Das Monster von Florenz

Das Monster von Florenz
Das Monster von Florenz

Erschienen: Januar 2007

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Mailand: Rizzoli, 2006, Titel: 'Il mostro. Anatomia di un´indagine', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2007, Seiten: 4, Übersetzt: Simon Jäger, Bemerkung: Gekürzte Fassung. Regie: Kati Schaefer
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2008, Seiten: 442, Übersetzt: Katharina Förs, Rita Seuß

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Thorsten Sauer
Allein gegen das Monster oder die erfolglose Jagd auf einen rüstigen Neuzigjährigen

Buch-Rezension von Thorsten Sauer Mär 2007

Einer der bekanntesten Mafia-Jäger Italiens kommt nach einem spektakulären Schlag gegen das organisierte Verbrechen als Kopf der Sonderkommission Squadra Mobile nach Florenz, um eine bizarre Mordserie aufzuklären.
Das ist nicht etwa der Auftakt zu einem spannenden Kriminalroman, sondern ein Auszug aus dem Leben des Kommissars und Schriftstellers Michele Giuttari. Auch die Mordserie erschütterte Italien in den Jahren von 1974 bis 1985 tatsächlich und der ab 1995 mit den Ermittlungen für die Revisionsverhandlung betraute Giuttari legt nach zwei erfolgreichen Kriminalromanen hier eine fesselnde Dokumentation der Ereignisse vor.

Die Morde des Monsters

Ein Serienmörder tötet über einen Zeitraum von zehn Jahren in unregelmäßigen Abständen Liebespärchen, denen er an abgelegenen Orten auflauert. Da besonders das weibliche Opfer grauenvoll verstümmelt wird, konzentriert sich die Suche der Polizei schnell auf einen so genannten "Lustmörder". Ein auf dieses Täterprofil passender Verdächtiger wird im Jahr 1985, als die Morde plötzlich aufzuhören scheinen, tatsächlich gefunden. Es ist ein Bauer aus dem Umland von Florenz, der durch einen zurückliegenden Totschlag und als Voyeur bereits polizeibekannt ist. In einem Prozess wird er als das Monster von Florenz schuldig gesprochen und zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt. Doch es bleiben Zweifel.

Ermittlungsarbeit zeitversetzt

Da der Staatsanwalt zweifelt, dass ein nur minder bemittelter Bauer alleine die Morde über einen derart langen Zeitraum verübt und ganze Sonderkommissionen genarrt haben soll, wird der Fall neu aufgerollt. Michele Giuttari übernimmt die Leitung dieser 1995 um zehn Jahre zeitversetzten Mördersuche. Die Ermittlungen fördern unglaubliches über sexuelle Obsessionen, schwarze Messen und Omerta, die berüchtigte Verschwiegenheit der Italiener, zu Tage. Die Enthüllungen dieses realen Falls sind derart bizarr, dass sogar Thomas Harris einen Teil der Handlung seines Roman Hannibal nach Florenz verlegt und der Revisionsverhandlung als Beobachter beiwohnt.

Trotz der spektakulären Ermittlungsergebnisse endet der Revisionsprozess mit einem Freispruch und das vermeintliche Monster von Florenz entpuppt sich als Medienliebling, der sogar Liebesbriefe bekommt. Doch der unerschütterliche Glaube des Teams von Giuttari an die Theorie der mordenden Vereinigung mehrerer Täter, führt zu weiteren Enthüllungen und letztlich zu einem neuen Prozess, bei dem drei Angeklagte der Morde überführt und verurteilt werden. Damit ist der Gerechtigkeit scheinbar zum Sieg verholfen, doch Giuttari glaubt weiterhin, dass die wahren Schuldigen im Hintergrund geblieben sind. Er führt die Suche bis 2005 fort. Dabei stößt er jedoch nicht nur auf neue Geheimnisse, sondern unerwartet auch auf Widerstand aus den eigenen Reihen.

Anatomie einer Ermittlung

Der Untertitel von Giuttaris Dokumentation beschreibt treffend seine größte Stärke. Es gelingt dem Autor nicht nur die Fakten aufzuführen, sondern er lässt den Leser regelrecht an den Ermittlungsarbeiten teilnehmen und die Atmosphäre bei den über Monate dauernden Verhören miterleben.

