Im Eishaus

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 1994
  • London: Macmillan, 1992, Titel: 'The Ice House', Seiten: 240, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1994, Seiten: 348, Übersetzt: Mechtild Sandberg-Ciletti
  • München: Goldmann, 1996, Seiten: 348, Übersetzt: Mechthild Sandberg-Ciletti
  • München: Goldmann, 1997, Seiten: 342, Übersetzt: Mechthild Sandberg-Ciletti
  • München: Goldmann, 2000, Seiten: 348, Übersetzt: Mechthild Sandberg-Ciletti
  • München: Goldmann, 2001, Seiten: 348, Übersetzt: Mechthild Sandberg-Ciletti
  • München: Goldmann, 2005, Seiten: 348, Übersetzt: Mechthild Sandberg-Ciletti
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Odile Odile
86°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Minette Walters gehört zu Recht zu den erfolgreichsten Kriminalschriftstellern der Gegenwart

Ein mysteriöser Leichenfund im alten Eishaus beunruhigt die Bewohner des Landsitzes Streech Grange. Könnte der bis zur Unkenntlichkeit verweste Tote etwa David Maybury sein ? Der Gutsbesitzer verschwand vor 10 Jahren spurlos und tauchte nie mehr auf.

Obwohl der ermittelnde Inspektor Walsh ebenso wie die Bevölkerung von Streech Village von Mord ausging, konnte der tatverdächtigen Ehefrau des Verschwundenen, Phoebe Maybury, keinerlei Schuld bewiesen werden.

Mangels Beweisen werden die Ermittlungen eingestellt

Mangels Beweisen, hauptsächlich weil keine Leiche gefunden wurde, mussten die polizeilichen Ermittlungen erfolglos eingestellt werden. Doch jetzt wittert Walsh seine grosse Chance! Dieses Mal wird ihm Phoebe Maybury nicht entkommen.

Dass die Motive des angesehenen Cops nicht ausschliesslich ehrenwerter Natur sind, entdeckt sein Assistent Sergeant Andy McLoughlin erst allmählich. Zunächst vertraut er Walshs kriminalistischem Gespür und teilt dessen Verdacht gegenüber der Gutsbesitzerin.

Mrs. Maybury die Mörderin ihres Mannes und ihrer Eltern?

Erschwerend kommt hinzu, dass McLoughlin, der gerade von seiner Frau verlassen wurde, die kursierenden Gerüchte über Mrs. Maybury für wahr enthält. Diese soll laut dem Dorfklatsch nicht nur ihren Ehemann, sondern auch ihre Eltern skrupellos beseitigt haben.

Aber was kann man schon von einer Frau erwarten, die zusammen mit ihren beiden Freundinnen, der Innenarchitektin Diana Goode und der Journalistin Anne Cattrall der lesbischen Liebe huldigt. Oder warum sonst sollten drei attraktive Frauen seit über 9 Jahren abgeschieden im selben Haus wohnen?

Auch von Hexenritualen und Satanskult wird im Dorf gemunkelt. Einer Vorverurteilung der Frauen steht also nichts im Wege. Streech Grange und seine Bewohnerinnen werden von der Bevölkerung gemieden, wie die Pest.Wen wundert es da, dass die Haushälterin den Landsitz mit einem Gefängnis vergleicht! Lediglich die Aussage des Dorfcasanovas will sogar nicht ins Bild passen...

Das Geheimnis von Streech Grange

McLoughlin jedenfalls beginnt allmählich an der Schuld der Verdächtigen zu zweifeln. Zu nebulös erscheint ihm das Gutachten des Gerichtsmediziners und zu einseitig die Ermittlungen Walshs.
Widerwillig muss sich der Sergeant ausserdem eingestehen, dass er sich in die eigenwilligste der drei Frauen verliebt hat. Mit Intelligenz und Spürsinn gelingt es McLoughlin nicht nur, einen Mord in letzter Sekunde zu verhindern. Er entdeckt auch, welches Geheimnis Streech Grange verbirgt.

Hat seine neue Liebe eine Zukunft oder kehrt er zu seiner reumütigen Ehefrau zurück? Welche Rolle spielt Chief Inspector Walsh?

Gleich mit ihrem Erstling ist der Autorin Minette Walters ein Volltreffer geglückt! Dieser Kriminalroman enthält alles, was ich von einer erstklassigen Detektivgeschichte erwarte.

Der Roman beginnt mit den 10 Jahre alten Schlagzeilen über das Verschwinden David Mayburys. Derart präpariert, spekuliert der Leser sofort gemeinsam mit der Polizei über die Identität der aufgefundenen Leiche.

Wer ist die gefundene Leiche?

Wie ein roter Faden zieht sich dieses Rätsel durch den Roman. Mal tauchen Indizien auf, die zu belegen scheinen, dass der Tote Maybury ist. Dann scheinen andere Fakten das Gegenteil zu beweisen. Minette Walters lässt viel Raum für Spekulationen und das Rätsel wird erst spät gelöst. So bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten!

