Kalter August

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Melbourne: Text Publishing Company, 2005, Titel: 'The Broken Shore', Originalsprache
  • München: Bertelsmann, 2007, Seiten: 448, Übersetzt: Hans M. Herzog
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 443
  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Ulrich Noethen

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Lars Schafft
Raffgier über Rausch bis Rassenhass

Buch-Rezension von Lars Schafft Dez 2006

Aussie-Krimis haben einen bescheidenen Ruf. Nicht nur hierzulande, auch vor Ort down under. So verwundert es leider nicht, dass Peter Temple trotz acht australischer Krimi-Preise erst jetzt sein Debüt auf Deutsch feiert. Aber was für eines! Garry Disher, bisher recht allein an vorderster Front, bekommt endlich Unterstützung am deutschen Buchmarkt. Ja, und Temple ist sogar noch einen Tick besser. Kalter August ist sicherlich kein Mainstream, aber doch bemerkenswert klar geschriebene, hintergründe Kriminalliteratur. Mal wieder mit einem dümmlich eingedeutschten Titel.

Kalter August klingt befremdlich. Klimawandel hin oder her - August ist Sommer und doch warm?! Vergessen wir nicht, dass Temples Roman auf der Südhalbkugel spielt und da herrscht im August nunmal Winter. Viel passender wäre der übersetzte Originaltitel "Broken Shore", in etwa "kaputte Küste". Kein Wohlklang in teutonischen Ohren, dennoch aber eine wunderbare Metapher für das, was Temple beschreibt. 

In einem Dorf, in dem nichts mehr so schön ist, wie es vor Urzeiten mal gewesen sein muss, wird der Kaff-Prominete Charles Bourgoyne brutal überfallen, schwebt in Lebensgefahr. Ein Raubmord, ganz offenbar. Und ein Fall für Detective Senior Joe Cashin, der sich eigentlich mehr oder weniger auf eine Altersteilzeit in Port Monro eingestellt hat, seitdem er von einem Einsatz damals bei der Mordkommission nicht unschwer traumatisiert ist. Pustekuchen. Cashin, der lieber das alte, aber ansehnliche Landhaus eines Vorfahren renovieren wollte, hat nun eine ganz andere Baustelle vor sich. Und der Feind ist schwer einzukreisen.

Waren es tatsächlich junge Aboriginee, die den alten Bourgoyne zu Tode geprügelt haben? War es Zufall, dass auf die Jugendlichen von den örtlichen Bullen eine tödliche Hetzjagd durchgeführt wird? Und was hat Australiens neue Partei, die "United Australia" mit dieser Geschichte zu tun, wo es auch um die Verschandelung der Natur zugunsten ein paar Billigarbeitsplätze geht?

Temple spinnt in Kalter August viele Fäden, die Story selbst nimmt sehr gemächlich an Fahrt auf. Auch über Protagonist Joe Cashin erfährt der Leser nur spärlich, muss sich zusammenreimen, was hinterher die vielen mittelgroßen Tragödien als Folge hat. Temples jüngster Roman erfordert so durchaus etwas Geduld, ist aber vielleicht genau das, was einen modernen Kriminalroman ausmacht. Cashin ist eine originelle Figur, kaputt bis zum geht nicht mehr, aber nicht unsympathisch, nicht selbstverleugnend, nicht angrundtief depressiv. Aber hart. Und damit Abziehbild einer überforderten Gesellschaft, die mit sich selbst nicht mehr klar kommt.

Kalter August könnte insofern überall in der westlichen Welt spielen, die Kataströphen und Katastraphen sind austauschbar. Auf der anderen Seite ist Kalter August aber auch eindeutig australisch, angefangen von der mitunter sehr, sehr wortkargen Art der Dialoge bis hin zu ganzen Landstrichen, die verkauft werden, deren Bewohner sich selbst verkaufen, die untergehen.

Darin liegt Temples Kunst: Er zeichnet oberflächlich fast nüchterne Charakterporträts, ja das Bildnis einer ganzen Stadt. Von Raffgier über Rausch bis Rassenhass. Dabei gelingen ihm mit Joe Cashin eine Figur, gegen die zahllose Europäer brunettiblass bis wallanderweich aussehen. Kalter August könnte als das verstanden werden, was viele unter einem Krimi für Männer verstehen. Dahinter verbirgt sich jedoch ein präziser Einblick in die Gesellschaft des fünften Kontinents - kombiniert mit einem Krimi-Plot, der die ein oder andere handfeste Überraschung bietet.

Kalter August

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Letzte Kommentare:
18.10.2016 13:54:26
L. Pfeuffer

... die ersten 400 Seiten sind langweilig, baldzum Einschlafen. Vielleicht, wenn man Australien kennt, dann interessanter. Die restlichen
Seiten sind etwas spannender, aber für mich
mehr als unwahrscheinlich, ein ganz grosses
Durcheinander.

Schade um die Lese-Zeit !
Da hätte man etwas Besseres lesen können !

08.05.2016 19:18:37
T.R.

Für mich einer der besten Krimis seit langem.Knallhart und lakonisch -bestes "crime noir".Sehr empfehlenswert -und bitte mehr davon!!Die Figuren sind äußerst lebendig und echt,voller Charakter und Eigenständigkeit.Das Buch ist intelligent und sehr spannend.
Die Zustände auf dem Land werden treffend gezeichnet-gesellschaftskritisch und human wird die Situation der Aborigines beleuchtet.Für mich ein wirklicher Volltreffer -die Story ist logisch und nachvollziehbar-sprachlich alles vom Feinsten.

21.04.2009 15:52:28
A.R.

