Evangeline

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Marebuchverlag, 2005, Übersetzt: Gunnar Kwisinski
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2007, Seiten: 358

Couch-Wertung:

85°
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Jörg Kijanski
Mit diesem fulminanten Gerichtsthriller schreibt sich Buffa locker in die Erste Liga.

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Dez 2007

Benjamin Whitfield lädt 19 Freunde zu einem unvergesslichen Urlaub ein. Von Nizza ausgehend soll Afrika umsegelt werden und dies auf seiner neu erbauten Evangeline, der modernsten Segelyacht der Welt. Die achtköpfige Crew startet unter Anleitung des erfahrenen Kapitäns Vincent Marlowe, doch auf offener See gerät die Yacht in einen furchtbaren Orkan und sinkt innerhalb von nur zwei Minuten. Ein Seenotruf ist nicht mehr möglich, da die gesamte High-Tech ausfällt. Gerade einmal 14 Menschen können sich in dieser ausweglos erscheinenden Situation in eines der Rettungsboote, einen für maximal zehn Personen konzipierten Zodiac, retten...

40 Tage später entdeckt das Frachtschiff White Rover auf dem Atlantik das Rettungsboot der Evangeline. An Bord befinden sich nur noch sechs lebende Personen in völlig verwahrlostem Zustand und die Leiche einer siebten Person, deren Kopf und Extremitäten fehlen. Das Undenkbare war geschehen. Marlowe sah während der fast anderthalb Monate langen Irrfahrt nur eine Chance, wenigstens ein paar Menschen zu retten. Ein Bootsinsasse musste getötet werden, damit die anderen sich von ihm ernähren konnten. Insgesamt fielen auf diese Weise sechs Menschen dem Kannibalismus zum Opfer.

Doch hatte Marlowe überhaupt eine Wahl? Alle Passagiere wären sicher gestorben, hätte er seine Entscheidung nicht getroffen, aber rechtfertigt dies den mehrfachen Mord? Staatsanwalt Michael Roberts scheint ein einfacher Prozess bevorzustehen, da Marlowe die Morde gestanden hat und bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen. Ein Entgegenkommen der Staatsanwaltschaft, angesichts der einzigartigen Ausnahmesituation in der sich alle Bootsinsassen befanden, lehnt er ab. Bliebe also nur noch Marlowes Verteidiger, der ebenso legendäre wie alte und gesundheitlich angeschlagene William Darnell...

Ist eine Entscheidung nach menschlichen, moralischen Maßstäben hier möglich?

Vorsicht! Wer hier angesichts des letzten Satzes zum Inhalt nun einen weiteren kitschigen und gefühlsduseligen 08/15-Roman aus den Staaten erwartet, liegt im vorliegenden Fall völlig falsch. Vielmehr ist "Evangeline" ein Gerichtsthriller erster Güte. Ja, richtig gelesen, ein Gerichtsthriller, denn rund 85% der Story spielen im Gerichtssaal, in dem sich Roberts und Darnell ein packendes, ein brillantes Duell liefern. Den Rest der Story begleiten wir Darnell in den Prozesspausen und privat, vorwiegend begleitet von seiner Lebensgefährtin, mit der er den Verlauf des Prozesses und die damaligen Geschehnisse diskutiert.

Der Roman glänzt dadurch, dass hier keine Paragraphenreiterei betrieben wird, sondern vielmehr auf die moralische Ebene abgestellt wird. Durfte Marlowe Menschen töten damit andere überlebten, obwohl er zum Zeitpunkt der Tat davon ausging, dass ohnehin alle sterben würden? Hätte ein Mord nicht gerade deshalb vermieden werden müssen, da nicht erkennbar war, ob nicht vielleicht schon am nächsten Tag ein Schiff zur Rettung vorbei kam? Kann er sich auf den sog. Notstand berufen, denn das ist hier die einzig relevante Frage: Marlowe steht zwar wegen Mordes vor Gericht, doch der Punkt ist nicht, ob er tatsächlich gemordet hat, sondern ob er morden musste, weil ihm keine Wahl blieb?

"Was wir getan haben, war nicht falsch. Falsch war nur, dass wir es überlebt haben."

Trotz der zahlreichen juristischen Spitzfindigkeiten mit denen sich Roberts und Darnell duellieren ist das Buch auch für "Nichtjuristen" hervorragend geeignet. Und obwohl die Handlung überwiegend im Gerichtssaal spielt, kommt durch die Vernehmung mehrerer Zeugen eine enorme Spannung auf, denn ganz so einfach und offensichtlich wie es scheint, war es dann damals auf der Yacht und anschließend auf dem Zodiac wohl doch nicht. Nach und nach wird die ganze Tragödie an Bord des Rettungsschiffes offenbar und spaltet den Leser innerlich mehr und mehr. Kann hier ein gerechtes Urteil überhaupt gefällt werden? Zunächst erscheint die Antwort einfach: Ja, denn Mord ist Mord, doch D. W. Buffa legt den Finger in die vermeintlich offene Wunde.

Grisham war gestern.

Beide, Roberts wie Darnell, überzeugen mit ihren Argumenten und bringen den Leser ebenso wie die Jury in eine ausweglose Situation, in der die vorherrschenden Werte von Moral und Ethik neu definiert werden müssen. Oder am Ende doch nicht? So ist Evangeline deutlich mehr als nur ein (weiterer) erstklassiger Gerichtsthriller, der einen nicht nur für mehrere Stunden packt, sondern der einen nachhaltig beschäftigt und uns über wichtige Fragen des Lebens sinnieren lässt. Wie heißt es auf Seite 31 so treffend:

 

"Wenn es in diesem Fall um etwas geht, dann um den Tod, um seine Bedeutung und um die Frage, ob und unter welchen Umständen man ihn dem Leben vorziehen sollte."

 

 

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