Mein Blut ist das Blut eines anderen

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • ???: ???, 1974, Titel: 'Ore no Chi wa Tanin no Chi', Originalsprache
  • Berlin: be.bra, 2006, Seiten: 224, Übersetzt: Otto Putz, Bemerkung: Mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein

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Jörg Kijanski
Die Entdeckung eines ungewöhnlichen Klassikers

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2006

Kinukawa Ryosuke ist eigentlich nur ein kleiner Angestellter in der Buchhaltung der Baufirma Yamaga Hochbau, der gerne mal nach Dienstschluss im Amüsierviertel einer japanischen Provinzstadt ein Bier trinken geht. Die Kellnerin Fusako hat es ihm dabei besonders angetan. Nur ein weiterer Gast ist im "Martin's" anwesend als plötzlich drei Gangster in einer der Boxen Platz nehmen und eine der jungen Bardamen massiv belästigen. Kinukawa hat viel zu viel Angst, um in die Handlung einzugreifen, da wird er von einem der Gangster in ein Gespräch verwickelt. Dies hat fatale Folgen, denn Kinukawas Person scheint plötzlich von einer anderen Macht ergriffen und wenig später sind die Gangster verschwunden. Kinukawa, der sich an nichts erinnern kann, erfährt, dass er alle drei Gangster brutal zusammen geschlagen und anschließend aus der Bar geworfen hat.

Am nächsten Tag erhält Kinukawa einen Anruf des unbekannten Gastes vom Vorabend, der sich ihm als Kapo der Samonji-Familie vorstellt. Überwältigt von Kinukawas Fähigkeiten bittet er diesen, in den Abendstunden für seinen Clan-Chef Samonji als dessen Leibwächter zu arbeiten. Die drei Schläger gehören dem konkurrierenden Ohashi-Clan an und nachdem dieser Fusako entführt hat, willigt Kinukawa widerstrebend in den Deal ein. So gerät Kinukawa zwischen die Fronten der beiden verfeindeten Gangsterbanden und muss ein ums andere Mal von seinen "besonderen Fähigkeiten" Gebrauch machen.

Damit nicht genug entdeckt Kinukawa außerdem, dass es in seiner Firma offenbar ein "schwarzes Kontenbuch" gibt und zudem die Mitarbeiter von Yamaga ebenfalls einem der beiden Clans angehören...

 

"Von mir aus können alle sterben!" Ich lachte.

 

Tsutsui Yasutakas ist in Japan ein ebenso gefeierter wie hierzulande unbekannter Autor, dessen soeben (2006) im BeBraVerlag erschienenes Buch erstaunlicherweise bereits aus dem Jahr 1974 stammt. Würde man sich die Geschichte als Film vorstellen, man käme wohl spontan auf den Gedanken, dass hier Quentin Tarantino und John Woo gemeinsam Regie geführt hätten. Eine wahre Orgie der Gewalt folgt dem oben skizzierten "Intro", wie man es von zahlreichen modernen Filmen aus Japan kennt. Man benötigt schon einen gewissen Hang zu völlig übertriebenen Gewaltdarstellungen und dass dabei kaum eine der mitspielenden Personen überlebt versteht sich beinahe von selbst.

 

"Wenn ich Sie recht verstehe, können Sie unter normalen Umständen keiner Fliege etwas zu Leide tun, werden aber gewalttätig, wenn Sie einen Anfall haben. Richtig? Ich glaube Ihnen kein Wort! Von einer derart praktischen Krankheit habe ich noch nie etwas gehört."

 

Yasutaka lehnt seinen Plot an der japanischen Realität an, in der sich Yakuza und Bauskandale fast täglich die Hand reichen. Gleichwohl eskaliert die Handlung innerhalb weniger Tage zu einer Art Weltuntergangsszenario, in der bedingt durch die Kämpfe zwischen den beiden Clans und der Mitarbeiter der Baufirma eine ganze Stadt in Trümmer gelegt bzw. im wahrsten Sinne des Wortes einfach platt gewalzt wird. Hierbei überspannt der Autor den Bogen weit über die "Schmerzgrenze" hinaus und driftet mitunter stark ins Parodistische und Surreale ab.

 

Dem Mann fehlte der Hinterkopf, aus seinem Schädel quoll weißes Hirn wie Brei, der überkocht.
"Was ist los mit Ihnen?"
"Mir ist um Kotzen."
"Verstehe ich Sie richtig? Sie wollen jetzt kotzen?"

 

Die Erklärung für Kinukawas "übermenschliche Stärke" wird durch den Buchtitel bereits ein wenig vorweg genommen. Warum allerdings in dem Buch durchgehend von Clans, Familien oder (noch schlimmer) "Gangstern" die Rede ist anstelle von Yakuza erschließt sich dem Rezensenten leider nicht. Sei's drum. Wer einen etwas anderen, "übertriebenen" Thriller lesen möchte und vor einer geradezu grotesk anmutenden Welle der Gewalt nicht zurückschreckt, findet hier eine kurzweilige Alternative zum brachenüblichen Mainstream. Ein großer Dank dem Bebra-Verlag, der diesen Klassiker (wieder-)entdeckt hat.

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