Ohne blutrünstige Attribute schafft es die Autorin, ihre Leser vorzüglich zu unterhalten! Wer gern kombiniert und überraschende, aber keinesfalls haarsträubende Wendungen liebt, wird sich mit diesem Krimi keine Sekunde langweilen.

Walters Charaktere sind interessant, glaubwürdig und entwicklungsfähig. Die Freundinnen sind drei grundverschiedene Frauen mit Stärken und Schwächen. In einer Kritik las ich, die Autorin neige wie alle Frauen dazu, ihre Heldinnen immer(!) zu heroisieren!

Gilt die Rüge nur für Frauen?

Erstens passt dies nur bedingt auf den vorliegenden Roman und zweitens könnte man den Schöpfern von "Superman", "Jerry Cotton", "James Bond" oder "Sherlock Holmes" Ähnliches attestieren. Oder gilt die Rüge nur für Frauen?

Aber nun wieder ernsthaft! Walters versteht es meisterhaft, die Emotionen ihrer Protagonisten zu schildern. Gerade der grüblerische, Robert Burns zitierende McLoughlin ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel.

Zu Beginn der Geschichte möchte man den Sergeant fortwährend schütteln aufgrund seines haarsträubenden Benehmens. Nicht umsonst gibt ihm Diana Goode den Spitznamen "Muffel Macho" und ihre Freundin attestiert McLoughlin insgeheim "ein Schrumpfhirn und einen Schrumpfsch...z".

Der Sergeant wird zur Schlüsselfigur

Doch gerade der Sergeant entwickelt sich zur Schlüsselfigur des Krimis. Nachdem er es schafft, seine Eheprobleme und seinen Beruf voneinander zu trennen, gewinnen seine ausgeprägte Intelligenz und sein kriminalistischer Spürsinn die Oberhand.

Der Leser erlebt mit, wie McLoughlin beginnt, Walshs Arbeit und Motivation zu hinterfragen, nachdem er bemerkt, wie sehr ihn dieser zu manipulieren versucht. Dank seiner Zuneigung zu einer der Verdächtigen, gelingt es ihm das Netz von Klatsch, Verleumdungen und Intrigen, dass die Frauen gefangen hält, zu entdecken und zu entwirren. Erst spät erkennen McLoughlin und der Leser, wer da wie eine Spinne im Netz sitzt und die Gerüchteküche weiter brodeln lässt.

Minette Walters schildert auch die Abgründe der menschlichen Seele kenntnisreich und äusserst realistisch. Wie einfach ist es, bösartige Gerüchte zu lancieren, Nachbarn zu verleumden und seinen Mitmenschen mittels gezieltem "Mobbing" das Leben zur Hölle zu machen! Vor allem, wenn man sich gesellschaftlich sehr beliebter Vorurteile, z. B. gegenüber Homosexualität, bedient!

Seitenhiebe auf die Presse

Auch die Presse lässt Walters nicht ungeschoren! Angesichts des Leichenfundes im Eishaus lässt sie die Journalisten Vergleiche zwischen Streech Grange und dem Haus Nr. 10, Rillington Place, ziehen und entsprechende Schlagzeilen formulieren.

Dies erscheint natürlich völlig überzogen angesichts der Tatsache, dass der Serienmörder Christie in seiner Londoner Wohnung am Rillington Place 8 (!) Leichen einmauerte, bzw. verscharrte. "Der Massenmörder von Notting Hill" wurde dafür übrigens am 15. Juli 1953 hingerichtet. Doch wer kennt nicht ähnlich reisserische Schlagzeilen in der Realität ?

Der moderne Stil der Autorin hat mich von Beginn an überzeugt. Sie bedient sich einer leicht verständlichen, gefälligen Sprache. Treffende Beschreibungen, wie "sie sah die blutigen Spuren einer ungeduldigen Rasur" kennzeichnen Walters genauso, wie ihr Humor und Wortwitz......

Die Lösung liegt in der Vergangenheit

"Anne Cattralls Bemerkung platzte in die Stille des Augustnachmittags wie der Furz in die Teegesellschaft der Pastorengattin". Letztlich liegt der Schlüssel zur Lösung des Falles/der Fälle (?), wie öfters bei Walters, in der Vergangenheit der Protagonisten. Und McLoughlin muss eine schwierige Entscheidung treffen...

Wer sich auf intelligente Weise unterhalten möchte, sollte hier zugreifen. "Im Eishaus" enthält alle Zutaten für einen gelungenen Kriminalroman: Spannung, interessante Charaktere, verblüffende, aber logische Wendungen, raffinierte Finten, Humor, viel Psychologie und eine Romanze.

Der Fall findet sein logisches, wenn auch überraschendes Ende. Wer sich einen spannenden Krimi ganz ohne bluttriefende Morde und grausame Details vorstellen kann, sollte hier zugreifen.

Minette Walters gehört nach meiner Meinung zu Recht zu den erfolgreichsten Kriminalschriftstellern der Gegenwart. Mir gefallen auch die meisten anderen Romane der Autorin. Allerdings bevorzuge ich ihre früheren Werke.

Im Eishaus

, Goldmann

Im Eishaus

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