Die sechste Laterne

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Buenos Aires: Seix Barral, 2005, Titel: 'La sexta lámpara', Seiten: 253, Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2007, Seiten: 256, Übersetzt: Claudia Wuttke
  • Zürich: Unionsverlag, 2009, Seiten: 182

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Eva Bergschneider
Anspruchsvoll langweilig

Buch-Rezension von Eva Bergschneider Mai 2007

De Santis´ Kriminalromane wurden oft als spannende, zuweilen etwas bizarre, sprachlich außergewöhnlich raffinierte und klug konzipierte Werke charakterisiert. Sprache und Kommunikation ist ein beliebtes Thema des Autors. In seinem neuesten Buch Die sechste Laterne geht es auch um die Frage, welche transzendente Aussagekraft die Kunstform Architektur haben kann und sollte.

Biographie: Silvio Balestri

Der italienische Architekt Silvio Balestri entwickelte während seiner Architektur-Studienjahre in Rom einen Hang zum Monumentalismus, er wollte etwas bauen und dabei an der Spitze anfangen. Sein wichtigster Wegbegleiter in dieser Zeit, Pollak, forderte und inspirierte ihn durch langwierige und harte Wortgefechte. Polaks Strategie hatte dagegen etwas archäologisches an sich, er strukturierte und analysierte das grosse Gesamtbild bis hin zum Detail.
Der erste Weltkrieg trennt ihre Wege, Pollak meldet sich zur österreichischen Armee, Balestri flieht in die neue Welt, nach New York. Durch die fremde Sprache eingeschränkt, arbeitet der Architekt zunächst als Kellner, ehe er im renommierten Architekturbüro Moran. Morley und Mactran als Kopist angestellt wird.

Spion und Besessener

Balestri kennt in dieser Zeit nur ein Ziel, er will in die vorletzte Etage, in die Riege der Architekten aufsteigen. Dazu verhilft im schliesslich ein seltsamer Auftrag; er soll herausfinden, welcher der drei Kollegen der Konkurrenz geheime Pläne mit baulichen Details zuspielt. Auf der Suche nach der undichten Stelle, macht Balestri Bekanntschaft mit dem Geheimbund der "sechsten Laterne", der ihn fortan immer wieder heimsuchen wird.

Echte Freundschaft verbindet Balestri, der sich in seinen Vorträgen vehement gegen die Bedeutungslosigkeit der modernen Architektur ausspricht, mit dem Museumsbesitzer Caylus, einem Sammler von Modell-Bauwerken, die niemals realisiert wurden. Der Italiener wird das imposanteste Stück dieser Sammlung erschaffen: Zikkurat, ein monumentales Bauwerk, nach dem Vorbild des berühmten Turms zu Babel. Balestri ordnet alles in seinem Leben dieser Obsession unter, er will um jeden Preis und gegen alle Widerstände dieses Bauwerk erschaffen.

Literarischer Krimi oder Literatur mit Elementen des Kriminalromans?

Viele Literaten wollen ihre Werke nicht in die eine oder andere Kategorie eingeteilt wissen. Sie kombinieren bewusst mehrere Subgenre und verschiedene Stilelemente. Die Kriminalromane des argentinischen Autors Pablo De Santis verbinden philosophische Fragen und Verbrechen in betont kafkaeskem Stil, Die sechte Laterne macht da keine Ausnahme.

Der Roman beginnt als Biografie des italienischen Meisterarchitekten, dem die Erhabenheit und Bedeutung von Bauwerken über alles geht. Solange Balestri in Rom studiert und seine Philosophie der Baukunst mit seinem besten Freund und zugleich seinem härtesten Herausforderer Oskar Pollak diskutieren kann, geht er in seiner Arbeit auf. Ein latenter Drang, sich mit diffizilen Mysterien auseinander zu setzen, ist auch in dieser Zeit bereits erkennbar.
Nach Balestris Ortswechsel in die aufstrebende Metropole jenseits des Atlantiks, New York, verändert sich seine Lebenssituation. Balestris Geschichte, nun im Stil eines Spionageromans erzählt, gleitet schliesslich ab in eine Art Mysterie-Erzählung. Obsession und Fanatismus lassen seine Welt immer irrationaler werden.

Pablo De Santis berücksichtigt in seinem Roman mehrere literarische Themenbereiche: eine historische Betrachtung des New Yorks der 20ger Jahre sowie Elemente der Psychologie fließen in diesen Roman mit ein. Dazu gesellt sich eine unübersehbare Hommage an Kaffka, die sich in der Figur des Oskar Pollak wieder spiegelt.

Als Krimi überzeugend?

Da in Die sechste Laterne keinerlei Ermittlung stattfindet, gehört der Roman nicht zu den klassischen "Who done it" Krimis. Der Autor verfolgt ein faszinierendes Konzept, denn dieser Roman sucht seine Ermittler außerhalb des Erzählrahmens, nämlich unter den Lesern. Aber gibt De Santis dem Leser auch Anreize zu ermitteln? Leider kaum.

Die Erzählung ist mit so vielen Details, die den Hauptcharakter langsam in eine bestimmte Richtung führen sollen, überfrachtet, dass das eigentliche Thema überwiegend untergeht. Spannungselemente sucht man vergeblich, allenfalls sporadisch tauchen einzelne Ereignisse auf, die der Geschichte eine Wendung geben. Viele Aktionen erscheinen motivations- und zusammenhanglos, wie in einem abstrakten Episodenfilm, der es nicht schafft, das grundlegende Motiv zu enthüllen.

Der Hauptcharakter und die meisten anderen Figuren wirken unbeseelt und anonym, einzig die Figur des Oskar Pollak weist persönliche Züge auf (kein Wunder, wenn das große Vorbild Kafka Modell steht).

De Santis´ Erzählstil besticht dagegen durch eine klare, ästhetisch schöne Sprache, die auch in der deutschen Übersetzung vortrefflich zur Geltung kommt.

Die sechste Laterne begeistert aufgrund seiner weitreichenden literarischen Ansätze sicherlich Liebhaber anspruchsvoll-skurriler Erzählungen und eingeschworene Kafka-Experten, als Kriminalroman überzeugt Die sechste Laterne leider nicht. Pablo De Santis hat eine Reihe interessanter Aspekte in sorgfältig gewählte Worte gefasst, konnte daraus jedoch keine flüssig zu lesende, kohärente Erzählung kreieren. Lesern, die Freude an einer spannenden Geschichte mit interessanten Personen haben und in erster Linie gut unterhalten werden wollen, kann dieser Roman nicht empfohlen werden.

Die sechste Laterne

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Letzte Kommentare:
31.03.2010 09:17:24
tedesca

De Santis hat mit der ihm eigenen sprachlichen Brillanz einmal mehr einen Roman verfasst, der die Grenzen des Denkens und des Möglichen sprengt, der die geistige Welt über die reale stellt. Auch wenn dieser weniger skurril ist als seine Vorgänger (Die Fakultät, Die Übersetzung, Voltaires Kalligraph), finden wir uns immer in Situationen, die einem einen Vergleich mit Kafka regelrecht aufdrängen. Eine spannende Geschichte, die in höchster literarischer Qualität erzählt wird.