Tod in Belmont

  • Blessing
  • Erschienen: Januar 2007
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  • New York: Norton, 2006, Originalsprache
  • München: Blessing, 2007, Seiten: 320, Übersetzt: Jürgen Bürger
Tod in Belmont
Tod in Belmont
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Michael Drewniok
90°1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2007

Mörder, Mythen und die brutale Realität

Belmont ist ein Vorort der Großstadt Boston im US-Staat Massachusetts. Die überwiegend gut situierten Bürger leben friedlich zusammen; die Verbrechensrate ist so niedrig, dass es hier noch nie einen Mord gegeben hat. Das ändert sich erst am 11. Mai 1963, als der Verwalter Israel Goldberg bei seiner Heimkehr Gattin Bessie im ehelichen Schlafzimmer findet: mit einem der eigenen Strümpfe stranguliert, vergewaltigt, zur Schau gestellt.

Schock geht über in Angst und Zorn, denn es sieht so aus, als habe der berüchtigte Serienmörder, den die Medien den "Boston Strangler" nennen, sein "Revier" erweitert. Binnen kurzer Zeit hat dieser Würger acht Frauen auf die beschriebene Weise umgebracht, ohne dass es der Polizei trotz intensiver Suche gelungen wäre, ihm auch nur auf die Spur zu kommen.

Dieses Mal könnte sich das ändern: Am Tatort sahen Zeugen einen männlichen Schwarzen, der in diesem rein "weißen" Viertel auffiel und argwöhnisch beobachtet wurde. Roy Smith ist sein Name, und er hat für Bessie Goldberg am Tag ihres Todes diverse Handlangerdienste erledigt. Niemand außer ihm kann nach Auffassung der Beamten nach dem Mord und vor dem Erscheinen des Ehemanns das Haus betreten haben. Ergo ist Smith, der hartnäckig leugnet, der Hauptverdächtige - und womöglich der Würger von Boston! Letzteres kann ihm nicht nachgewiesen werden, doch man verurteilt ihn als Mörder von Bessie Goldberg; das Gefängnis hat er lebendig nicht mehr verlassen.

Doch war wirklich Smith der Mörder? Mehr als vier Jahrzehnte nach den beschriebenen Geschehnissen rollt der Journalist Sebastian Junger den Fall noch einmal auf. Er studiert die Akten, befragt Zeitgenossen, sichtet die Beweise - und findet deutliche Hinweise auf einen Justizirrtum, dem ein Mann zum Opfer fiel, der ein notorischer Krimineller sowie zur falschen Zeit am falschen Ort war ...

Spuren führen ins Nichts

Tod in Belmont ist ein Buch von Sebastian Junger, was bereits neugierig macht. Mit seinen Bestsellern Der Sturm und Feuer hat er bereits ausgezeichnete Reportagen vorgelegt. Die Verbindung von hart recherchierten, präzise strukturierten Fakten mit einem Stil, den man "lyrisch" nennen darf, hat dem Verfasser zu einem bemerkenswerten Ruf verholfen. Auch sein aktuelles Werk ist mehr als eine True-Crime-Dokumentation. Junger begräbt seine Leser nach dem Prinzip "Friss, Vogel, oder stirb" unter kriminalistischen Hintergrundinformationen, wie es die Mehrheit der Autoren in diesem Genre gern tun: Die werden ausgegraben und in ihrer Gesamtheit präsentiert, als ob sich die Leser in einem "Whodunit?"-Wettbewerb mit der ermittelnden Polizei messen möchten.

Dagegen bearbeitet Junger die Fakten wie ein Bildhauer seinen Marmorblock. Er präpariert heraus, was für seine Darstellung von Belang ist, wählt aus und hat den sprichwörtlichen Mut zur Lücke. Damit geht er verstärkt das Risiko ein seine Deutung argumentativ in diejenige Richtung zu steuern, die er einschlagen möchte. Wie er offen zugibt, ist ihm genau dies im Laufe seiner Arbeit an diesem Buch geschehen. Er hat es bemerkt und als Warnung verstanden, mehr Objektivität walten zu lassen. Wie er sich dem Problem stellte, beschreibt er im abschließenden Kapitel, das sich mit der Entstehungsgeschichte von Tod in Belmont selbst befasst.

Furchtlos bedient sich der Verfasser literarischer Mittel, die Tod in Belmont in die Nähe eines Thrillers rücken. Kein betont schlichter Stil soll hier Sachlichkeit suggerieren (oder mangelhaftes schriftstellerisches Talent vertuschen ...). Junger weiß (gut übersetzt übrigens) mit Worten umzugehen. Emotionale Szenen wirken glaubhaft, nicht schmalzig, den Personen werden keine Charaktereigenschaften - "der haltlose Kriminelle", "die sparsame, ehrsame Hausfrau", "der tapfere, erfahrene Polizeibeamte" usw. - aufgeprägt.

Junger bricht in seinem Buch mit der True-Crime-typischen Darstellung der Ereignisse in streng chronologischer Reihenfolge. Er löst die Fakten und historische Abläufe aus dem zeitlichen Gefüge, ordnet sie neu, springt zeitlich vor und zurück. Junger interpretiert, er arbeitet mit den Fakten, vertieft ihre Aussagekraft, behandelt sie wie Mosaiksteine, die er zu einem Bild fügt, das mehr ist als die Rekonstruktion eines Kriminalfalls.

