Die Sekte

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • London: Bantam, 2006, Titel: 'Pig Island', Originalsprache
  • München: Random House Audio, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: David Nathan
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 383

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Michael Drewniok
Der schmale Grat zwischen Menschen und Monstern

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2007

Pig Island ist eine kleine Insel vor der Küste Westschottlands, auf der ein gabelschwänziges Ungeheuer umgehen soll. Die abergläubischen Einheimischen auf dem nahen Festland machen dafür die "Gemeinde für Psychogenes Heilen" verantwortlich, die vor Jahren das Eiland käuflich erwarb und sich seither strikt von der Außenwelt isoliert hält. Sektenunwesen und satanische Riten werden den 30 Siedlern nachgesagt, und wenn die Strömung landwärts geht, schwemmt sie oft grässlich zerstückelte Schweinekadaver an den Strand.

Nachdem der Druck auf die Gemeinde stetig stieg, lädt sie nun den Journalisten Joe Oakes ein. Er hat sich einen Namen als Erforscher angeblich übernatürlicher Phänomene gemacht. Auf ihn wird man hören, so hoffen die Inselbewohner, die natürlich abstreiten, dass auf Pig Island Seltsames oder gar Verbotenes vorgeht. Oakes schlägt ein, denn er ist neugierig, den charismatischen Anführer der Sekte zu treffen. Mit Malachi Dove ist er schon vor Jahren einmal aneinander geraten und will diesen Konflikt gern publicitytauglich aufleben lassen.

Auf Pig Island eingetroffen, wird Oakes jedoch mit einer völlig unvorhergesehenen Situation konfrontiert: Dove hat seine Gemeinde schon vor Jahren verlassen und im Inneren der Insel eine schwer gesicherte Festung errichtet, in der er geheimnisvollen Experimenten nachgeht. Seine ehemaligen Gefolgsleute fürchten ihn, denn in manchen Nächten schleicht weiter oben erwähntes Wesen umher.

Oakes gibt nichts auf die Warnungen der Gemeinde. Er verschafft sich Einlass in Doves Domizil und findet die Kreatur - Doves missgestaltete Tochter Angeline. Ihr Vater ist verschwunden. Wie Oakes entdecken muss, hat er seine Festung verlassen und sämtliche Mitglieder der Gemeinde umgebracht. Schlimmer noch: Dove hat Pig Island verlassen und ist auf das Festland geflüchtet. Er weiß sehr wohl, wer ihn in seinem Exil aufgestört hat, und kündigt an sich an Oakes rächen ...

Die einsame Insel gebiert tragisch clevere Monster

Die einsame Insel als Ort des Grauens: ein Motiv, das sich bewährt hat, weil der Ort des Geschehens in seiner Isolation eine Eskalation des Grauens plausibel macht. Kein Wunder, dass es in der Literaturgeschichte so viele Inseln gibt, auf denen sich Seltsames abspielt! Dem Schriftsteller kommt dieser Ort entgegen, denn er ist übersichtlich. Das gilt auch für die Figuren, denn da eine Insel allseitig vom Meer umgeben ist, hat der Verfasser das Kommen und Gehen völlig unter Kontrolle. Für den "Whodunit?"-Krimi ist die Insel ein idealer Ort, wie exemplarisch Agatha Christie 1939 mit "Ten Little Niggers"/"And Then There Was None" ("Zehn kleine Negerlein"/"Und dann gab's keines mehr") unter Beweis stellte.

"Die Sekte" ist allerdings ein Thriller von Mo Hayder. Sie hat sich mit ihren Romanen den Ruf erschrieben, erschreckende Geschichten mit gleich mehreren doppelten Böden zu verfassen. Bei ihr ist das, was wir durch ihre Augen zunächst sehen, niemals das, was sich tatsächlich ereignet. Diesem Credo bleibt sie auch dieses Mal durchaus treu. Trotzdem hat "Die Sekte" bei den Hayder-Fans für arge Verwirrung gesorgt, denn dieses Buch ist (scheinbar) "anders".

Beginnen wir mit dem Titel: Der lautet im Original "Pig Island", was die Handlung wesentlich besser umschreibt als die deutsche "Übersetzung". Zwar beginnt die Geschichte mit einer Sekte, die sich jedoch rasch als reiner Aufhänger für eine gänzlich anders verlaufende Story entpuppt und sehr bald höchst blutig von der Bildfläche verschwindet. Es ist Pig Island, die Insel, die unsere Geschichte prägt, die (zunächst) vom Wahnsinn eines Mannes erzählt, der einst eine Sekte führte, sich jedoch längst von ihr getrennt hat und eigene Pläne verfolgt. Pig Island ist aber vor allem ein Symbol für den Ursprung des Bösen, das dort geboren wurde. Die Insel bleibt in dieser Form präsent, als die Handlung sie noch vor der Hälfte des Romans verlässt.

Haydertypisch ist es der menschliche Wahnsinn, der als Katalysator für das Geschehen wirkt. Malachi Dove hat den Verstand verloren, als er feststellen musste, dass der von ihm propagierte Glaube, von dem er ehrlich überzeugt war, nur ein Hirngespinst ist. Für diese Katastrophe hat er einen "Schuldigen" gefunden: Joe Oakes, der ihm vor vielen Jahren als Journalist eine empfindliche Niederlage bereitet hat. Oakes hat sich in Doves wirrem Hirn zur persönlichen Nemesis entwickelt. Als er - keineswegs zufällig - auf Pig Island auftaucht, erreicht Doves Irrsinn ein neues Niveau. Er verlässt die Insel und bereitet auf dem Festland seine Rache als apokalyptisches Fanal vor.

