Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra

Erschienen: November 2006

Bibliographische Angaben

  • Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Giant Rat of Sumatra“

    - New York : Warner Books 1976

    - Stuttgart : Deutsche Verlagsanstalt 1979 [unter dem Titel „Die Riesenratte von Sumatra“].

    Übersetzung: Ingo Golembiewski. 271 S. ISBN-10: 3-421-01892-8

    - Bergisch Gladbach : Bastei-Lübbe-Verlag Dezember 2006 [Allgemeine Reihe 15601}. Übersetzung: Stefan Bauer. 269 S. ISBN-13: 978-3-404-15601-6

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Michael Drewniok
Holmes & Watson auf Nager- und Mörderjagd

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

Im Spätsommer des Jahres 1894 brütet Meisterdetektiv Sherlock Holmes über dem Fall einer im fernen Indien entführten Adelstochter, als ausgerechnet in der Baker Street die Leiche eines Seemanns entdeckt wird. Der unglückliche Raymond Jenard wurde auf dem Dach eines Lagerhauses mit einem malaiischen Dolch erstochen und anschließend auf die Straße geworfen.

Natürlich nimmt sich Holmes auch dieses Falles an, doch die Ermittlungen sind schwierig. In der Wohnung des Opfers wurde Feuer gelegt, sämtliche Hinweise sind vernichtet. Die Befragung der Segelkameraden bringt eine seltsame Geschichte zutage: Vor der Küste der Insel Borneo hat das Frachtschiff „Matilda Briggs“ vier seltsame Passagiere an Bord genommen: den zwielichtigen ‚Missionar‘ Ripley, seinen Freund Jones, den unheimlichen Diener Wangi - und eine Ratte, groß wie ein Kalb!

Das stößt verständlicherweise auf Unglauben. Doch als Holmes und Watson sich unter Deck der „Matilda Briggs“ begeben, finden sie dort die Leiche von Kapitän James MacGuinness: Er wurde von riesigen Nagezähnen grausam zerfleischt! Die Kreatur ist wie Ripley, Jones und Wangi spurlos verschwunden. Holmes versucht Ripley aus der Reserve zu locken, nachdem er bemerkt hat, dass dieser sich offenbar mit ihm, dem berühmten Detektiv, messen will.

Neue Entwicklungen im Fall der entführten Tochter (s. o.) führen dazu, dass Holmes und Watson getrennte Wege gehen. Ersterer bleibt in London, während Letzterer mit Lord und Lady Allistair, den besorgten Eltern, in ihr einsam gelegenes Landhaus reist, wo ein Lösegeld hinterlegt werden soll. Watson merkt, dass man das Anwesen beobachtet, und dann beginnen die Anwohner von einem Ungeheuer zu raunen, das in den Wäldern umgeht und eine dreizehige Klauenspur hinterlässt …

Sherlock Holmes macht immer weiter

     „ ‚Mathilda Briggs‘ war nicht der Name einer jungen Frau, Watson“, sagte Holmes mit erinnerungsschwerer Stimme. „Sie war ein Schiff, das im Zusammenhang mit der Riesenratte von Sumatra eine Rolle spielte - eine Geschichte, für die diese Welt noch nicht bereit ist.“

Also sprach Sherlock Holmes in der klassischen Story Der Vampir von Sussex (veröffentlicht 1924), doch sein geistiger Vater Arthur Conan Doyle ließ ihn diesen Fall nie klären. Weil Holmes & Watson prägende Figuren der Populärkultur sind, haben sich ihre zahllosen Leser oft gefragt, welches Geheimnis sich hinter Holmes‘ bedeutungsschwangeren Worten verbirgt.

Glücklicherweise wurde die Laufbahn unseres kriminalistischen Duos durch Doyles Tod im Jahre 1930 keinesfalls in Mitleidenschaft gezogen. Noch während Doyle lebte, entstanden die ersten Holmes-Pastiches: weitere Abenteuer, verfasst von anderen Autoren, die sich entweder bemühten, den Originalton so genau wie möglich zu treffen, oder die Holmes und Watson in völlig neue Richtungen lenkten.

Rick Boyer gehört zu den Traditionalisten. In diesem (und seinem ersten) Roman bemühte er sich 1976, dem Regelwerk des „Kanons“ zu entsprechen. (Der Kanon - das sind die vier Romane und 56 Originalstorys aus Doyles Feder, in denen dieser zwischen 1887 und 1927 seinen Meisterdetektiv auftreten ließ.) Obwohl Doyle mit Zahlen und Fakten unbekümmerter umging, als es dem Holmes & Watson-Chronisten lieb ist, lassen sich diverse biografische ‚Fakten‘, aber auch Manierismen und Verhaltensmuster aus seinen Werken destillieren, die jeder Fan kennt und in einer Holmes-Story erwartet. Dazu gehören natürlich Bespiele für Holmes‘ unerhörte Fähigkeit, aus kleinsten Hinweisen wie durch Zauber Ereignisse zu rekonstruieren, während meist Watson, aber auch Inspektor Lestrade oder andere Vertreter des Lesers mit offenem Mund zuhören und staunen.