Ich empfand den Roman als recht anstrengend und mit zu geringen wirklichen Überraschungen gespickt. Temple legt besonderen Wert darauf, die körperlichen Leiden des Protagonisten bis zum Erbrechen zu erwähnen, dass es beinah nervt.

Letzten Endes war ich dann froh, das Buch beendet zu haben, um mich einer spannenderen Story zu widmen. Der neue Roman wirkte fast wie ein A-Ha-Elebnis, wie eine Erlösung nach diesem langwierigen "Kalten August".

29.09.2008 19:48:46
mase

Es ist mir ein Rätsel. Was ist das denn? Hat jemand Schlafprobleme? Dann nicht in die Apotheke wanken, sondern sich dieses Buch kaufen. Kommt günstiger.

Mankells Sozialkritik konnte ich damals ertragen, weil seine Bücher dennoch spannend waren, aber Temple schaffte es, dass mir der Speichel ständig auf die Seiten tropfte, weil ich schon wieder eingeschlafen war. Auch sehr nett vom Autor ist die Idee, jeden Strauch, an dem der Protagonist vorüber läuft beim Namen zu nennen. Für alle, die sich beim Jauch angemeldet haben, eine Trainingseinheit.

Als ich die ersten hundert Seiten durchgebissen hatte, musste ich nochmals nachsehen und tatsächlich, dieses Buch ist wirklich ein Monatsvolltreffer. Also gab ich dem Baldrianwerk nochmals eine Chance.

Gut, die Story nimmt dann langsam Fahrt auf, aber ich kann mit diesen Krimiautoren nichts anfangen, die durch trockene ausführliche Beschreibungen von Nebensächlichkeiten den Eindruck literarischer Qualität erzeugen wollen, am Besten noch mit einem Fingerzeig auf irgendwelche weltlichen Missstände. Das ist mir zu wischiwaschi und zu wenig Krimi.

Verschwendung kostbarer Lesezeit.

07.09.2008 19:55:33
Krimifan88

Schnarchliteratur, tut mir Leid, anders kann ich das als Krimifan nicht ausdrücken. Es fehlen richtige Ermittlungen, lieber rührt der Autor in der verkrüppelten Seele des Hauptermittlers! Dieser versucht mit teils witzigen Sprüchen seinen garstigen Polizeibossen Paroli zu bieten. Die Schauplätze ändern schnell und den drei jungen Burschen - auf dem Deckblatt noch Erwähnung geschenkt- wird kaum Aufmerksamkeit gewidmet.
Erst gegen Ende des Buches erhält die Geschichte etwas Spannung, als der wahre Täter ans Licht kommt. Aber die ersten 200 Seiten hätte man sich sparen oder drastisch kürzen können. Ich glaube nicht, dass ich ein weiteres Buch von ihm lesen werde.

06.08.2007 19:42:04
phi99auc

Ich fand, das Buch brauchte leider eine recht lange Weile (die erste Hälfte) um überhaupt in Gang zu kommen. Irgendwie schien der Autor hier unentschlossen. Trotzdem, der Fall ist spannend und überraschend konstruiert und entschädigt somit ein bisschen für den lahmen Beginn.

03.06.2007 11:11:04
Sigrun Wedgbury

Ein Krimi, der von Seite zu Seite spannender wird, der aber auch einen interessanten Einblick in das Leben der Australier außerhalb der großen Städte gibt. Sehr lebensnah geschrieben.

21.05.2007 19:42:32
ute

Ich kann mich leider den anderen Rezensenten nicht anschließen, da mir das Buch überhaupt nicht gefallen hat. Mir ist die Sprache zu schlicht und die Handlung zu langweilig.
Ich kann es nicht empfehlen.

05.05.2007 18:19:47
Baiba

Der Autor nimmt sich viel Zeit, um Atmosphäre und Charaktere zu gestalten.Teilweise war etwas Geduld vonnöten, denn auch die Geschichte entwickelte sich ungewohnt langsam .. Dennoch fand ich diesen Krimi überraschend gut!

Das war der erste Roman( von einigen, die ich schon las) der in Australien spielt, und der nicht mit den üblichen Landschaftsklischees flirtete und allzu träumerisch Land und Leute beschreibt.
Ich hoffe, dass noch mehr von Temple auf deutsch erscheinen wird!

26.03.2007 20:06:57
Claudia Blender

Bisher war ich überzeugt, richtig gute Krimis mit überzeugenden Hauptfiguern gäbe es nur in Skandinavien. Peter Temple hat mich mit seinem Kommissar Joe Cashin eines Besseren belehrt. Cashin ist ein Held voller Verletzungen, einer, der aus seiner Einsamkeit kaum herauskommt, fast alle Beziehungen mit seiner Ruppigkeit verbockt und doch ein gutes Gespür für die Menschen hat.
Die Kleinstadt-Provinz, in die er versetzt wird, um sich zu erholen, zeichnet ein erschreckendes Bild vom heutigen Australien: unverhohlener Rassismus, Korruption und politische Intrigen, enorme soziale Probleme.
Das ganze ist eingewebt in einen spannenden Fall, der schnell ausser Kontrolle gerät und sich schliesslich in eine ganz andere Richtung entwickelt.
Mach Lust auf mehr von Peter Temple.

28.02.2007 12:56:15
Kate

Wer Krimis liebt, deren Schauplatz einmal nicht Amerika ist, ist hier genau richtig.
Peter Temples Buch ist nicht nur erfrischend anders und unkonventionell geschrieben, sondern vermittelt gleichzeitig ein Gefühl für die Problematik Aborigines in Australien und die dortige Lebensweise in einer Kleinstadt fern ab vom Trubel.
Spannend, eindringlich, ohne Klischees - ein echtes Highlight !