Tod für Alice

  • Claasen
  • Erschienen: Januar 2003
  • Rom: Fazi, 2002, Titel: 'La verità è un´altra', Originalsprache
  • München: Claasen, 2003, Seiten: 318, Übersetzt: Olaf Matthias Roth
  • Berlin: List, 2006
Tod für Alice
Tod für Alice
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Jörg Kijanski
75°

Krimi-Couch Rezension von Jörg Kijanski Jan 2007

Unfall oder Selbstmord? Das ist hier die Frage!

Manlio Fiorentini ist auf der Autobahn in Richtung Bergamo unterwegs als er von einem Sportwagen mit großer Geschwindigkeit überholt wird. Nur Sekundenbruchteile danach stürzt der Wagen von einer Brücke hinab in die Tiefe. Manlio eilt den Abhang hinunter um erste Hilfe zu leisten, doch er kommt zu spät. Der Verunglückte kann nur noch mühsam das Wort "Alice" hervorbringen bevor er stirbt. Kurz darauf trifft die Polizei ein und übernimmt die Ermittlungen.

Manlio, Chefredakteur der Gazetta di Bergamo, eilt in die Redaktion um über den Unfall noch für die am nächsten Tag erscheinende Ausgabe exklusiv zu berichten. Mit seinen Kollegen arbeitet er bis tief in die Nacht und erfährt über den Polizeifunk, dass der Verunglückte alles andere als ein Unbekannter ist. Es ist Guglielmo, einziger Sohn von Augusto Rondine, dem reichsten Mann von Bergamo. Augusto gehört nicht nur die Gazetta, sondern vor allem die Banca di Provincia, ohne die in Bergamo recht wenig läuft.

Am nächsten Morgen wirft Manlio einen Blick in die Zeitung und ist entsetzt, dass in der Gazetta, von den Einheimischen wenig liebevoll "das Lügenblatt" genannt, nichts über den Unfall steht. Kurz darauf gibt ihm der Herausgeber der Zeitung Doktor Zenoni zu verstehen, dass man mit Rücksicht auf die Gefühle von Augusto die Angelegenheit nicht unnötig aufpuschen sollte. Die Berichterstattung wird daher einem Mitarbeiter Manlios übertragen, der für seine nichts sagenden Berichte bekannt ist.

Wenig später teilt die Polizei offiziell mit, dass es ein Unfall war, bei dem Guglielmo einem Lastkraftwagen nicht mehr ausweichen konnte. Manlio, der sich an keinen LKW erinnern kann, wird misstrauisch und begibt sich auf Spurensuche. Irgendetwas ist faul an der Sache, denn offenbar ist niemand ernsthaft an der Aufklärung der Unglücksursache interessiert. Manlio ist sich sicher, dass es Selbstmord war und damit seine journalistische Neugierde geweckt. Dumm nur für ihn, dass sich so richtig niemand mit ihm unterhalten will, außer dem Stadtbaurat Umberto Warburg, der wegen eines Streites um ein millionenschweres Neubauprojekt kein Freund der Familie Rondine ist. Viel kann er Manlio allerdings nicht erzählen, denn kurz vor einem geplanten Treffen stirbt er bei einem ... Unfall.

Sympathische Hauptfigur ermittelt in einem etwas anderen Fall

Manlio Fiorentini, Ich-Erzähler und Protagonist dieser erfrischend vom üblichen Mainstream abweichenden Kriminalerzählung, ist einem auf Anhieb sympathisch. Der erfolgsverwöhnte Mailänder Journalist erlebt einen herben persönlichen Niederschlag und will sich nur noch zurückziehen. Bei seiner privaten Flucht landet er bei der Gazetta di Bergamo, einer unbedeutenden Provinzzeitung, die selbst von den eigenen Lesern nicht ernst genommen wird und sich in erster Linie über Todesanzeigen finanziert. Manlio ist dennoch für die Leser eine "dentifikationsfigur, denn als er der Frage nachgehen will, ob es tatsächlich ein Unfall oder ein Selbstmord war, rennt er gegen eine gigantische Mauer des Schweigens. Ob es der ermittelnde Kommandant der Polizei oder der Oberstaatsanwalt ist, alle bedrängen ihn, seine Nase nicht in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken, zumal die anderen Leute in dem Fall Augusto Rondine höchstpersönlich ist.

Was passierte bei den Partisanenkämpfen im Zweiten Weltkrieg?

Augusto war ein unbedeutender Bauer und schloss sich im Zweiten Weltkrieg einer Partisanengruppe an. Dann überschlugen sich im April ´45 am San Marco Pass die Ereignisse, unmittelbar bevor der Krieg zu Ende ging. Danach gründete er mit seinen Waffengefährten die Banca di Provinzia, doch niemand in Bergamo vermag Manlio die Frage zu beantworten, woher plötzlich das Startkapital kam. Heute beherrscht Augusto quasi die gesamte Stadt, da alle führenden Köpfe von ihm abhängig sind. Manlio kämpft wie einst Don Quichote und setzt dabei ein ums andere Mal sein eigenes Leben auf's Spiel. Mehrfach gerät er in Gefahr, doch anders als vermeintliche Zeugen darf er natürlich nicht sterben, denn dann könnte er die Geschichte ja nicht zu Ende erzählen.

Trotz des mitunter langsamen Erzähltempos ein Pageturner

So erfahren die Leserinnen und Leser eine Geschichte, in der es vor allem um eine verkorkste Vater-Sohn-Beziehung geht. Ohne einander können sie nicht und miteinander geht es schon gar nicht. So versucht Guglielmo immer wieder sich vom despotischen Vater zu lösen, wenngleich ohne Erfolg. Manlio dringt immer tiefer in die Familiengeschichte so wie die Ereignisse im April 1945 ein. Doch wem kann er in dieser Geschichte überhaupt glauben? Immer wieder werden ihm einzelne Episoden aus dem Leben der Rondines erzählt, aber ebenso oft widersprechen sich die einzelnen "Zeugen", wenngleich mitunter nur in feinen Nuancen.

 

Warum stellen Sie lauter Fragen? Einer allein wusste alle Antworten, und den haben sie ans Kreuz geschlagen.

 

Aus all dem macht Piero Degli Antoni einen spannenden Krimi, der sich deutlich vom Mainstream abhebt. Atmosphärisch dicht, mitunter quälend langsam, da Manlio keinen Schritt weiter kommt und dennoch ist Tod für Alice ein Roman, den man nur schwer auf Seite legen mag. Man stößt in ein Dickicht aus Lügen, Selbstbetrug und Verdrängungen, wobei auch Manlio selbst keinen größeren Wunsch hat, als seine eigene Geschichte zu verdrängen...

Tod für Alice

Piero Degli Antoni, Claasen

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