Höllensturz

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Helsinki: WSOY, 2005, Titel: 'Nimessä ja veressä', Seiten: 463, Originalsprache
  • München: dtv, 2006, Seiten: 440, Übersetzt: Stefan Moster
  • München: dtv, 2010, Seiten: 458
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2007, Seiten: 2, Übersetzt: Peter Kaempfe, Bemerkung: gekürzt

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Jörg Kijanski
Eine gelungene Alternative zu Dan Browns ´Sakrileg´ - auch ohne Vatikan

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2006

Pudasjärvi / Finnland im November. Karri Vuorio, Tomi Stenlund und Launo Kohonen befinden sich verbotener Weise auf einer Elchjagd, als sie bei einer Pause die Leiche der durch einen Kopfschuss getöteten Erja Yli-Honkila finden. Karri ist schockiert, denn Erja ist die beste Freundin seiner Frau Saara, welche sich aus beruflichen Gründen im Nahen Osten befindet. Kurz darauf wird eine zweite Frauenleiche gefunden: Anne-Kristiine Salmi.

Erja, Saara, Anne-Kristiine und Lea Alavuoti sind alte Schulfreundinnen und nennen sich die Schwestern Zions und gehörten der Glaubensgemeinschaft der Laestadianer an, welche in dem kleinen Örtchen Pudasjärvi den Ton angeben. Am Abend vor Saaras Abreise saßen die vier Frauen in der "Oase" zusammen.

Nachdem Karri von der Kriminalkommissarin Johanna Vathera von der KRP (Zentralpolizei) zu den beiden Mordfällen befragt wurde, erfährt er zu seinem Entsetzen, dass seine Frau Saara zusammen mit ihrem holländischen Arbeitskollegen Luuk van Dijk im Irak, nahe der jordanischen Grenze, entführt wurde.

Während die Ermittlungen voran schreiten gerät zunehmend Tomi Stenlund in das Visier von Vathera, da er sich in widersprüchliche Aussagen, insbesondere zu seinem Verhältnis mit Erja verstrickt. Angeblich hat es nur einen beruflichen Kontakt gegeben, doch seine Fingerabdrücke finden sich in Erjas Schlafzimmer, die in der vierten Woche schwanger war. Während Stenlund für eine Nacht im Gefängnis bleiben muss, um die Vaterschaftsklärung abzuwarten, wird in jener Nacht eine weitere Frau ermordet: Lea Alavuoti.

Vatheras Hauptverdächtiger ist somit entlastet und die Arbeit beginnt von vorne. Nunmehr gerät Rafiq Karam plötzlich in Vatheras Blickwinkel, denn ihm gehörte das Restaurant "Oase", wo sich die Frauen zuletzt trafen. Eine Überprüfung der Sicherheitspolizei ergibt zudem, dass dessen Bruder Ibrahim Verbindungen zu libanesischen und syrischen Extremistengruppen haben soll.

Von all dem will Karri nichts wissen. Er will nur seine Saara zurück und versucht Lösegeld aufzutreiben, um das es den Entführern offenbar geht. Dabei entdeckt er, dass seine Frau am Tag vor ihrem Abflug rund 54.000 Euro vom Konto abgebucht hat. Außerdem scheint sich jemand in ihrem Haus in den PC's sowie in Saaras Arbeitszimmer umgesehen zu haben. Ferner taucht plötzlich eine Botschaft der Entführer im Internet auf, in der sich Saara an den finnischen Premierminister "Piruvaara" wendet. Doch dies ist ganz offensichtlich nur eine Botschaft für Karri, denn Piruvaara ist nicht der Name des Premiers, sondern die Bezeichnung für den "Teufelsberg", in dem die Laestadianer einige ihre Messen abhalten.

Als Karri sich entschließt, der Sache selber nachzugehen und in den Nahen Osten zu fliegen, erhält er überraschend Besuch von einem Mann, der sich Ezer Kaplan nennt und vorgibt eine jüdische Stiftung zu vertreten. Er bietet Karri 250.000 Euro an sowie "exklusive Hilfe" bei der Befreiung seiner Frau. Karri nimmt zwar das Geld, fliegt aber alleine nach Jordanien...