Giuttari unterteilt seinen Bericht dabei in vier Teile. Im ersten Teil erläutert er die Fakten und führt chronologisch die Morde des Monsters auf. Dabei verlangt er dem Leser, aufgrund detaillierter Auszüge aus Obduktionsberichten, einiges ab. Selbst der abgebrühteste Krimifan muss schnell feststellen, dass die Realität um einiges erschütternder und abstoßender sein kann, als sie selbst ein Thomas Harris zu erfinden in der Lage ist.

Die Teile zwei und drei konzentrieren sich auf die eigentliche Ermittlungsarbeit der Squadra Mobile und bilden den Kern des Buches. Über weite Strecken befasst sich Giuttari mit der Rekonstruktion der Befragungen der Verdächtigen. Hier wird besonders deutlich, dass "Das Monster von Florenz" kein Kriminalroman ist, der von Verdichtungen der Handlung und von Übertreibungen lebt, sondern die Wiedergabe realer Ermittlungsarbeit.

 

"Anders als in Kriminalromanen gibt es bei echten Ermittlungen keine spektakulären Enthüllungen. Vielmehr geht es in kleinen Schritten voran, im Zuge einer scheinbar öden und langweiligen Alltagsroutine." (S. 229)

 

Ermittlungsarbeit ist von daher vor allem eines: geduldiges und mühsames Zusammensetzen von Puzzleteilen aus Verhören, Indizien und Ermittlungsberichten. Doch gerade hier hilft Giuttari die Erfahrung als Autor von Kriminalromanen. Es gelingt ihm, die nüchternen Protokolle von Verhören anzureichern mit Beobachtungen und der Beschreibung von Empfindungen, welche die Atmosphäre sehr lebendig werden lassen. Das ist eindeutig der stärkste Teil des Buches und der Leser muss sich ständig vor Augen halten, dass es sich hier um die Wiedergabe realer Geschehnisse handelt.

 

"Es sind Menschen aus Fleisch und Blut, die in der lieblichen Toskana im Umkreis von Florenz leben. Keine Zerrbilder von hässlichen Primitiven..." (S. 288)

 

Da sei Giuttari auch verziehen, dass der rote Faden der Ereignisse angesichts der präsentierten Informationsfülle für den Leser nur schwer nachzuvollziehen ist und so einige Passagen mit deutlichen Längen entstehen, denen eine Kürzung gut getan hätte.

Gibt es den rüstigen Neuzigjährigen?

Bedauerlicherweise fällt der vierte und letzte Teil des Buches deutlich schwächer aus. Nach der Verurteilung der drei Mörder bleiben zwar nicht nur für Giuttari einige Ungereimtheiten und die Frage nach den wahren Hintermännern offen, doch die Lösung des Falls erweist sich als gordischer Knoten. Zudem sieht er sich einigem Widerstand aus den eigenen Reihen ausgesetzt und die Presse beginnt sich angesichts der bereits zwei Jahrzehnte zurück liegenden Morde darüber lustig zu machen, dass Giuttari allenfalls einen rüstigen Neuzigjährigen zur Strecke bringen kann. Es gelingt Giuttari nicht, seine Ermittlungsarbeit und ihren Erfolg zu reflektieren. Deshalb verläuft das Kapitel, genau wie die endgültige Lösung des Falls, weitgehend im Sande.

Trotzdem bleibt "Das Monster von Florenz" eine klare Empfehlung. Die bizarren Ereignisse haben verschiedene Autoren inspiriert und Giuttari zeigt, wie Ermittlungsarbeit tatsächlich abläuft. Selbst die spektakulärste Jagd findet in Verhörzimmern, Archiven und bei Tatortbesichtigungen statt. Keine Spur vom einsamen Ermittler, der den Fall mit gezogener Waffe bei ständig präsenter Lebensgefahr löst. Michele Giuttari jedenfalls hat in fast 30 Dienstjahren seine Waffe noch nie benutzt.

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