Liebeslänglich

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2006, Seiten: 296, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2008, Seiten: 296, Originalsprache

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Wolfgang Weninger
Hier prallen Welten aufeinander

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Sep 2006

Mathilde Degen unterrichtet Mathematik, Physik und Spanisch an einer elitären Privatschule. Die sehr real denkende Frau lebt alleine in ihrer Wohnung und findet das gut so. Ihr Liebesleben besteht aus gelegentlichen Besuchen einzelner Herren, denn sie kann es nicht ausstehen, täglich morgens ihre Privatsphäre mit einem Mann zu teilen.

Während eines Kontrollbesuchs beim Arzt lernt sie im Wartezimmer Lukas Fellner kennen, der von zwei Justizbeamten flankiert, ebenfalls zur Untersuchung muss. Lukas Fellner wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem man ihn mehrerer brutaler Morde verdächtigt hat, aber auf Grund seines Geständnisses nur einen Mord nachweisen konnte.

Der charismatische Häftling beeindruckt Mathilde. Und als er ihr aus dem Gefängnis einen Brief schreibt, besucht sie ihn dort, gerät immer mehr in seinen Bann und wird schließlich, trotz Problemen in ihrem beruflichen Umfeld, seine Frau, wohl wissend, dass er frühestens nach fünfzehn Jahren Haft begnadigt werden könnte.

Durch die spontane Aussage einer krebskranken Frau wird Lukas entlastet, obwohl er seinerzeit ein Geständnis abgelegt hat. Und plötzlich steht Lukas vor Mathildes Tür und zieht bei ihr ein. Doch Mathilde kann sich mit den plötzlichen Veränderungen nicht abfinden. Lukas verprasst ihr Geld und die Angst, selbst als Mordopfer zu enden, wächst sprunghaft ....

Susanne Mischke hat im Piper Verlag ihren elften Krimi Liebeslänglich veröffentlicht. Die Präsidentin der deutschen "Sisters of Crime" beschreibt auf knapp 300 Seiten das Psychogramm einer Frau, die nach einer schwierigen Kindheit durch eisernen Willen und Konsequenz ihren eigenen Lebensbereich geschaffen hat, den sie nicht zu teilen gewillt ist.

Sehr eindringlich skizziert die Autorin die Lebensumstände der Lehrerin und breitet deren Gefühle aus, die verdächtig nach Torschlusspanik klingen. Auch wenn Mathilde nicht als Mördergroupie gesehen werden kann, liegt ein Gutteil der geschilderten Faszination an Lukas Fellner, in dessen bestimmendem Anderssein. Fellner wird von Frau Mischke als dominant, brutaler Mann gezeichnet, dessen mörderische Wurzeln bereits als Kind zum Ausbruch gekommen sind. Bei der Engstirnigkeit und dem Mobbingverhalten von Mathildes Kollegen ist es kein Wunder, dass die Frau dem überzeugenden Auftreten und eisern kalkulierten Liebeswerben des Knastbruders erliegt.

Hier prallen zwei Welten aufeinander, die von Susanne Mischke aus wechselndem Blickwinkel gezeigt werden. Der kontinuierliche Spannungsaufbau ergibt sich zum Einen aus dem in kleinen Happen servierten Rückblick in die Vergangenheit und die Gegenwart des Mörders und zum Anderen aus den plötzlich umschlagenden Stimmungsschwankungen der Lehrerin, die aus dem Wissen und den Vermutungen rund um ihren todbringenden Gemahl resultieren, gepaart mit den Hoffnungen und Gefühlen einer nicht mehr ganz jungen Frau.

In sehr flüssigem Schreibstil entwirft die Autorin einen etwas anderen Liebesroman, der von vornherein kein Happyend absehen lässt. Wie sich die Entwicklung der Beziehung zwischen Lehrerin und Killer zuerst in Glücksgefühl äußert und danach ins Gegenteil umschlägt, wird nicht von jedem logisch nachvollziehbar sein, wird aber mit kräftigen Action-Elementen garniert, die den Leser gekonnt bei der Stange halten.

Im Endeffekt ist der Autorin ein deutscher Psychothriller gelungen, der vor allem durch das ungewöhnliche Thema aufzeigt. Die originelle Ausgangsidee lässt über einige erklärungsbedürftige Sequenzen hinwegsehen, denn beileibe nicht jede angedeutete Schandtat wird vor dem Leser vollständig ausgebreitet. Warum und weshalb im Besonderen Lukas Fellner seine Attacken gegen Leib und Seele reitet und wie und warum er und die Personen aus seinem Umfeld Mathilde ins Unglück reißen, hätte sicher noch mehr schreiberische Ausschmückung vertragen, ohne das Buch langatmig werden zu lassen. Aber in der Kürze liegt die Würze und so verspricht Liebeslänglich einen gut gewürzten Leseabend auf der Krimi-Couch.

