Die einsamste Stunde

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • New York: Hyperion, 2004, Titel: 'Cut and Run', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2007, Seiten: 443, Übersetzt: Ralf Tatje

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Michael Drewniok
Der Marshall, seine Lady und ihr sensibler Killer

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2007

Sechs Jahre ist es her, dass Roland Larson, zu diesem Zeitpunkt noch US-Marshall im Dienst des Zeugenschutzprogramms der Staatsanwaltschaft, die Zeugin Hope Stevens bewachte - und sich in sie verliebte. Die junge Frau arbeitete als Beraterin bei einer Untersuchung betrügerischer Versicherungspraktiken im Pflegewesen und hatte festgestellt, dass diese von der Mafia-Familie Romero gesteuert wurden. Auch Auftragsmorde waren im Angebot, wie Hope aufdecken konnte. Die dünne Indizienlage erforderte ihre Aussage vor Gericht, was die Romeros sehr wohl wussten. Sie schickten Paolo, ihren besten Killer, der mit seinem geliebten Rasiermesser ein Blutbad unter Hopes Beschützern anrichtete, von Larson aber vertrieben werden konnte, bevor er sein Opfer erwischte.

Heute arbeitet Larson als Deputy Marshall für die eine Sondereinheit, die überall in den USA nach flüchtigen Kriminellen fahndet. 'Nebenbei' sucht Larson verzweifelt nach Hope, die nach dem missglückten Mordanschlag ins Zeugenschutzprogramm gegangen und später untergetaucht ist, ohne je ihre Aussage zu machen. Sein aktueller Fall führt ihn zurück in die Vergangenheit: Das Justizministerium fordert ihn an, nachdem der Computerspezialist Leopold Markowitz entführt und sein Assistent ermordet zurückgelassen wurde. An dessen Hals finden sich die typischen Rasiermesserwunden des Romero-Killers. Markowitz ist der Autor einer geheimen Datenbank, in der die Hauptzeugen gelistet sind, denen das Justizministerium eine neue Identität verschaffte. Offenbar soll Markowitz diese Datenbank entschlüsseln, für die das Organisierte Verbrechen viel Geld zahlen würde.

Auch Hope Stevens steht auf dieser Liste, und tatsächlich ist ihr Paolo schon wieder auf den Fersen. Bisher hat Hope ihre Spuren gut verwischen können. Ihre Archillesferse ist Penny, die fünfjährige Tochter, die Paolo findet und entführt. Das Wiedersehen zwischen Larson und Hope geht daher nahtlos in ein Psychoduell zwischen dem Marshall, der Mutter und dem Mörder über. Wie kann Larson Penny retten, ohne dafür Hope zu opfern? Trickreich umkreist man einander, doch die Vorteile scheinen auf Paolos Seite zu liegen, der ohne Skrupel foltert und tötet, um seinen Auftrag zu erfüllen. Unterschätzt hat er freilich die Entschlossenheit einer Mutter sowie den Trickreichtum eines erfahrenen Marshalls, was die Handlung in den thrillertypischen Final-Showdown münden lässt ...

Hetzjagd ohne Pausen oder Längen

Psychoduelle und wilde Verfolgungsjagden, sauber recherchierte und anschaulich dargestellte Methoden der modernen Verbrechensbekämpfung, Kompetenzrangeleien und Einsatzschwierigkeiten aufgrund gesetzlicher Einschränkungen, im Kontrast dazu das selbstsichere Auftreten des Organisierten Verbrechens, das wie ein globalisierter Großkonzern agiert, dazwischen der normale Bürger, der lernen muss, wie dünn die Barriere zwischen Alltag und Chaos ist: Nicht nur Ridley Pearson bedient sich dieser für den Thriller zum Standard gewordenen Elemente, aber er gehört zu den wenigen Autoren, die aus Stroh Gold zu spinnen verstehen.

Auch "Die einsamste Stunde" - was soll uns dieser völlig sinnfreie deutsche Titel bloß sagen? - ist die Variation des üblichen Pearson-Garns und dennoch ein Pageturner der durchweg gelungenen Art. Der Verfasser startet sofort durch und wirft uns in ein Geschehen, das rasant und brutal ist, ohne sich mit detailfreudig beschriebenen Scheußlichkeiten aufzuhalten. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt fällt ein Faktor ins Gewicht, der die Handlung noch oft in unerwartete Richtungen treiben wird: Murphy's Law ist integraler Bestandteil des Alltags. Jeder Plan kann und wird scheitern, denn die Tücke des Objekts entzieht sich auch dem Profi - und das gilt für Kriminale und Kriminelle gleichermaßen.

