Tote schlafen nicht

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Scottsdale: Poisoned Pen Press, 2004, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2007, Seiten: 381, Übersetzt: Ulrike Werner

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Michael Drewniok
Kriminelle Neugier öffnet die Büchse der Pandora

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2007

Brackdale ist ein Dorf im nordwestenglischen Lake District in der Grafschaft Cumbria. Vor allem im Sommer ist es hier idyllisch und einladend. Kein Wunder also, dass die frustrierte und stadtmüde Journalistin Miranda sich sogleich in Brackdale verliebt, als ihr Lebensgefährte, der Historiker Daniel Kind, mit ihr im Urlaub hierher reist.

Daniel hat einst kurze Zeit in Brackdale gelebt. Er kennt auch die weniger erfreulichen Kapitel der Dorfgeschichte, zu denen der brutale Mord an der jungen Gabrielle Anders gehört, die vor sieben Jahren mit durchschnittener Kehle auf dem "Opferstein", einem ambossförmigen Felsen, der Brackdales höchsten Hügel krönt, gefunden wurde. Für den Täter hielt die Polizei damals den Sonderling Barrie Gilpin, dessen Leiche unweit des Felsen entdeckt wurde - offenbar war er nach dem Mord in eine Schlucht gestürzt und seinen Verletzungen erlegen. Die Akte wurde geschlossen.

Tarn Cottage, der Hof der Gilpins, steht seit langem leer. Daniel und Miranda beschließen, es zu kaufen und ein neues Leben auf dem Land zu beginnen. Die Vorgeschichte des neuen Hauses regt vor allem Daniels Erinnerung an. Er kannte Barrie als Freund ohne gewalttätige Züge, den er sich nicht als Mörder vorstellen kann. Außerdem plagt ihn die Tatsache, dass der Mordfall von seinem inzwischen verstorbenem Vater Ben, einem Polizisten, untersucht wurde, der sich nie sicher war, den eigentlichen Täter gefunden zu haben.

Daniel beginnt Fragen zu stellen - und macht sich bei den Dörflern rasch unbeliebt, die mit Barrie Gilpin als Schuldigen sehr gut leben können. Unruhe macht sich breit, als Brackdale erneut ins Visier der Polizei gerät: Hannah Scarlett leitet ein Team, das so genannte "Cold Cases", d. h. ungelöst gebliebene Kriminalfälle - neu aufrollt. Sie war einst Ben Kinds Assistentin, kannte und teilte dessen Skepsis.

In Brackdale beginnt es zu rumoren. Ein anonymer Anruf bestätigt die Zweifel an Gilpins Schuld. Diverse gute Bürger werden unruhig und unangenehm. Wer wird reden? Oder: Wen wird der wahre Mörder verdächtigen zu reden und ihn oder sie deshalb zum Schweigen bringen ...?

Die Unschuld des Landes wird abermals Lügen gestraft

Man denke nicht, der klassische Landhaus-Krimi angelsächsischer Prägung sei ausgestorben! Dieses altehrwürdige Subgenre, das wir Leser gern mit der unsterblichen Agatha Christie in Verbindung bringen (was durchaus zutrifft, wenn wir an Miss Marple denken), hat mit gewissen, den gewandelten Zeitläufen geschuldeten Veränderungen durchaus überlebt. Brackdale ist natürlich kein Landhaus, doch seine Grenzen (und damit die des Geschehens) sind ähnlich scharf gezogen wie Mauern.

Die Beliebtheit dieser Krimi wundert nicht, liegt doch ein besonderer, auch heute wirksamer Reiz in der Kombination aus Idylle und Verbrechen. Brackdale ist nicht nur ein recht einsam gelegenes Dörflein aus einer Vergangenheit, die gern mit dem Sprichwort "Früher war alles einfacher (= besser)" gezeichnet wird, sondern liegt darüber hinaus in einem der schönsten Naturschutzgebiete der britischen Hauptinsel. Die Landschaft ist reizvoll, und sogar die Relikte einer vieltausendjährigen menschlichen Besiedlungsgeschichte passen sich hier harmonisch ein.

Für den Krimi ist die Abgeschiedenheit wichtig, denn sie suggeriert eine Kulisse, die für den Leser - zumal detailreich vorgestellt - überschaubar ist und von einer begrenzten Personenzahl - unsere späteren Verdächtigen - belebt wird. Die Fairness erfordert, dass der oder die Täter/in sich aus ihren Reihen rekrutiert. Autor Edwards hält sich an diese Vorgabe.

Hässliches Rumoren unter ruhiger Oberfläche

In Brackdale leben Menschen, die nur bedingt in dieses schöne Umfeld passen. Das Leben ist hier höchstens für Touristen noch in Ordnung. Tatsächlich gärt es unter der makellosen Oberfläche genauso wie überall, wo Menschen in Gemeinschaft leben. Selbst ohne den Mord an Gabrielle Anders weist die Historie des Ortes hässliche Flecken auf. Häusliche Gewalt, Ausgrenzung, geplatzte Lebensträume: In Brackdale ist die gesamte Palette unschöner aber üblicher Verhaltensweisen unserer Spezies vertreten.

Dennoch bilden die Dörfler nicht nur eine Gemeinschaft, sondern eine Front gegen den eigentlichen Feind, der stets "von draußen" kommt. In diesem Fall gibt ihm Daniel Kind ein Gesicht, als er Vergangenes und Verdrängtes nicht ruhen lässt, sondern neu aufrührt. Was dabei an die Oberfläche kommt, setzt eine Kettenreaktion in Gang, die zwar das ursprüngliche Verbrechen klärt, dabei jedoch womöglich mehr Schaden anrichtet als der Sache dienlich ist.

