Tödlicher Abschied

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • New York: Thomas Dunne Books, 2004, Titel: 'Tonight I said goodbye', Originalsprache
  • München: Knaur, 2006, Seiten: 440, Übersetzt: Thomas Bertram

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Michael Drewniok
Die Russen kommen zurück - dieses Mal als Mafia

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2007

Cleveland, Ohio: Seit sechs Monaten erst sind die ehemaligen Polizisten Lincoln Perry und Joe Pritchard als Privatdetektive aktiv. Die Geschäfte laufen schleppend, so dass sich das Duo für einen heiklen Fall verpflichten lässt: Wayne Weston, selbst in der Branche tätig, wurde mit einer Kugel im Schädel in seinem Haus aufgefunden. Gattin Julie und Töchterlein Betsy sind verschwunden. Für die Polizei ist der Fall klar: Der von Spielschulden geplagte Wayne hat seine Familie umgebracht, verschwinden lassen und anschließend Selbstmord begangen.

Waynes Vater John hält von dieser Theorie gar nichts. Er heuert Perry & Pritchard an, die nach kurzer Ermittlung dazu neigen ihm zuzustimmen. Eine Spur führt zu Jeremiah Hubbard, einem Wirtschaftsmagnaten ganz großen und skrupellosen Kalibers. Offenbar hatte er Weston jr. im Rahmen eines Deals angeheuert, der den Ankauf diverser Grundstücke erforderlich machte. Der Detektiv suchte gezielt nach schmutzigen Flecken auf den Westen unwilliger Eigentümer, die auf diese Weise von Hubbard zum Verkauf erpresst werden konnten.

Amy Ambrose, eine mit den Detektiven befreundete Journalistin, bringt außerdem in Erfahrung, dass Wayne mit drei russischen Ex-Elitesoldaten zu tun hatte, die für Dainius Below, den "Paten" von Clevelands reger Russenmafia, "arbeiten". Als Amy Näheres in Erfahrung zu bringen versucht, stattet ihr das Trio einen Besuch ab, zertrümmert ihren Wagen und legt ihr nahe, auf weitere Nachforschungen zu verzichten.

Perry und Pritchard bekommen unterdessen Besuch vom FBI. Dieses beobachtet Below schon lange und wünscht keine Einmischung. Allerdings gibt es längst eine dritte Partei, die sich in die Ermittlungen eingeschaltet hat: Waynes ehemaliger Kompagnon Aaron Kinkaid will nach eigener Auskunft Julie und Amy retten. Darf man ihm glauben? Nachdem die Befragung eines möglichen Zeugen mit dessen spektakulärer Ermordung endet, werden die Detektive misstrauisch. Das gilt leider auch für die Russen, die den lästigen Schnüfflern das Maul stopfen wollen ...

Professionelle Routine der unterhaltsamen Art

"Mit leichter Feder geschriebener Detektiv-Krimi, der alle Elemente dieses Subgenres berücksichtigt und seinen vorhersehbaren Plot flott und unterhaltsam abspult." So lässt sich Tödlicher Abschied ebenso knapp wie zutreffend rezensieren; anfügen ließe sich die Klage über einen eingedeutschten Titel, der wieder einmal rein gar nichts aussagt.

Ein detektivisches Duo ermittelt in einem Fall von Mord und Entführung, der nur Teil eines wesentlich umfangreicheren Verbrechens ist. Selbstverständlich verheben sich die beiden Schnüffler, die es mit der notorisch kriminellen Hochfinanz und mit der Russenmafia gleichzeitig zu tun bekommen. Dies führt zu den üblichen Zwischenfällen, die Spannung in Gestalt von Schießereien, Verfolgungsjagden und mörderischen Konfrontationen mit ebensolchen Finsterlingen in eine Handlung bringt, die ansonsten wie auf Schienen ihrem den erfahrenen Krimileser nicht unbedingt überraschenden Finale entgegenläuft.