Diese Abwesenheit von Perfektion sorgt für ein besonderes Element der Spannung. Stets darf sich der Leser auf eine Überraschung freuen. Helden und Schurken sind ständig zur Improvisation gezwungen, was die Schere zwischen Theorie und Praxis natürlich noch weiter auseinanderklaffen lässt - nicht selten mit spektakulären Folgen.

Um wenigstens den Anschein von Originalität zu erwecken, sind dieses Mal nicht die üblichen Kriminalpolizisten oder FBIler auf Gangsterjagd. Der Titel "Deputy Marshall" hat seinen Klang aus der Zeit des Wilden Westens in die Neuzeit gerettet. Es gibt dieses Amt in der Tat noch, und Pearson sorgt dafür, dass die Assoziationen noch deutlicher werden, indem er Larson und seine Leute wie einst durch die Lande reiten bzw. reisen lässt, bis das ins Auge gefasste 'Wild' gefunden und gestellt ist.

Harte Männer mit weichen Herzen

Deputy Marshall Roland Larson ist der ideale Held für einen Highspeed-Thriller der hier zelebrierten Art. Er wirkt als harter, professionellen Umgang mit dem Verbrechen gewohnter Mann ebenso überzeugend wie als unglücklich Liebender und zu allem entschlossener Vater. Zwischen diesen drei Zuständen lässt ihn der Autor ausgiebig pendeln, was für ebenso für Spannung wie für seifenoperliche Menschlichkeit sorgt, wobei Pearson Profi genug ist, für den notwendigen Ausgleich zwischen den Ebenen zu sorgen.

Natürlich muss er mit dem üblichen Problem kämpfen: Wie junge Hunde reißen auch Kinder die Aufmerksamkeit des Lesers unwillkürlich an sich. Sogar unter Pearsons kundiger Feder macht sich Penny selbstständig und sorgt für zunehmendes Stirnrunzeln, wenn sie dem angeblich perfekten, gefühlskalten, unbarmherzigen Killer Paolo immer wieder Paroli bietet. Letztlich wirkt Penny wie ein Instrument - das "Kind in Not", mit dem die Spannung billig zusätzlich gesteigert werden soll.

Für Hope Stevens bleibt die undankbare Rolle des meist Tränen überströmten Muttertiers, das nichtsdestotrotz unbeirrt die Rettung der verschleppten Tochter vorantreibt und dafür zu allen Schandtaten bereit ist. Mehrfach hat sie Paolo fast schon am Schlafittchen, aber dann wirft sich wieder ein treuer Kumpel von Marshall Larson in die Schusslinie (bzw. in die Bahn seines sausenden Rasiermessers), und die Jagd kann weitergehen. Zwischendurch darf Hope ihr computerliches Fachwissen ausmotten, was Larson auf die Spur der grauen Schurken-Eminenz im Hintergrund bringt, denn Paolo ist längst nicht der einzige Unhold, der sich auf Hopes Spur gesetzt hat.

Paolo, der Profi-Killer mit dem Rasiermesser, gehört zu den kunstvoll aber völlig unrealistischen Mordgestalten, die eigentlich nur in Hollywood und im Thriller ihr Unwesen treiben, während sie in der Realität aufgrund ihres theatralischen Auftretens und ihrer alltagsuntauglichen Angewohnheiten rasch Schiffbruch erleiden würden. Einerseits ist Paolo ein wahrer Übermensch, der sich nach Belieben durch die Maschen des Gesetzes windet, ohne dass ihm dessen Vertreter Einhalt gebieten können. Andererseits hat er einen gewaltigen Riss in der Hirnwaffel, pflegt ein ungesund intimes Verhältnis zu seiner bevorzugtem Mordwaffe - dem Rasiermesser -, mit dem er nicht nur seine Opfer umbringt, sondern sich auch selbst verstümmelt. Das eine passt nicht zum anderen, aber es macht Paolo zu einer Figur, die unberechenbar bleibt, Schrecken verbreitet und den Helden mit einem (scheinbar) ebenbürtigen Gegner konfrontiert.

Thriller-Ökonomie auf hohem Niveau

Die wie gestanzt wirkende Figurenzeichnung erinnert uns daran, dass Ridley Pearson mit allem ihm zur Verfügung stehenden Talent und allen Mitteln primär den Zweck verfolgt, uns, seine Leser, zu unterhalten. Dabei geht er ökonomisch vor, d. h. er gibt niemals vor, das Rad neu zu erfinden, sondern bedient sich der bekannten Plots und Figuren des Thrillers. Sein Geschick besteht darin, das eigentlich Bekannte so gut = spannend zu variieren, dass wir ihm, dessen Tricks wir durchaus durchschauen, dennoch freiwillig und gern auf den Leim gehen. Silber vergeht, Leder besteht - Ridley Pearson stellt abermals auf höchst unterhaltsame Art klar, wie wahr dieses alte Sprichwort ist.

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