Dieser Ablauf ist gut eingespielt, denn unzählige Krimis bedienen sich seiner seit Jahrzehnten. Martin Edwards hält sich streng an die Regeln; leider, denn so gute Arbeit er dabei auch leistet: "Tote schlafen nicht" ist ein Werk bar jeder Originalität, die aus einem lesbaren einen erinnerungswürdigen Krimi macht. Der Plot ist simpel, was mit diversen recht durchsichtigen Tricks verschleiert werden soll. Schon wenn im Prolog die filmreif geschlachtete Gabrielle nackt auf einem heidnischen Opferstein ausgestellt wird, der sich hoch über dem Dorf erhebt, ist das ein billiger Gruseleffekt, der für die Handlung belanglos bleibt. Vor allem im Mittelteil stellen sich Längen ein, begibt sich der Autor auf Seitenwege, die wir Leser nicht mit ihm begehen möchten. Die Auflösung wird nicht nur aus einem ziemlich alten Hut gezogen, sondern will Überraschung geradezu erzwingen, was - wen wundert´s - ziemlich daneben geht.

Sie alle haben Dreck am Stecken

Punkten kann Edwards zunächst mit seinen Figuren. Sie unterscheiden sich in toto wohltuend von den Klischeegestalten, denen der Cozy-Krimi - eine weitere Genre-Klassifizierung, unter die Tote schlafen nicht fällt - seinen kuscheligen Charakter verleiht. Dorfidylle bedeutet für viele Autoren nach wie vor das geballte Auftreten skurriler Gestalten, die intellektuell und mental irgendwie in der Zeit vor 1939 stecken geblieben sind. Sie strahlen Gemütlichkeit aus wie ein defekter Atommeiler und wirken im 21. Jahrhundert nur mehr lächerlich, haben aber ihr Publikum, das sich in solcher zeitloser Plüschigkeit förmlich suhlt. (Ein "ideales" Beispiel bietet hier die Markby-und-Mitchell-Serie von Ann Granger.)

Von solcher Holzschnitthaftigkeit hält Edwards gar nichts. Eindimensional sind seine Figuren freilich trotzdem. Brackdale ist die Heimat durchweg zwielichtiger oder wenigstens schwer einschätzbarer Gestalten, die ihre Ambivalenz freilich wie eine Fackel vor sich hertragen. Subtilität ist für Edwards ein Fremdwort, der doch nur deutlich machen möchte, dass auch die Brigadoons1 dieser Welt von der Gegenwart inzwischen erreicht wurden.

Stereotypen sind letztlich auch seine Hauptfiguren. Daniel Kind ist ein "Held", der absolut kalt lässt. Seine zahlreichen Lebenskrisen interessieren nicht, die Hartnäckigkeit, mit der er in Sachen Barrie Gilpin den advocatus diaboli gibt, wirkt unmotiviert. Kinds ungelösten Probleme mit dem leider verstorbenen Vater scheinen nur deshalb Teil der Handlung zu sein, um eine Verbindung mit Hannah Scarlett herzustellen, in der wir schon die künftige Rivalin von Kinds Lebensgefährtin Miranda erkennen.

Diese Miranda ist ein echtes Ärgernis. Ihre Stimmungsschwankungen versucht Edwards mit negativ prägenden Erfahrungen zu erklären. Das mindert nicht die Hoffnung, der Mörder von Gabrielle Anders werde auch sie erwischen. Miranda jammert und klammert, ohne dass dafür logisch in der Handlung verankerte Gründe vorliegen. Edwards meidet zwar das Vokabular der Seifenoper, das wie Säure viel zu tief ins moderne Krimi-Genre eingesickert ist (unter den Hauptschuldigen: Elizabeth George), treibt es aber mit dem Gefühlsleben seiner Figuren dennoch zu weit bzw. lenkt von der ohnehin schlappen Krimihandlung ab.

Hannah Scarlett wird in den nächsten Folgen der "Lake District Mysteries" sicherlich in amouröse Wirbelströme geraten, die sie in gefährliche Nähe zu Daniel Kind bringen; man freut sich als Leser nicht darauf. (Vielleicht denken die Leserinnen da anders.) Von einer überzeugenden Figurenzeichnung kann auch in ihrem Fall (noch) keine Rede sein. Viel zu oft zeigt Edwards Hannah im Clinch mit ihrem unreifen Lebensgefährten, was überaus langweilt. Gleichzeitig versucht der Verfasser das Bild einer modernen Polizistin zu zeichnen, die in ihrem Job mit diversen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Hierbei bedient sich Edwards jedoch der üblichen Klischees, die wir (viel besser thematisiert) z. B. aus den "Prime Suspect"-TV-Krimis mit Helen Mirren kennen. Die Szenen, die Hannah in der Arbeit mit ihren Kollegen zeigen, wirken wie Fremdkörper in diesem Roman - kein gutes Zeichen, sondern ein weiterer Hinweis auf einen Krimi, den man lesen kann aber nicht muss.

Titel1) Brigadoon ist ein verwunschenes Dorf in Schottland, das nur alle 100 Jahre in dieser Welt auftaucht und von Fremdlingen aufgesucht werden kann; zuletzt geschah dies 1954 durch Gene Kelly.

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