Sehr raffiniert wirkt diese Story in der Zusammenfassung nicht. Sie ist allerdings als großes Täuschungsmanöver inszeniert, das die Leser mit einbezieht. Zur Erinnerung: Nichts ist bei Hayder, wie es zu sein scheint. Das wahre Monster ist nicht Malachi, und es zelebriert seine Rache an der Welt so raffiniert, dass Hayder es uns erst auf den letzten Buchseiten enthüllt. Leider wirkt dieser Twist ziemlich konstruiert. Da muss in letzter Sekunde noch eine Überraschung kommen, denn das erwarten wir von einem Hayder-Roman. Die Autorin liefert sie uns, doch sie überzeugt nicht wirklich und wirkt wie eine Pflichtübung. Die genauen Gründe können und sollen hier nicht erläutert werden, da sie die Auflösung verraten und potenziellen Lesern den Lektürespaß verderben könnten.

Insofern passt also "Die Sekte" in Hayders Bibliografie. Darüber hinaus gibt es erneut verstörende Momente, in denen diverse Dachschäden und Perversionen sehr plakativ zur Schau gestellt werden. Selbstverständlich reitet Hayder ausgiebig das für sie reservierte Steckenpferd, was bereits im Impressum der Widmungshinweis auf die "Encyclopedia of Unusual Sex Practises" ankündigt.

Nebelkerzen müssen die Überraschung verhüllen

Für die Handlung bzw. für die Tarnung des eigentlichen Plots ist Hayders Entscheidung wichtig, die Story aus zwei Perspektiven zu erzählen. Diese Aufgabe übernehmen Joe und Alexandra Oakes, ein Ehepaar am Ende aller Gemeinsamkeiten. Joe ist ein Kind der Arbeiterklasse, das sich dort stets wohlgefühlt hat und sowohl beruflich als privat eher handelt als nachdenkt. Alexandra hat unter ihrem Stand geheiratet und ist im Laufe der Jahre so unzufrieden mit dem status quo geworden, dass sie sich in eine Romanze mit ihren Chef, einem berühmten Arzt, hineingesteigert hat, entlassen wurde und sich in psychiatrischer Handlung befindet. Sie ist keineswegs geheilt, ihre seelische Verwirrung wird durch die Pig-Island-Ereignisse noch verstärkt und läutet katalytisch den zweiten Teil der Tragödie ein.

Unfreiwillige Dritte im Bunde ist Angeline, die Malachis prominentestes Opfer wurde. Ihr tragisches Schicksal erregt Oakes' Mitleid, in das sich freilich Eigennutz und eine unkontrollierbare Obsession mischen: Angeline ist der lebende Beweis für seine Pig-Island-Story, die er in einen True-Crime-Bestseller umgießen will. Dafür wird er Angelines Vertrauen verraten und sie in der Öffentlichkeit bloßstellen. Außerdem fasziniert ihn die außergewöhnliche Behinderung, mit der Angeline geschlagen ist. Wie immer geht die Liebe - oder Begierde - bei Hayder seltsame Wege. Dass er Angeline gewaltig unterschätzt, wird Oakes erst klar, als es zu spät ist und Pig Islands wahres Monster und traurigstes Opfer sich an denen gerächt hat, die es hassten, fürchteten und manipulierten, um anschließend einen Neuanfang zu versuchen.

Nur kurz lässt sich Malachi Dove selbst persönlich blicken. Seit jeher ist es ein kluger Zug, Bösewichte im Hintergrund zu belassen. So müssen sich auch in "Die Sekte" die Leser aus bruchstückhaften Informationen ihr eigenes Malachi-Bild zusammensetzen, das stets eindrucksvoller ausfällt als die "Realität": Schurken sind weder überlebensgroß noch genial, sondern primär deshalb erschreckend, weil sie die gesellschaftlichen Normen nachdrücklich ignorieren. Sobald sie ihre Übeltaten "erklären", erhebt die Banalität ihr langweiliges Haupt.

Letztlich kann "Die Sekte" als schnell und schlüssig erzählte, wenn auch nicht gerade elegant geplottete Unterhaltung überzeugen. Dass ein allzu komplexer Unterbau eine Geschichte ruinieren kann, hat Hayder mit "Tokio" unter Beweis gestellt - einem Roman, der mit historischen, politischen und moralischen Grundsatzfragen auf realer Basis quasi hysterisch überfrachtet war, dass die Lesbarkeit weitgehend auf der Strecke blieb. Dies kann man der Geschichte von Pig Island nicht vorwerfen. Die Abgründe der menschlichen Seele bleiben dieses Mal überschaubar. Eine Steigerung des Grauens war wohl selbst Hayder nicht mehr möglich. Sie hat die Notbremse gezogen und den Schrecken wieder "begreifbar" gemacht. Vielleicht ist sie dabei ein wenig zu theatralisch (oder filmisch?) geworden - langweilig aber nicht! Wer mehr von Mo Hayder verlangt, wird es womöglich in "Throwing the Bones", dem dritten Teil der Caffery-Serie, finden.

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