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Letzte Kommentare:
11.03.2012 13:30:35
Axel Drews

Wie Frauen sich einfangen/lullen, sich von einem inhaftierten gefangen nehmen lassen. Torschlußpanik kann ich mir nicht vorstellen, eher der besondere kik, dem gestrauchelten helfend beseite stehen, Warnungen guter Freunde sind umsonst.
Packend geschrieben, kann man auch im Bett nicht zuklappen. Die Fremdenlegion, der überstrenge Vater, die leidende Mutter, dann der Sohn als unheimlicher Rächer...

14.04.2009 10:46:36
Bell

"Liebeslänglich" war jetzt mein erster Roman von Susanne Mischke und ich fand ihn intelligent, witzig, spannend, teilweise sehr unangenehm und schlüssig - besser kann ein Krimi kaum sein. Noch dazu ist das Thema mal eines, das einem nicht so häufig begegnen dürfte.

Die Figur Mathilde hat mir gefallen, genauso ihre Mutter - die verstorbene Großmutter Merle ist wie ein Schatten anwesend, man spürt als Leser die Präsenz, die sie noch immer hat. Die Art, wie Mathilde jeden Tag einen der 95 von Merle geerbten Hüte auswählt und trägt ist fast schon unheimlich. Man merkt schnell, dass sie keine "gewöhnliche" Frau ist.

Das zwiespältige Verhältnis zu ihrer Mutter, Informationen über ihre Kindheit, ihre Bindungsunfähigkeit deuten darauf hin, dass es durchaus nicht so unwahrscheinlich ist, dass die selbstbestimmte, ordnungsliebende und angeblich gefühlskalte Mathilde sich ausgerechnet in einen inhaftierten Mörder verliebt und sich mit ihm einlässt.

Auch die Psychologin Treeske Tiffin (?!) finde ich sehr gut charakterisiert.

Was mir fehlte, ist die Nähe zwischen Lukas und Mathilde. Als sie zusammen wohnen, hat man nie das Gefühl, dass sie ein Liebespaar sind, Argwohn und Auseinandersetzungen stehen schnell auf der Tagesordnung, aber anfangs und zwischendurch muss da doch etwas Liebe und Leidenschaft (wenigstens von Mathilde aus) sein, davon spürt man leider nichts.

Insgesamt hat mir der Roman wie gesagt sehr gut gefallen, ich vergebe
90 Grad

10.07.2008 16:56:27
Leo81

Unglaublich realistisch...
Viele Frauen sind einem Mann dermaßen Verfallen. Als ich dieses Buch gelesen habe, dachte ich, wie kann man als Frau sich so blenden lassen. Aber sobald Gefühle regieren setzt der Verstand aus. Ein flüssig geschriebenes Buch, toll zu lesen und das Thema "Psychopatie" ist mehr als aktuell.
Kann ich nur empfehlen...

20.01.2008 13:27:53
Angelika Stevens

Durch dieses Buch habe ich mich ausführlich mit dem Thema " Psychopatie " beschäftigt.Menschen, die ohne ein Gewissen zu haben und dieses auch wissen, leben mit uns, arbeiten mit uns. Sie faszinieren uns durch ihren Charme, sie finden genau den wunden Punkt und heilen uns vermeintlich. Sie sind durch und durch egoistisch, für ihr Ego lügen sie, dass sich die Balken biegen. Sie werden skrupellos, sie nehmen sich, was ihnen vermeintlich zusteht und wenn es sein muss, töten sie. Aber immer wieder gelingt es ihnen, ihre Taten und Gemeinheiten umzudrehen,sich Verständnis und Mitwisserschaften einzuholen, so dass es den Mitmenschen nur schwer gelingt, sich dem Dunstkreis zu entziehen. Und wehe, wenn es dann vielleicht zu spät ist... Spannend zu lesen.

01.01.2008 18:17:37
Claudinsche

Susanne Mischke beschreibt hervorragend, wie es der Häftling Lukas schafft, sich in das Leben von Mathilde, einer ihm vorerst fremden Person einzuschmeicheln . In den geregelten Alltag dieser Frau einzudringen und sie immer wieder um den Finger zu wickeln.Man möchte am liebsten Mathilde persönlich rütteln und schütteln. Der einzige Nachteil dieses Buches ist, das es erst zum Ende hin spannender wird. Trotzdem ist es gut geschrieben und flüssig durchzulesen.

23.03.2007 10:17:32
Silke Schröder, themenguide.de

Susanne Mischkes neuer Roman greift ein Phänomen auf, das schon länger beobachtet wird: Frauen, die fasziniert sind von inhaftierten, gefährlichen Kriminellen und ihren Kontakt suchen. Mischke entwickelt rund um dieses Thema ein spannendes Szenarium, das wie ein Spiel beginnt und schon bald in bitteren Ernst mündet. Packend erzählt, überrascht uns Mischke mit einem unerwarteten Ende. Für Fans und Einwohner der niedersächsischen Landeshauptstadt ist das Buch natürlich ein besonderer Leckerbissen - sie beschreibt Hannover mit viel positivem Lokalkolorit. Für alle anderen eine sehr gute Empfehlung.

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