Der Spaß an diesem Roman resultiert einerseits aus dem handwerklichen Geschick, mit dem der Verfasser zu Werke geht. Andererseits gibt er gar nicht vor, den Krimi neu erfinden zu wollen. Er schreibt einen altmodischen aber guten Thriller, der ein Wiedersehen mit vielen - wenn nicht allen - Klischees & Konstanten des Detektivromans garantiert. Sie werden ein wenig aufgeschüttelt und gegen den Strich gebürstet - das 21. Jahrhundert hat auch die Detektei Perry & Pritchard erreicht. Deren Kanzlei ist genreüblich klein, und viel Geld wird hier nicht verdient, doch es fehlt die tragische Komponente, die den "private eye" zum Ritter in einer schlechten Welt ohne Ideale werden lässt. "Tödlicher Abschied" ist ein locker und humorvoll geschriebener Roman, der zwar manchmal in die Tiefe gehen möchte, genau dann allerdings fadenscheinig wird: Hier entlarvt sich der Verfasser als Kopist, dem das echte Verständnis dessen, was er in Worte fassen möchte, (noch) fehlt.

Coole Freunde in einer kalten Welt

Lincoln Perry und Joe Pritchard sind Kollegen, Kumpel und Detektive. Im Bewusstsein dieser Trias scheinen sie sich außerdem entsprechende Filmrollen zu verkörpern. Zumindest reden sie wie "Buddy"-Ermittler in einem auf Witz getrimmten Filmkrimi. Glücklicherweise meinen sie es nicht Ernst damit, wie sie auch sich nicht allzu wichtig nehmen; Verfasser Koryta lässt es immer wieder anklingen. Deshalb wirkt es auch nicht ermüdend, wenn unser Duo sich allzu rollenkonform benimmt, d. h. lästige Cops und FBI-Agenten, von sich eingenommene Polit- und Wirtschaftsprominenz oder üble Schurken mit lässigen Sprüchen provoziert und auch sonst tüchtig ans Bein pinkelt. Sie sind nicht ungeschickt darin, und vor allem bemerkt man den Ernst, der sich dahinter verbirgt.

Denn Perry & Pritchard sind trotz aller Exzentrik klassische Privatdetektive: Sie übernehmen einen Job und erledigen ihn ohne Rücksicht auf Verluste. John Weston wird von ihnen gewarnt, dass Unerfreuliches über seinen Sohn ans Tageslicht gefördert werden könnte. Unsere beiden Detektive, die über Gott und die Welt lästern, machen sehr deutlich, dass sie in diesem Punkt keine Konzessionen zu machen gedenken. Wiederum zum Genre gehört, dass genau dies geschieht.

Die Gefahr ist groß, als Rezensent die mangelnde Tiefe der Figuren mit dem jugendlichen Alter des Verfassers zu begründen: Michael Koryta war gerade zwanzig Jahre alt, als er Tödlicher Abschied schrieb. Wie sollte er "wissen", wie zwei deutlich ältere und erfahrene Kriminalisten denken und fühlen? Nicht so wichtig ist diese Frage, wenn es um Figuren wie Jeremiah Hubbard oder Dainius Below geht: Der schurkische Kapitalist und der vertierte Gangster sind Klischees, die leicht mit entsprechenden Eigenschaften und Phrasen "programmiert" und zum Leben erweckt werden können.

Anders ist das, wenn echte Zwiespältigkeit dargestellt werden soll. Julie Weston soll eine undurchsichtige Frau sein - die typische "private-eye"-Klientin, die ebenso schön und hilflos wie durchtrieben und verlogen ist. In ihrer Charakterisierung orientiert sich Koryta an ungleich besser realisierten Vorbildern. Als "mysteriöse Lady" ist sie denkbar ungeeignet. Besser gelungen ist die zweite weibliche Rolle: Reporterin Amy bleibt (noch) beste Freundin (= potenzielles "love interest") und Kumpel in enthält sich deshalb jener tieferen Gefühle, deren glaubhafte Vermittlung Koryta überfordert.

Die Versuche, genau das dennoch gelingen zu lassen, führen zu Geplänkeln zwischen Detektiv und Anbefohlenen, zu unnötigen Längen im Mittelteil und einem wenig glaubhaften Finalgag, der glücklicherweise den überwiegend positiven Eindruck dieses Debüt-Thrillers nicht wirklich trüben kann.

Tödlicher Abschied

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