Infektion

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2007, Seiten: 527, Übersetzt: Rainer Schmidt

Couch-Wertung:

59°
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Eva Bergschneider
Empfehlenswerter Medizin-Thriller mit sprachlicher Schwäche

Buch-Rezension von Eva Bergschneider Nov 2007

Das Fischer-Taschenbuch Infektion von Philip Hawley ist auf dem Cover nicht nur mit einem Moskito, sondern auch mit lobenden Zitaten von Tess Gerritsen und John Lescroart geschmückt. Ob die bekannten Schriftsteller dem neuen Autor tatsächlich ihre Anerkennung zollten, bleibt mal dahin gestellt. Auf jeden Fall erregt es die Aufmerksamkeit der Leser, die sich von Thrillern aus dem Bereich Medizin angesprochen fühlen. Zu recht?

Massenselbstmord von Körperzellen

In das University Children's Hospital wird ein todkranker Maya-Junge aus Guatemala eingeliefert, der qualvoll erstickt. Die Ärzte Luke McKenna und Megan Callahan können die Ursache zunächst nicht feststellen, denn die Lunge scheint intakt zu sein. Die Untersuchung des Gewebes zeigt, dass einzelne Zelltypen vollständig abgestorben sind. Der Pathologe berichtet von ganz ähnlichen Symptomen bei einem Indio-Mädchen, dass illegal in die USA eingereist war und tot aufgefunden wurde. Weder eine Krebserkrankung, noch eine Infektion verursachen eine derartig selektive Zerstörung. Die Mediziner stehen vor einem Rätsel.

Vertuschung um jeden Preis

Lukes McKennas ehemalige Kollegin, die vor einigen Jahren zum Pharmaunternehmen Zenavax wechselte, bittet ihn um ein Treffen. Kate Tartaglia kündigt Luke die Zusendung von brisantem Material an, dass nicht bei ihm ankommt. Auf dem Parkplatz des verabredeten Restaurants wird die Wissenschaftlerin erschossen. Als auch noch ein Football-Spieler, mit dem Luke eine Schlägerei hatte, ermordet wird, steht der Arzt im Kreuzfeuer zwischen der Polizei und unbekannten Verfolgern. Inzwischen verschwinden alle Laborbefunde und Beweise für die mysteriöse Krankheit.

Megan Callahan versucht in Guatemala dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ihre Feldforschung nimmt ein jähes Ende, als Megan gerade das Heimatdorf des Jungen erreicht hat. Eine Schlammlawine macht den Pueblo dem Erdboden gleich und die Ärztin wird entführt.

"Dr. House" lässt grüßen

Die netten, allwissenden Weißkittel à la Dr. Brinkmann scheinen ausgedient zu haben, die Unsympathen mit Stethoskop kommen. Wie in der aktuellen TV-Serie "Dr. House" ist die Hauptfigur dieses Thrillers, Luke McKenna ein Typ mit abgründigem Charakter. Seine Vergangenheit als Elite-Soldat für heikle Spezialaufgaben hat ein Trauma hinterlassen, das McKenna zu unkontrollierbarer Gewalt neigen lässt. Dazu gesellen sich die Wesenszüge des einsamen Wolfs, langfristige Bindungen sind nicht Lukes Ding.

Dieser Charaktertyp sorgt mit seinen Aktionen zweifellos für Spannung, denn er zieht sie spontan und riskant durch. Luke McKenna kennt kein Risiko und hat offensichtlich nichts zu verlieren. Damit der Hauptprotagonist in der Rolle des Helden angenommen wird, hat er auch seine menschlichen Seiten. Insgesamt ist Hawleys Hauptcharakter als verwundbarer Draufgänger aber zu klischeehaft gezeichnet, um interessant zu wirken.

Lukes Mitstreiter werden mit Ausnahme seines Armeekameraden Sammy etwas weniger überzogen charakterisiert und erscheinen daher glaubwürdiger. Besonders der Texaner Ben Wilson überzeugt als skurriler Pathologe. Megan Callahan übernimmt zwar den Part der weiblichen Heldin, bleibt aber sonst profillos.

Verrückte Wissenschaftler am Werk?

Besser gelungen ist dem Autor der Konstruktion einer Verschwörung im Bereich der Medizin- und Pharmaforschung. Die Herstellung eines Impfstoffs, wie er in Infektion beschrieben wird, erscheint insgesamt illusorisch. Es werden aber einige interessante Ideen präsentiert und der Entwicklungsprozess der Krankheit packend geschildert. Hier zahlt sich die Sachkenntnis des Autors, der selbst als Arzt in Mittelamerika gearbeitet hat, aus.

Die Handlung an den häufig wechselnden Schauplätzen, wird überwiegend aus Lukes Perspektive, aber auch aus der Sicht Megans und der des Auftragskillers Calderon erzählt. Hawley kreiert eine Ereigniskette mit zahlreichen Akteuren, die alle etwas zu der verhängnisvollen Epidemie beisteuern. Die Frage, wer nun im guten Glauben und wer grob fahrlässig handelt und das mit verbrecherischen Mitteln zu vertuschen versucht, stellt ein spannendes Rätsel dar.

Sprachliches Niveau - hallo ?

Hawleys sprachlicher Stil überzeugt nicht gerade durch stilsichere Metaphorik. Redewendungen wie

 

"Erickson war mindestens eins neunzig groß und hatte eine wuchtig gemeißelte Figur, die nach Steroiden stank"

 

wirken so platt, dass man sich nur wundern kann. In einem akademischen Umfeld, wie dem der medizinisch-pharmakologischen Forschung, wirken derartige Phrasen mehr als unpassend. Auf Formulierungen dieser Art, sowie dem übermäßigem Gebrauch von Hyperbeln trifft der Leser in Infektion immer wieder. Daher ist es unwahrscheinlich, dass es sich hier um eine schwache Leistung des Übersetzers handelt. Durch die dürftige sprachliche Qualität wird nicht nur der Lesefluss beeinträchtigt, es fällt teilweise schwer, den Erzähler ernst zu nehmen.

Insgesamt kann Philip Hawleys Thriller Infektion durchaus als Medizin-Thriller zu überzeugen, der Leser sollte allerdings keine hohen Ansprüche an die Glaubwürdigkeit der Figuren und die Sprachqualität stellen.

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