Schlangenlinien

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • London: Macmillan, 2000, Titel: 'The Shape of Snakes', Seiten: 379, Originalsprache
  • Köln: BMG Wort, 2001, Seiten: 5, Übersetzt: Monika Kroll
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 413
  • München: Goldmann, 2004, Seiten: 414
  • Augsburg: Weltbild, 2003, Seiten: 5, Übersetzt: Monika Kroll
  • Köln: Random House Audio, 2006, Seiten: 5, Übersetzt: Monika Kroll

Couch-Wertung:

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Peter Kümmel
Kann qualitativ nicht an die ersten Romane anschließen

Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Die Geschichte beginnt im Jahre 1978 in einer Londoner Reihenhaus-Siedlung. Annie Butts gilt als Außenseiterin in der Graham Road. Sie ist dunkelhäutig und wird als verrückt angesehen, da sie oft in alkoholisiertem Zustand hüpfend durch die Straße zieht und ihre Nachbarn beschimpft. Für die Bewohner der Straße ist sie nur die "verrückte Annie". Von den Kindern verspottet und von den Erwachsenen diskriminiert und bedroht, die die wildesten Gerüchtete über sie verbreiten, lebt sie zurückgezogen und einsam in ihrer Wohnung zusammen mit ihren Katzen.

An einem verregneten Novemberabend kommt die Lehrerin Mrs. Renelagh nach Hause. Da findet sie Annie offensichtlich betrunken im Rinnstein vor ihrem Haus liegen. Doch Annie ist nicht betrunken, sondern liegt mit schwersten Verletzung im Sterben. Bevor Mrs. Renelagh Hilfe holen kann, stirbt Annie, ohne noch etwas sagen zu können.

Nach der offiziellen Version wurde Annie, als sie betrunken über die Straße wankte, von einem Lastwagen angefahren und gegen einen Laternenpfahl geschleudert. Der Fall wird somit zu den Akten gelegt. Doch Mrs. Renelagh ist als einzige davon überzeugt, dass Annie umgebracht wurde. Sie kann sich nicht damit abfinden, dass die Sergeant Drury von der Polizei den Fall als abgeschlossen ansieht, und beginnt auf eigene Faust nachzuforschen. Auch ihr Mann Sam unterstützt sie nicht, sondern bestärkt die offizielle Version durch seine Aussage, dass er zusammen mit seinem Freund Jock Annie kurz vor ihrem Tod betrunken durch die Straße stolpern sah. Mrs. Renelaghs Verbissenheit führt so weit, dass ihre Ehe kurz vor der Scheidung steht. Nach vorübergehender Trennung von ihrem Mann ziehen die Renelaghs ins Ausland, um Abstand vom Geschehen zu bekommen.

Zwanzig Jahre später kehren die Renelaghs, die jetzt zwei erwachsene Söhne haben, nach England zurück, wo sie ein altes Bauernhaus mieten. Langsam merkt Sam, dass seine Frau die alte Geschichte nie vergessen hat, sondern über Kontaktpersonen wie ihren Vater oder Jocks Ex-Frau Libby weitere Ermittlungen angestellt hat. Wie besessen kehrt Mrs. Renelagh wieder an den Ort des Geschehens zurück, um ihre ehemaligen Nachbarn zu befragen. Dabei stösst sie auf immer mehr Ungereimtheiten und Widersprüche.

Ich glaube, ich muß langsam akzeptieren, dass mir der Schreibstil, auf den sich Faru Walters seit ihrem Roman Das Echo eingefahren hat, nicht so sehr liegt. Auch mit ihrem aktuellen Roman "Schlangenlinien" kommt sie bei weitem nicht an Die Bildhauerin oder Die Schandmaske, die sie bekannt gemacht haben, heran.

Ihr letztes Buch In Flammen, das ja so gar nicht in die Reihe ihrer Romane passt, mal außer acht gelassen, ist "Schlangenlinien" zumindest vom Thema her wieder tiefgründiger als Wellenbrecher und ähnelt sowohl thematisch als auch vom Aufbau her dem Vorgänger Das Echo. Auch hier geht es darum, den Tod eines Menschen aufzuklären, der zu einer Minderheit gehört. War es im "Echo" ein Obdachloser, so geht es hier um eine dunkelhäutige Frau.

Wie schon oft bei Minette Walters liegt auch hier der Ursprung des Falles weit in der Vergangenheit. Erst nach und nach erfährt der Leser einzelne Fakten. Doch wie im "Wellenbrecher" verläuft das Ganze sehr zäh, denn immer wieder stellt sich heraus, dass man beim Lesen das gewonnene Wissen wieder verwerfen muß, da eine Vielzahl von Zeugenaussagen falsch ist.