Das Verbrechen als Spiegelbild seiner Gegenwart

Aus gutem Grund ist er nicht auf den Tod in Belmont fixiert. Diverse Kapitel beschäftigen sich mit scheinbar anderen Themen, geben Einblicke in die Geschichte der US-Südstaaten, gehen über zu den sozialen Umwälzungen nach dem II. Weltkrieg, erläutern den komplexen Justizapparat. Dabei wirken reale Zeitgenossen oft wie Figuren, die diese Kapitel personifizieren. Laut Junger tun sie das tatsächlich, denn für ihn wurden die Ereignisse so, wie er sie schildert, zu einem guten (bzw. schlechten) Teil durch ihr (historisches) Umfeld quasi determiniert: Smith mag in der Tat der Mörder gewesen sein, doch es wäre möglich, dass ihm erst Rasse, Herkunft und übler Leumund zum Verhängnis wurden. Als schwarzer, armer und notorisch krimineller Mann geriet er in einen verhängnisvoll präzise arbeitenden Mechanismus, der ihn in die Zelle beförderte. Junger zerlegt diesen Apparat in seine Einzelteile und legt uns seine Funktionsweise dar.

Bemerkenswert ist hier Jungers Geschick, mit einfachen aber klug gewählten Worten komplizierte Themen allgemein verständlich zu machen. Selten wurde man so knapp wie kundig durch den Dschungel des US-amerikanischen Rechtssystems geleitet. Junger legt die Aufgaben und Kompetenzen des Richters, der Anwälte und der Geschworenen so transparent dar, dass man als Leser Gerichtsszenen in Film und Fernsehen, in Zeitungen und Büchern zukünftig mit anderen bzw. offenen Augen sehen wird. Dazu gehört ein kritischer Blick auf die zeitgenössischen Ermittlungstechniken, die im Goldberg-Fall einerseits kein eindeutiges Bild des Tathergangs ermöglichten und andererseits schlampig angewendet wurden.

Junger zeigt uns die Konsequenzen: Die auf Smith als Mörder fixierte Polizei, die Justiz und Geschworenen sind möglicherweise ihren Vorurteilen in Verbindung mit ihren Irrtümern so nachdrücklich erlegen, dass sie nicht nur einen Unschuldigen ins Gefängnis schickten, sondern den wahren Mörder entkommen ließen und somit die Chance gaben, sein grausiges Werk fortzusetzen. Der Verfasser fand deutliche Indizien dafür, dass der Mord an Bessie Goldberg die neunte Bluttat des "Boston Stranglers" gewesen sein könnte. Albert DeSalvo, der erst zwei Jahre und drei weitere Würgemorde später entlarvt wurde, lebte und arbeitete zum Zeitpunkt des Goldberg-Mordes in Belmont. Ein bemerkenswerter Schnappschuss aus dem Fotoalbum der Familie Junger zeigt den einjährigen Verfasser im Arm seiner Mutter, während hinter ihnen DeSalvo steht - womöglich bereits ein mehrfacher Serienkiller, aber auch ein unbescholtener Handwerker, der den Jungers einen Wintergarten baute.

Diese Episode der Familiengeschichte, die einem Hollywoodfilm entliehen sein könnte, musste Junger verständlicherweise aufgreifen, betrifft sie doch auch die eigene Vergangenheit, die eine tragische Wendung hätte nehmen können: Sogar wenn DeSalvo Bessie Goldberg nicht umbracht hatte, war Ellen Junger definitiv in Gefahr. Ihr Sohn hätte zu den traumatisierten Männern, Frauen und Kindern gehören können, die durch DeSalvo Angehörige oder Freunde verloren.

Serienmörder sein oder Serienmörder inszeniert?

Natürlich beschäftigt sich Junger ausgiebig mit Albert DeSalvo. Dessen Leben und "Werk" wurde in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach recherchiert. Junger kann dem keine wirklich neuen Erkenntnisse hinzufügen, sondern baut auf dem Bekannten auf. Er stellt DeSalvo und Roy Smith als "Spiegelbilder" dar, denn es könnte sein, dass dieselbe fatale Mischung aus kriminaltechnischer Rückständigkeit, Ermittlungsfehlern und Einbahnstraßendenken, die Smith in die Rolle eines Mörders zwang, DeSalvo zum "Boston Strangler" stempelte. Es steht längst nicht mehr fest, ob er dies überhaupt war. Die Theorie, dass er, der als vielfacher Frauenschänder ganz unten in der Gefängnishierarchie stand, sich die Rolle des Würgers selbst schuf und so erfolgreich damit war, dass dies von der Justiz und von den Medien geglaubt wurde, lässt sich inzwischen begründen.

Junger nimmt auch dies in seine Beweisführung auf, ohne freilich zu behaupten, den Fall endlich gelöst zu haben. Die lückenhafte Quellenlage lässt keine endgültige Klärung zu, ob erstens Albert DeSalvo der Würger von Boston war, der zweitens Bessie Goldberg tötete, während drittens Roy Smith zum Opfer eines Justizirrtums wurde. Damit muss sich wie Junger auch der Leser zufrieden geben.

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