Originelle Kopie oder nur kopiertes Original?

Boyer bemüht sich also um Authentizität. Originalität ist ihm dagegen weniger wichtig; Die Riesenratte von Sumatra weist inhaltlich recht enge Parallelen zum Hund der Baskervilles auf, was der Verfasser nicht verschweigt, sondern Holmes sogar selbst erwähnen lässt. Aber auch Anklänge an die Studie in Scharlachrot lassen sich finden, wenn der Detektiv durch die Straßenschluchten von London streift. Im Finale stellt sich natürlich heraus, dass der Fall der Riesenratte von Sumatra weit über die Klärung einiger bizarrer Morde hinausgeht und geradezu internationales Format besitzt: ein Format freilich, das logisch nur im Kontext jener Disneyland-Version des britischen Empires erscheint, die vor allem der späte Doyle präsentierte. Selbst im 19. Jahrhundert war die Welt schon so kompliziert, dass ein Sherlock Holmes allein sie für Königin & Vaterland nicht hätte retten können.

Der Ton macht die Musik, und der stimmt in diesem Fall. Holmes benimmt sich wie Holmes und spricht wie Holmes, auch Watson fügt sich in seine Rolle. Als Hintergrundchor treten ebenfalls bekannte Figuren oder besser Chargen auf - klobige Seebären, treuherzige Arbeiter, vornehm schwachnervige Ladys, noble Lords mit energischem Kinn, theatralische Schurken, finstere ‚Wilde‘; die Liste lässt sich fortsetzen.

Für die Lösung des rattigen Rätsels musste Boyer sich auf einen Kompromiss einlassen. Conan Doyle lehnte übernatürliche Phänomene in seinen Holmes-Storys strikt ab. Boyer lehnte sich daran an und konnte folglich kein fantastisches Fabeltier literarische Realität werden lassen. Die Wörter „Riesenratte“ und „Sumatra“ boten ihm indes einen Ausweg, der zwar ein wenig holprig wirkt, aber seinen Zweck erfüllt. (Die Lösung wird hier selbstverständlich nicht verraten; wer sich ein wenig in der Fauna unseres Planeten auskennt, wird selbst darauf kommen, was da nach England geschmuggelt wurde.)

Wie üblich faszinieren vor allem die Schurken

Was die Bösewichte in diesem Spiel angeht, so treffen wir einen schlechten alten Bekannten wieder. Dies ist ein (meist überflüssiges) Merkmal vieler Holmes-Pastiches, auf das sich Doyle nur selten gestützt hat. Er dachte sich lieber ‚frische‘ Schurken aus. (Der wenig ehrenwerte Prof. Moriarty ist selbstredend die große Ausnahme.)

Widerwärtige Eingeborene aus den wilden Ecken des Empire sind heute politisch nicht mehr wohlgelitten; dieses Klischee wurde zu Doyles Zeiten ohne schlechtes Gewissen eingesetzt. Wiederum passt sich Boyer dem an und greift die zeitgenössische Auffassung auf, der gesellschaftliche Stand und/oder das Wesen eines Menschen spiegle sich in seiner Gestalt, seinen Gesichtszügen oder sogar in seiner Kleidung wider.

Unter den Holmes-Pastiches zählt Boyers Riesenratte von Sumatra zu den gelungeneren Werken. (Nicht verwechselt werden darf es übrigens mit dem identisch betitelten Holmes-Roman von Alan Vanneman aus dem Jahre 2002, der auch ins Deutsche übersetzt wurde. Zwei Jahre später legte Lauren Steinhauer eine weitere Version vor.) Dem ist zuzustimmen, wenn man die einzelnen Elemente höher schätzt als die Gesamtgeschichte.

Fazit

In Plot, Figurenzeichnung und Tonfall trifft dieses Pastiche sehr präzise das Vorbild Arthur Conan Doyle; die bekannten Elemente einer typischen Holmes & Watson-Geschichte fließen geschickt variiert in die gleichermaßen spannende wie nostalgische Handlung ein, ohne aufgesetzt zu wirken, und runden einen Roman ab, der uneingeschränkt empfohlen werden kann.

 

Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra

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