Das Ausschmücken des Romans mit eingestreuten Aussageprotokollen, Zeitungsberichten, Briefen und E-Mails sowie hier sogar mit Fotos, die dem Leser eine gar nicht vorhandene Authentizität des Geschehens vortäuschen sollen, betreibt die Autorin in ihren letzten Büchern immer exzessiver. Dies mag in Maßen ein durchaus sinnvolles Stilmittel sein, hemmt aber in dem vorliegenden Umfang eindeutig den Lesefluß. Da diese Schnipsel weder in chronologischer noch sonst irgendeiner Ordnung vorliegen, ist auch die Einordnung in den Fall manchmal nicht so ganz einfach.

Das Buch ist in der Ich-Form geschrieben, erzählt von der Lehrerin M. Renelagh, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Fall aufzuklären. Das Motiv ihres Vorhabens bleibt dabei bis zum Schluß unklar. Erst der auf der letzten Seite abgedruckte Brief gibt dem Leser diesbezüglich ein wenig Einsicht. Der Vorname der Protagonistin wird im gesamten Buch nicht genannt, in Briefen wird sie immer nur mit M. angesprochen. Soll dies vielleicht den Eindruck eines autobiographischen Geschehens erwecken? Was mich an dem Schreibstil aber nun eigentlich stört, ist, dass die Autorin zwar die Ich-Form gewählt hat, das Wissen der Erzählerin aber nicht offenbart. Erst langsam werden dem Leser mehr Fakten offenbart, so daß man gar keine Chance hat, das Verhalten der Protagonistin nachzuvollziehen. Dieser Aufbau bleibt für mich unlogisch.

Sehr gut in den früheren Büchern von Minette Walters war immer die Darstellung der Charaktere. Sehr gut beschrieben wurden die Personen der Handlung, wobei sich das Bild, das sich der Leser von ihnen macht, im Verlauf des Geschehens immer ein wenig wandelt. Diesmal jedoch bleiben einige Figuren ziemlich blass. Zudem sind mit dem bösen rassistischen Polizisten, der guten Schwarzen sowie ein paar brutalen Alkoholikern einige klischeehafte Charaktere vorhanden. Auch die Protagonistin hat es schwer, die Sympathien des Lesers zu gewinnen, da ihre Motive weitgehend im Verborgenen bleiben. Mit ihrer Penetranz setzt sie dabei die Beziehungen zu ihrer gesamten Familie aufs Spiel, denn auch ihr eigener Mann bleibt im Kreis der von ihr verdächtigten Personen nicht außen vor. Die Darstellung des Ehemanns ist für mich dabei die Unglaubwürdigste des ganzen Buches. Zwanzig Jahre lang kriegt er nichts mit von dem, was seine Frau tut, ist, als er dahinterkommt, absolut dagegen, dann kriegt er plötzlich seinen Moralischen und unterstützt sie.

Die Stärke des Romans liegt eindeutig in der sozialkritischen Darstellung. Sehr gut geschildert hat die Autorin die Zustände und die einzelnen Bewohner der Graham Road. Rassismus, Prostitution, Alkohol, Diebstahl und Gewalt bestimmen das Bild in der Reihenhaussiedlung. Der Leser erhält dabei einen intensiven Einblick in diese Gesellschaftsschicht, aus der nur wenige ausbrechen können.

Den erhobenen moralischen Zeigefinger hat man als Leser dabei ständig vor Augen. Minette Walters geht es darum, aufzuzeigen, dass die Schuld an dem Verbrechen nicht nur einer einzelnen Person zugeschoben werden kann, sondern jeder durch sein Verhalten dazu hätte beitragen können, das Geschehen zu verhindern. Deutlich herauszulesen ist dabei die Forderung nach mehr Toleranz, nach Abbau von Vorurteilen und nach Zivilcourage.

Als reinen Kriminalroman finde ich das Werk erschreckend schwach. Da fehlt für mich der Spannungsaufbau, und das Stilmittel, den Leser auf eine falsche Fährte zu locken, hat Minette Walters offensichtlich immer noch falsch verstanden, denn bei ihr geschieht das fast durchweg durch falsche Zeugenaussagen. Krimis zum Mitraten sucht man bei Minette Walters vergeblich. Dazu offenbart die Autorin dem Leser viel zu wenig Fakten, aus denen dieser sich ein Bild machen könnte. Wer denn nun der Täter ist, hat mich zum Schluß eigentlich gar nicht mehr interessiert, da es absolut nicht logisch nachzuvollziehen ist und ich hab es sogar schon fast wieder vergessen.

Auch "Schlangenlinien" kann qualitativ nicht an die ersten Romane von Minette Walters, die sie bekannt gemacht haben, anschließen. Die Autorin hat ihren Schreibstil im Vergleich zu ihren früheren Werken soweit geändert, dass dieser nicht mehr jedermanns Sache ist. Wem ihre letzten Bücher gefallen haben, wird auch von "Schlangenlinien" begeistert sein, doch andererseits wird ein Teil der Leser überhaupt nichts mit dieser Art zu Schreiben anzufangen wissen. Mich würde ein sozialkritischer Roman der Autorin ohne kriminalistischen Hintergrund neugierig machen, denn dort liegen ihre wahren Stärken.

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