei ist der Start denkbar gelungen; gemächlich zwar, aber sofort fesselnd, denn hier lernen wir schließlich unsere beiden Helden in jungen Jahren kennen. Endlich erfahren wir, wie Holmes und Watson sich trafen, Freundschaft schlossen und ihre Zusammenarbeit begannen. Diese Kapitel sind fabelhaft gelungen; man merkt, dass sich Doyle hier auf sicherem Terrain befindet. Seine Ausführungen über die Wissenschaft der kriminalistischen Deduktion - Sherlock Holmes in den Mund gelegt - können heute noch überzeugen. Doyle war in diesem Punkt ganz auf der Höhe des zeitgenössischen Wissensstandes, manchmal sogar ein gutes Stück weiter, und so langweilt er keinen Augenblick, wenn er über Untersuchungsmethoden referiert, die Ende des 19. Jahrhunderts brandneu und revolutionär waren.

Die grimmige Vorgeschichte des Drebber-Mords

Gut lässt sich dann der eigentliche Kriminalfall an. Anders als seine zahllosen Epigonen lebte und arbeitete Arthur Conan Doyle im viktorianischen London. Seine (teils überraschend lyrischen, teils zeittypisch pathetischen) Beschreibungen der Stadt und ihrer Bürger profitieren von seiner Zeitzeugenschaft. Sherlock Holmes jagt den Übeltäter höchst überzeugend, bis er ihn schließlich dingfest macht. Da befinden wir uns freilich erst auf der Hälfte dieses Romans. Nun schließt sich ein zweiter Teil an, der durchaus unterhaltsam die grimmige Vorgeschichte des Drebber-Mordes erzählt, aber trotzdem nichts mit dem bisherigen Geschehen zu tun hat. "Das Land der Heiligen" stellt daher einen völligen Bruch in der Handlung dar, die sich davon nicht wieder erholen kann.

Das Erscheinen von Sherlock Holmes und Dr. Watson auf der literarische Bühne kann wie gesagt als Erfolg beurteilt werden. Doyle gelingt es sofort, das einzigartige Fluidum zu schaffen, das diese beiden Figuren unwiderstehlich und unsterblich werden ließ. Dabei ist Holmes eigentlich ein eher unsympathischer Charakter - gefühlskalt, arrogant und mit erheblichen sozialen Defiziten. Aber so ist er eben nur auf den ersten Blick. Durch die Augen des Dr. Watson betrachtet, gewinnt Holmes als Mensch, der mehr als eine Denkmaschine ist, wenn man ihn nur zu nehmen weiß.

Die Figur Watson gewinnt ganz neue Dimensionen

Unter dieser Voraussetzung gewinnt die Figur des Watson ganz neue Dimensionen. Bereits in "Studie in Scharlachrot" wird offenbar, dass der gute Doktor weit mehr ist als nur des Meisters bewunderndes Auditorium und später Chronist. "Ohne Sie wäre ich vielleicht nicht hingefahren und hätte so die beste Studie verpasst, die mir je untergekommen ist ..." (S. 53) In immer neuen Variationen werden wir diesen Ausspruch noch hören. Watson, der Systematiker, sorgt dafür, dass sein genialer, aber sprunghafter Freund die Bodenhaftung behält. Seine scheinbar dumm wirkenden Fragen und Lösungsvorschläge verraten den weniger biederen als geradlinig denkenden, mit gesundem Menschenverstand gesegneten Mann, während Holmes gern um einige Ecken zu viel denkt, sich in seinen kunstvollen Theorien verrennt, dank Watson plötzlich den Fall aus einer ganz andere Perspektive betrachtet und erst jetzt der Groschen fällt. Doyle hatte sehr klar erkannt, dass Holmes einen Watson als Vermittler benötigen würde, um von den Lesern angenommen zu werden.

Ansonsten treffen wir ausschliesslich auf viktorianische Archetypen - Adlige sind immer vornehm oder doch wenigstens eindrucksvoll verrucht, Frauen ätherisch und in kritischen Situationen zur Ohnmacht neigend, die unteren Stände wissen, wo ihr gottgegebener Platz auf Erden ist, und überführte Schurken ersparen sich und der Gesellschaft die peinliche Gerichtsverhandlung, indem sie Selbstmord begehen, sich auf der Flucht erschießen oder - wie in unserem Fall - durch eine unheilbare Krankheit dahinraffen lassen. Doyle gehörte stets zu den Stützen des Empires und des Systems, das es hervorbrachte. Es zu hinterfragen wäre allerdings kaum Sherlock Holmes' Aufgabe gewesen.

Anmerkung:

Den seltsamen Titel hat Sherlock Holmes diesem Fall höchstpersönlich gegeben: "Der scharlachrote Faden des Mordes verläuft durch das farblose Knäuel des Lebens, und unsere Pflicht ist es, ihn zu entwirren, zu isolieren und jeden Zoll davon bloßzulegen." (S. 53)

Dazu noch eine Anmerkung: Es sagt sicher viel aus über die deutsche Krimi-Kultur, dass die Werke von Arthur Conan Doyle (einige recht beliebig zusammengestellte Story- Kollektionen ausgenommen) vom Buchmarkt verschwunden sind. Ich habe mir erlaubt, mich auf die Nennung derjenigen Übersetzung zu beschränken, die bis auf weiteres als die maßgebliche gelten muss. Sollte es mir gelungen sein, einen Nachwuchsleser auf das unverwüstliche Duo Holmes & Watson aufmerksam und neugierig gemacht zu haben, rate ich also die antiquarische Suche vor allem auf die Haffmans-Ausgabe zu fokussieren.

Eine Studie in Scharlachrot

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