Getäuscht

  • Lübbe Audio
  • Erschienen: Januar 2006
  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2006, Seiten: 4, Übersetzt: Matthias Koeberlin, Bemerkung: gekürzt
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2008, Seiten: 413, Übersetzt: Axel Merz
  • New York: Warner, 2005, Titel: 'Detour', Originalsprache
Getäuscht
Getäuscht
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Thorsten Sauer
65°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2006

Drogensumpf und Kinderhandel in Kolumbien

Je nach Quelle schwanken die Angaben zwar beträchtlich, aber es dürften ca. 600 Tonnen Drogen pro Jahr sein, die aus dem kleinen Andenstaat Kolumbien nach Amerika und - in geringeren Mengen - nach Europa gelangen. Für die Bekämpfung dieses Problems haben die USA bereits über vier Milliarden Dollar ausgegeben. Stoff für einen Thriller ist da reichlich vorhanden, erst recht, wenn man sich die mitunter brutalen Auswüchse des Drogenkrieges in Kolumbien vor Augen hält, die es - allerdings nur selten - in die deutschen Nachrichten schaffen. James Siegel hat sich dieses Themas angenommen, doch wer Siegel kennt, dem dürfte sofort klar sein, dass bei Getäuscht keine tiefgehenden Bestandsaufnahmen der realen Hintergründe zu erwarten sind, sondern hauptsächlich Action und ein filmreifer Plot.

(Un-)erfüllter Kinderwunsch

Paul und Joanna Breidbart haben eigentlich alles, was sich eine amerikanische Durchschnittsfamilie gemeinhin wünscht - bis auf eines und das macht sie mit zunehmendem Alter fast zu Außeneitern der amerikanischen Mittelschicht: sie sind kinderlos. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es einfach nicht klappt. Selbst dann nicht, als mit medizinischer Unterstützung nachgeholfen werden soll.

Doch bevor die Ehe daran zu zerbrechen droht, findet sich für die beiden eine einfache, wenn auch zunächst in vielerlei Hinsicht suspekte Lösung: Adoption. Da eine normale Adoption zu lange dauert, sieht sich das Paar am Ziel ihrer Wünsche, als sie Kontakt zu einem Anwalt bekommen, der ihnen die Abwicklung der Formalitäten innerhalb von acht Wochen zusichert; einschließlich Wunschkind. Der Haken an der Sache: die zukünftige Tochter der Breidbarts lebt in einem kolumbianischen Waisenhaus und das Paar muss das Kind persönlich dort abholen. Dank perfekter Organisation ist das Risiko Kolumbien kalkulierbar, wichtig für Paul den Mathematiker, der bei einer Versicherung die Eintrittswahrscheinlichkeit so ziemlich jedes Unglücks kalkuliert. Und tatsächlich, es klappt alles perfekt und bereits nach wenigen Tagen sind die Breidbarts stolze Eltern.

Doch nur wenige Stunden später stecken die beiden in einem Albtraum. Paul und Joanna geraten in die Hände des Drogenkartells und Paul, der Wahrscheinlichkeiten berechnende Mathematiker, hat die absurd geringe Chance seine neue Familie zu retten, wenn er bereit ist, das Unmögliche zu tun. Er soll Drogen in die Vereinigten Staaten schmuggeln, um als Gegenleistung seine Familie wieder zu sehen.

Beschützerinstinkte

Siegels Plot ist klassisch: Ein amerikanischer Durchschnittstyp, Langweiler und absoluter Antiheld, wird in einen Strudel gerissen, aus dem er nur entkommt, wenn er über sich hinaus wächst. Paul der Versicherungsangestellte muss als Drogenkurier arbeiten, um seine Familie aus den Händen eines Drogenkartells zu befreien, das normalerweise keine Gefangenen macht, sondern eine dicke Blutspur hinterlässt. Wer jetzt glaubt, große Teile der Handlung seien damit vorweg genommen, der irrt und unterschätzt Siegels Einfallsreichtum beim Setzen abrupter Wendungen im Plot gewaltig. Paul hetzt durch die Geschichte, wird gejagt, gefoltert, angezündet und fast erschossen, darf am Ende aber - ganz der amerikanische Held - zur Selbstjustiz greifen und ein nationales Problem aus der Welt befördern.

Es ist eine Binsenweisheit: Wendungen machen einen Plot spannend, zu viele lassen ihn konstruiert erscheinen und ein Antiheld wird zum Versager, wenn er über weite Teile eines Romans nichts mehr ist, als eine Zielscheibe. Beides passiert in Getäuscht - leider, denn davon abgesehen ist der Roman in gewohnter Siegel-Manier kurzweilig geschrieben und spannend, zumindest oberflächlich betrachtet. Spannend ist zunächst einmal die Ausgangssituation: Paul geht als Kurier in die USA und Joanna bleibt in der Hand der Entführer. Die Geschichte bekommt dadurch zwei Erzählstränge: auf der einen Seite Paul, der verzweifelt versucht das Leben seiner Familie zu retten und auf der anderen Seite Joanna, die einfach nur überleben will, um für die Tochter da zu sein. Dabei entwickelt sie - den aufkeimenden Muttergefühlen sei Dank - den sprichwörtlichen Mut einer Löwin, wenn es darum geht, die Tochter zu beschützen. Leider scheitert Siegel streckenweise daran, uns diesen Entwicklungsprozess hin zur Mutter mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt zu zeigen, er muss es schreiben: "Es war das, was Mütter taten." Leider büßt dieser Handlungsstrang dadurch viel von seiner Intensität und Glaubwürdigkeit ein.

Viel wohler fühlt sich Siegel da schon bei den Action-Szenen. Er meint es sogar etwas zu gut damit, so dass der arme Paul fast den gesamten Roman hindurch von einem Schlamassel ins Nächste trudelt, und die Geschichte dadurch eine ziemlich abrupte Auflösung, unmittelbar am Ende des Romans, erfährt. Trotzdem bewahren gerade die Actionszenen und Siegels Fähigkeit eben diese fesselnd zu schreiben, Getäuscht davor, ein Langweiler zu sein. Viel mehr schreit Getäuscht geradezu danach, ebenso wie der Vorgänger Entgleist, verfilmt zu werden. Handlung, Handlung, Handlung - das ist das Rezept für spannendes Popcorn-Kino made in Hollywood. Für einen 400 Seiten Roman ist es allerdings zu wenig und so bleibt Getäuscht im Mittelmaß stecken, da sich neben den erzählerischen Schwächen auch einige logische Ungereimtheiten eingeschlichen haben.

Fazit: Action- und Siegel-Fans können weitgehend bedenkenlos zugreifen, für alle anderen bietet der Roman zu wenig.

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