Wer die bisherigen Romane "Ewige Nacht" und "Das Hiroshima-Tor" gelesen hat, wird sich zunächst verwundert die Augen reiben, denn "Höllensturz" kommt geradezu wie ein klassischer Krimi daher. Vathera ermittelt nach allen Regeln der Kunst, lässt Zeugen befragen, DNA-Spuren verfolgen usw... Wäre da nicht frühzeitig die Entführung Saaras, man käme nicht auf die Idee, hier einen Roman von Ilkka Remes in der Hand zu haben. So ist aber spätestens nach dem Auftritt von Ezer Kaplan klar, dass hier nicht irgendeine Stiftung die Finger im Spiel hat, sondern der israelische Geheimdienst Mossad. Später kommen noch - von israelischer Seite -"Yamam" und "K3" dazu.

Somit stellen sich dem Leser zunächst folgende Fragen: Was hat die Bibelforscherin Saara mit ihrem Partner, dem Archäolgen Luuk van Dijk, im Irak gesucht? Wer ermordete die drei Frauen in Pudasjärvi? Gibt es zwischen den beiden Fällen einen Zusammenhang? Und für alle Remes-Fans: Wo bleibt Timo Nortamo von der TERA, der laut Buchrücken gemeinsam mit Vathera ermittelt?

Lassen wir die beiden mittleren Fragen hier einmal außen vor. Die Antwort auf die erste Frage lässt sich folgendermaßen umschreiben: Sollte Saara finden was sie sucht, würde dies die Grundfesten der Kirche mindestens genau so stark erschüttern wie die Geschichte in Dan Browns "Sakrileg". Vielleicht sogar noch stärker. Hat sich Remes also in das Fahrwasser des erfolgreichen Kollegen begeben, um hier einen weiteren "Angriff" gegen die Kirche zu starten? Sicher ist eines: Ilkka Remes, Finnlands meistgelesener Autor der Gegenwart, hat es nicht nötig, andere Autoren zu kopieren, wenngleich die Geschichte eine ähnliche Richtung verfolgt wie "Sakrileg". Bei "Höllensturz" geht es jedoch nicht um die mögliche Nachfolge Christi oder den Heiligen Gral, sondern um (...???) die hochbrisanten Handschriften von Oxyrhyncho, Nag Hammadi und Qumram. Daher auch das Interesse der Israelis.

Die vierte und letzte der oben aufgeworfenen Fragen soll ebenfalls nicht unbeantwortet bleiben. Timo Nortamo betritt diesen Roman erstmals auf Seite 204 (!!), um sich dann langsam und verhalten in dessen Mittelpunkt zu spielen.

Mit 68 Kapiteln auf 459 Seiten geht Remes erneut hohes Tempo, wenngleich er dieses erst zu Beginn der zweiten Hälfte des Buches richtig anzieht. Ständig wechselnde Perspektiven und Orte tun ihr übriges. Dennoch kann der Leser, hat er erst einmal die ganzen (überwiegend finnischen) Namen der Darsteller verarbeitet, dem Plot sehr gut folgen. Denn anders als bei "Das Hiroshima-Tor", wo Nortamo binnen kürzester Zeit quer durch Europa reist, gibt es hier nur drei Orte der Handlung: Irak, Jordanien und Pudasjärvi.

Weniger Action, dafür mehr Zeit für den Figuren- und Handlungsaufbau. Wie bereits gesagt, Remes vermag seine Leser zu überraschen - und zwar im positiven Sinne. Für alle Fans von "Sakrileg" bzw. Leser, die gerne das Thema Religion, Bibelforschung oder die o. g. Schriftrollen in einem Thriller suchen, heißt es hier zugreifen. Leser die einen (klassischen) Krimi suchen, kommen über weite Strecken des Buches ebenfalls auf ihre Kosten. Lassen Sie sich von dem reißerischen Titel nicht irritieren.

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