Sein letzter Tresor

  • Grafit
  • Erschienen: Januar 2006
  • Dortmund: Grafit, 2006, Seiten: 192, Originalsprache
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Thomas Kürten
74°

Krimi-Couch Rezension von Thomas Kürten Nov 2006

Tresorknacker als Detektiv

 

"Pulle fuhr erschrocken zusammen, als die beiden Türflügel hinter ihm ins Schloss donnerten, drehte sich aber nicht um, weil das Unglück bringen sollte, sondern wartete darauf, dass sich das Tor vor ihm öffnete."t

 

So eröffnet Horst Bieber seinen Roman "Sein letzter Tresor". Pulle? Pulle! Es dürfte in weiter Ferne liegen, diese Eröffnung als brillant zu bezeichnen. Aber wenigstens beugt Horst Bieber damit schon im ersten Satz dem Klischee vor, der ehemalige Chefredakteur der ZEIT schreibe nur für literarisch anspruchsvolle Klientel. Pulle - das ist der Spitzname des ehemaligen Tresorknackers Arthur Pullrich, der gerade auf Bewährung aus dem Knast entlassen wird und unvermittelt auf einen alten Feind trifft: Hauptkommissar Aloys Schulte, der noch immer versuchen will, Pulle die Schuld an ungeklärten Einbrüchen nachzuweisen.

Ein geläuterter Tresorknacker?

Aber Pulle ist schlau genug, sich zunächst einmal nichts zuschulden kommen zu lassen. Er hat eine Bleibe, noch einige Geldreserven und findet auch einen 410-Euro-Job, mit dem er sich halbwegs durchschlagen kann. Schulte verfolgt ihn bei all seinen Schritten, kann ihm aber nichts anhängen. Plötzlich liegt aber Pulles Nachbar tot vor der Nachtspeicherheizung. Dumm, dass auf dem Dachspeicher des Nachbarhauses ein Karton mit 300.000,- Euro gefunden wird. Pulle, der nichts mit dem Mord zu tun hat, vermutet, dass ihm etwas angehängt werden soll. Er muss aktiv werden.

Die Unterteilung der 190 Seiten dieses Romans in gerade mal 4 Kapitel mag den Eindruck erwecken, dass man sich schwer tun wird, Sinnabschnitte zu finden. Schnell aber wird der Leser feststellen, dass er so etwas überhaupt nicht braucht. "Sein letzter Tresor" ist ein Roman von der Sorte, die sich schnell, flüssig und in einem Rutsch lesen lassen und dabei durchweg gut unterhalten. Sprachlich ist die Kompetenz Biebers durchaus zu erkennen, wenngleich er einen betont einfachen Stil verwendet. Der Autor findet genau den richtigen Ton; er prahlt nicht mit seinen Möglichkeiten, verkauft sich aber auch nicht unter Wert.

Krimi ohne Lokalkolorit und Serienheld

Den Romanen von Bieber wäre ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu wünschen. Warum das bislang nicht der Fall ist, darüber lässt sich streiten. Vielleicht muss hier wieder die alte Fabel vom "Regionalkrimi" herausgeholt werden: Krimis mit Lokalkolorit haben einen Identifikationsvorteil. Hierin werden real existierende Schauplätze in die Erzählung eingeflochten. Biebers Krimis spielen in "Terborn", einer Phantasiestadt. Ein anderer Erklärungsansatz: Bieber hat keinen Serienhelden. Seine Geschichten sind in sich abgeschlossen. Auch in dieser Hinsicht fehlt es den Romanen Biebers also an möglicher Wiedererkennung.

Bieber bietet seinen Lesern aber auch mit diesem Roman eine runde Geschichte mit griffigen Charakteren. Bis in die letzte Nebenrolle sind alle Figuren stimmig skizziert. Auch der manchmal nervige Schulte bekommt vom Autor eine plausible Rechtfertigung dafür, dass er so viel Zeit in einen hoffnungslosen Fall wie Pulle investieren kann. Pulles Rückkehr in ein geregeltes Leben ist ein gut geschriebener Unterhaltungsroman, der sozialkritische Aspekte elegant außen vor lässt, obwohl sich zahlreiche Gelegenheiten dafür geboten hätten. Aber das will Bieber offenbar nicht. Sein Ziel ist in erster Linie die Unterhaltung. Kompliment, Ziel erreicht.

Sein letzter Tresor

Horst Bieber, Grafit

Sein letzter Tresor

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