Schlafende Engel

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • London: Weidenfeld & Nicolson, 2003, Titel: 'Lost Souls', Seiten: 280, Originalsprache
  • München: btb, 2007, Seiten: 352, Übersetzt: Eva Bonné
  • New York: Viking, 2004, Seiten: 260, Originalsprache

Couch-Wertung:

75°
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Jörg Kijanski
Viele Fragen und Wendungen halten die Spannungskurve auf hohem Niveau

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2007

Eigentlich hatte sich Polizist Lawrence auf einen kurz bevorstehenden Urlaub in seiner Jagdhütte gefreut, doch in der Halloween-Nacht muss er seine Urlaubspläne begraben. Denn als nach den üblichen derben Streichen der Jugendlichen endlich Ruhe einzukehren scheint, erreicht ihn ein Notruf aus der Zentrale. Ein dreijähriges Mädchen wird als vermisst gemeldet. Lawrence dreht also noch ein paar Runden und findet wenig später die Leiche des Kindes. Das Mädchen liegt auf einem Laubhaufen und wurde offensichtlich überfahren. Wenig später wird Lawrence zu einer Besprechung mit dem Chief und dem Bürgermeister gerufen. Ein Anrufer hat ein Autokennzeichen notiert, welches zu dem Pickup von Kyle Johnson, dem örtlichen Football-Star, gehört. Der Bürgermeister will kurz vor einem wichtigem Spiel, durch das auch die kleine Provinzstadt berühmt werden könnte, jedoch nichts riskieren und stellt den Fall als Tragödie dar, bei der der Fahrer des Wagens sich seiner Schuld vermutlich nicht einmal bewusst sei. Schließlich gehört es Halloween zum guten Ton, am Fahrbahnrand stehende Melonen und Laubhaufen umzufahren.

Mit der Aussicht auf eine mögliche Beförderung und aufgrund des Umstandes, dass Lawrence in der Schuld des Bürgermeisters steht, begibt sich Lawrence auf den Weg zu Kyle. Dessen Pickup ist glänzend sauber, keine Anzeichen von einem Unfall. Doch bei einer kurzen Befragung gibt Kyle direkt zu, das Kind überfahren zu haben. Drei weitere Personen seien ebenfalls in dem Wagen gewesen, darunter seine schwangere Freundin Cheryl. Aufgrund der "christlichen" Werteinstellung seiner Mutter glaubt Kyle, dass der Unfall eine Strafe Gottes dafür sei, dass Cheryl ihr Kind abtreiben möchte.

Von den drei weiteren Insassen in Kyles Auto erwähnt Lawrence in seinem Protokoll kein Wort. Ganz im Gegenteil, er spielt Kyles Rolle in dem Fall als unwichtig herunter. Wenig später erhält Lawrence Einblick in den "vorläufigen Unfallbericht". Demnach haben zwei Fahrzeuge das Mädchen überfahren. Zuerst eine Limousine und erst danach der Pickup. Doch was soll dann die geheimnisvolle Vertuschungsaktion des Bürgermeisters? Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse...

Der Polizist Lawrence und der Bürgermeister -irgendwo im mittleren Westen der USA.

Sind wir ehrlich: Wer greift freiwillig zu einem Buch, in dem die Hauptfiguren keine Namen haben und der Leser nicht erfährt, wo die Geschichte spielt? Wohl nur ganz wenige Enthusiasten, aber er gibt ja auch noch unsere Redaktion. Da landen schon mal solche Titel in der Post und manchmal findet man überraschenderweise durchaus ansprechendes Lesefutter (apropos ehrlich: "Irgendwo in Iowa" war doch auch ein klasse Film). Da Michael Collins Debütroman Schlafende Engel einen etwas anderen Plot bietet, lohnt es sich trotz der zuvor erwähnten Schwachstelle zuzugreifen. Apropos Schwachstelle: Vier Leute saßen in dem Pickup, als Kyle das Mädchen überfuhr. Im weiteren Romanverlauf kommen aber nur noch Kyle und seine Freundin vor.

Ich-Erzähler Lawrence ist seit zwei Jahren geschieden, verschuldet und hat Schwierigkeiten die Unterhaltszahlungen für seinen Sohn zu leisten. Entsprechend ist er mit seinen Nerven am Ende, so dass er im Verlauf der Geschichte zu einigen Kurzschlussreaktionen neigt, wie zum Beispiel sein Haus zu verkaufen, um ein neues Leben als Immobilienmakler zu starten. Teure, nichts aussagende Kassetten sollen dabei der Orientierung dienen. Einziger Rückhalt in seiner desolaten Situation sind sein Hund Max und seine Arbeitskollegin Lois, deren Mann sich vor einiger Zeit erhängte. Eine nur teilweise funktionierende Beziehung, bei der nicht selten größere Mengen Alkohol im Spiel sind.

Doch trotz der Misere in seinem Privatleben trifft ihn der aktuelle Fall noch härter. Die Bilder von dem jungen Mädchen im Schnee lassen ihn nicht mehr los und zudem nagen an ihm zu viele Fragen. Warum will der Bürgermeister Kyle Johnson mit aller Gewalt aus den Ermittlungen heraushalten, wo er doch höchstwahrscheinlich das Kind erst überfuhr, nachdem es bereits tot war? Warum wird nicht gegen die Mutter des Kindes ermittelt, die, als ihre Tochter durch eine offen stehende Eingangstür verschwand, besoffen in ihrer Wohnung lag?

Später, viel später, die Ermittlungen hat längst die Bezirkspolizei übernommen, holt Lawrence sein eigenes Mitwirken bei diesem Fall wieder ein, zumal er zu Protokoll gibt, Kyle nicht ausreichend befragt zu haben. Ihm droht ein Prozess, doch werden sich der Chief und der Bürgermeister an die Absprachen halten bzw. überhaupt daran erinnern?

Der Plot besteht aus drei wichtigen Blöcken. Es geht um die Rolle von Kyle und die ihn betreffende Vertuschungsaktion und um die Frage, wer in dem ersten Wagen saß, also wer das Kind tatsächlich überfahren hat. Hierin fliest als dritter "Block" die weitere Entwicklung von Lawrence mit ein. Aus neutraler Sichtweise macht dieser sich in großem Umfang verdächtig, in den Fall zumindest am Rande verwickelt zu sein. Von Erpressung und Betrug ist die Rede und da Lawrence während des damaligen Scheidungsprozesses seine Frau mit einer Waffe bedrohte, findet er nur wenige Verbündete. Allein der Leser erfährt von dem Ich-Erzähler Lawrence, dass er unschuldig ist (und leidet daher mit ihm). Doch lange Zeit glaubt der Leser auch, den Ereignissen locker folgen zu können, während Michael Collins geschickt bis zum Finale immer wieder neue Finten legt.

Dieser Debütroman bietet kurzweilige, leicht Mainstream-lastige Unterhaltung und eine durchaus ordentliche Auflösung. Dem abgehalfterten Polizisten Lawrence wünscht man gerne weitere Fälle - und einen Nachnamen.

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