Schweinesonne

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Melsungen: Neumann-Neudamm, 2006, Seiten: 221, Originalsprache

Couch-Wertung:

65°
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Jörg Kijanski
Hohes Tempo, kurzweilige Unterhaltung

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Dez 2006

Als ein Jogger eines Morgens im Soonwald (Hunsrück) den Fund einer männlichen Leiche meldet, ahnt Kriminalkommissar Angstein noch nicht, dass ihm der härteste Fall seiner Laufbahn bevorsteht. Das Opfer wurde nicht nur gevierteilt, sondern auch fachgerecht ausgeweidet. Das Motiv eines Hundes wurde zudem in den Hals des Opfers geritzt, ein keltisches Symbol für die Jagd - aber auch für den Tod. Währenddessen recherchiert der ebenso arrogante wie erfolgsverwöhnte Journalist Jungbluth für eine Story über Stalking-Opfer und stößt dabei auf die Jägerin Sonnet, die vor drei Jahren von einem Fremden belästigt wurde. Diese führt ihn zu einer alten Ruine im Soonwald, wo in einer Nische zahlreiche Fotos (in vier Teile zerrissen) von ihr angebracht wurden.

Kurz darauf geschieht ein zweiter Mord: Sonnets Schwester fällt dem geheimnisvollen Mörder zum Opfer und wird ebenfalls grausam entstellt. Erneut findet sich am Hals ein keltisches Symbol. Das Morden geht derweil munter weiter, während sich der Leser fragt, warum Angsteins Kollege Sitora jedes Mal im Büro unerlaubt blutrünstige Fotos der Leichen mitgehen lässt und sich auch ansonsten in jeder Hinsicht auffällig verhält und welche undurchsichtige Rolle der Förster Daudert, zuständig für das an den Soonwald angrenzende Revier Wildburg, spielt, der die Sonnet hasst? Was hat es zudem mit dem unbekannten Fremden auf sich, der durch die Wälder schleicht und an einem der Tatorte einen Schuhabdruck hinterlässt, gegen den Schuhgröße 43 ein Kinderschuh zu sein scheint...

Würden Sie, liebe Krimi-Couch-Besucher, im Buchladen Ihres Vertrauens einen Krimi käuflich erwerben, der den Titel "Schweinesonne" trägt? Auf einen derart grenzwertigen (Krimi)Titel kann wohl nur der Neumann-Neudamm-Verlag kommen, der in erster Linie Jagdbücher und artverwandte Literatur veröffentlicht und bereits im Jahr 1872 (!) gegründet wurde. Seit geraumer Zeit erscheinen dort ergänzend zum Standardrepertoire nun also auch Kriminalromane aus dem "Jäger-Umfeld" mit so denkwürdigen Titeln wie "Der Balzflug des Raben", "Der Schwanenhals" und "Der Kohlfuchs". Doch nun zum eigentlichen Thema.

 

"Gleichwohl der Theologe in spe von Physik recht wenig hielt und noch weniger verstand, beschleunigte er sein blaues Mountainbike auf exakt die Geschwindigkeit, in der das Seil seinen Kopf komplett vom Rumpf abtrennte."

 

Das Autorenduo Claudia Diewald und Thomas Staisch gehen von Anfang an sehr hohes Tempo. Nur selten hat ein Kapitel mehr wie zwei Seiten und durch ständig wechselnde Perspektiven bzw. zahlreiche Erzählstränge erreicht man schnell das Finale. Etliche glänzend gesetzte Cliffhanger tun ihr übriges, um das Buch an einem, maximal zwei Tagen auslesen zu können.

 

"Und jederzeit, so war die Person überzeugt, hätte er Widow angreifen oder töten können. Die Person hätte weniger gekichert oder wäre ganz verstummt, hätte sie gewusst, dass in der Feststellung, dass Widow von noch mindestens einer zweiten Person beobachtet wurde, die Betonung nicht, wie von ihm angenommen, auf "zweiter Person", sondern auf "mindestens" lag."

 

So weit so gut, doch die spannend und kurzweilig erzählte Geschichte, die übrigens einen kleinen mystischen Einschlag erhält, erlebt sozusagen auf der Zielgeraden einige empfindliche Dämpfer. Zum einen häufen sich die Setzfehler, da in etlichen Sätzen einzelne Worte fehlen oder zu viel sind, zum anderen geht es auch inhaltlich drunter und drüber. Es ist einfach ärgerlich wenn auf Seite 32 eine 63 Jahre alte Person in der Story auftaucht über die wir ("pluralis majestix") dann auf Seite 108 lesen: "Immer öfter musste der fünfzigjährige...". Schönen Dank, aber solche Dinge sollten beim Lektorat eigentlich auffallen.

Die Auflösung selbst lässt einen irritierten Rezensenten zurück, denn diese hat es in sich. Je länger man darüber nachdenkt, desto größer werden die Zweifel. Sind die Motive der Akteure glaubwürdig? Kann es sich wirklich so abgespielt haben? Und warum werden einige Ereignisse und Hinweise nicht nachvollziehbar aufgelöst? Schade, denn die ersten zwei Drittel des Buches waren wirklich viel versprechend und hätten (für sich betrachtet) eine deutlich höhere Bewertung gerechtfertigt.

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