Mein Leben unter Serienmördern. Eine Profilerin erzählt

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

Sein aktueller Auftrag birgt selbst für den hartgesottenen Privatdetektiv Glenn Bowman aus New York etwas Neues: Ein Klient, der sich partout nicht zu erkennen geben möchte, will ihn anheuern, ein wachsames Auge auf Theodore van Buren zu halten. Der überaus reiche, ob seiner Rücksichtslosigkeit arg verhasste Börsenmakler werde von einem der Pechvögel, die er um Geld und Ruf gebracht hat, mit dem Tod bedroht, dürfe jedoch von seinem "Schutzengel" nichts erfahren, so spricht der mysteriöse "Mr. Brown".

Bowman steckt in Geldnöten und ist neugierig, so dass er einschlägt - eine fatale Entscheidung, denn auch der bekannte Gangster Rafe Gehring ist offenbar in diese Affäre verwickelt - Bowman gerät mit seinem Schläger Frank Ettore aneinander und beschließt, sich mit van Buren in Verbindung zu setzen. Der reagiert außerordentlich überrascht, ist ihm doch gar nicht bekannt, dass sein Leben bedroht ist... Dennoch reagiert der alte Fuchs vorsichtig und stellt Bowman nunmehr selbst ein.

Der Detektiv übernimmt einen schweren Job. Nur die Gattin van Burens unterstützt ihn; ihre Töchter hassen den Schwiegervater Theodore aus gutem Grund. Weiterhin unklar bleibt auch die Rolle Gehrings, der auf Bowman Einmischung mit düsteren Drohungen reagiert. Ungeduldig wird auch Lieutenant Henderson, Bowmans knurriger "Freund" bei der Mordkommission, der eine eigene Rechnung mit Gehring offen hat und es gar nicht mag, dass man ihm in die Quere kommt.

Lange tappt Bowman im dunkeln. Das ändert sich nicht, als die Ereignisse sich überschlagen: Van Buren verschwindet spurlos. Hat man ihn entführt oder ist er untergetaucht, um einige offene Rechnungen gewaltsam zu begleichen? Der verärgerte Bowman setzt sich auf van Burens Fährte - dies um so eifriger, als er erkennt, dass man ihn als Sündenbock missbrauchen will und sich das Netz beängstigend rasch um ihn zu schließen beginnt...

"Durchschnitt" muss kein Schimpfwort sein

38 Fälle löste Glenn Bowman zwischen 1951 und 1979; unter dem Zweit-Pseudonym "Harry Carmichael" schrieb sein geistiger Vater mehr als drei Dutzend weiterer Kriminalromane: Die reine Quantität dieses Outputs verrät, dass Hartley Howard dem Genre nicht gerade Spitzenwerke lieferte. Statt dessen gehörte er zur großen Schar der eifrigen Handwerker, die nicht wirklich originelle, aber durchaus unterhaltsame, weil handwerklich geschickt und sauber "hergestellte" Thriller verfassten.

"Der Teufel sorgt für die Seinen" ist ein seltsamer Zwitter zwischen dem klassischen "Whodunit" (samt finaler Konfrontation aller Verdächtigen mit den Eröffnungen des Detektivs) und dem "Private Eye"-Thriller à la Dashiell Hammett oder Raymond Chandler. Er spiegelt den Spagat wider, den sein Autor versuchte, der waschechter Brite war und über einen ur-amerikanischen Privatdetektiv schrieb. Erwartungsgemäß wird er weder dem einen noch dem anderen Subgenre gerecht, ohne jedoch seine Leser vor den Kopf zu stoßen: "Der Teufel..." liefert einen verwickelten, wohl recht unrealistischen, doch gut entwickelten Plot, der flott und geradlinig erzählt wird und sich der reichlich vorhandenen Klischees des Kriminalromans erfrischend großzügig bedient: "Der Teufel..." will nie mehr sein als solider Lesestoff und funktioniert unter dieser Prämisse völlig zufriedenstellend.

Der darob dem Verfasser wohlgesonnene Leser wird sicherlich auf einen allzu kritischen Blick auf Howards New York verzichten, das hier wie das Spiegelbild nicht einmal besonders intensiver Reiseführer-Lektüre wirkt. Von der Polizeiorganisation der Riesenstadt hat der Autor ebenfalls wenig Ahnung; die auftretenden Beamten bleiben auffällig vage in der Beschreibung ihrer Funktion im kriminalistischen Getriebe.

Mr. Bowman behält die Wahrheit im Visier

Dem anspruchsarmen aber unterhaltsamen Geschehen entspricht die Figurenzeichnung. Glenn Bowman ist das Derivat unzähliger Privatdetektive, die dank der großen Gründerväter Hammett, Chandler & Co. den Kriminalroman prägen: Hart oder besser smart ist er; leidvolle Erfahrungen haben ihn nicht zynisch aber sarkastisch werden lassen. Das Geschäft läuft chronisch schlecht, Geld ist stets knapp, was allerdings keine Auswirkungen auf Bowmans Redlichkeit hat. Zwar macht er sich so seine Gedanken über sein Privatleben, das sich auf unverbindliche Flirts und Besuchen auf der Rennbahn erschöpft, doch solchen Anflügen von Selbstzweifeln folgen niemals Taten: Bowman ist und bleibt mit Leib und Seele Schnüffler.

Sein aktueller Klient residiert in einem feudalen Wolkenkratzer-Penthouse und zeigt auch sonst wenig Bodenhaftung. Schon der Name verrät, dass "Theodore van Buren" keine dem Realismus verpflichtete Gestalt ist. Howard besetzt sie wiederum mit Klischees, die dieses Mal einen US-Selfmade-Millionär weniger charakterisieren als karikieren. Auf welche Weise van Buren zum Schrecken der Börse wird, darüber hüllt sich der Verfasser in Schweigen; er hat keine Ahnung von diesem Geschäft - das ist freilich auch unnötig, denn es hat für diese Geschichte keine Bedeutung: Howard, der schreibfixe Profi, beschränkt sich in seinen Figurenzeichnungen auf grobe Umrisse, die der krimikundige Leser selbst mit Inhalt auszufüllen weiß.

Die eifrige Sichtung von B-Movies ist dabei eine große Hilfe. Dies ist das Stichwort für den Auftritt der drei weiblichen Darsteller unseres Dramas. Das Howardsche Frauenbild ist strikt dem Zeitgeist verpflichtet. Auf der einen Seite haben wir Bowman, den Frauenheld, der auf der anderen Seite immer wieder von schönen und notorisch willigen aber verdächtigen Damen in Versuchung und in die Irre geführt wird bzw. werden soll. Aus heutiger Sicht wirkt es rührend altmodisch, wie Bowman immer wieder seine Schwäche für das weibliche Geschlecht betont, um dann doch ritterlich die Finger bei sich zu behalten, wenn sich ihm eine definitive Chance bietet, im Schlafzimmer zur Tat zu schreiten: 1960 waren dem Schriftsteller, der seine Werke oberhalb der Buchladentheke verkauft wissen wollte, in dieser Hinsicht Grenzen gesetzt. Über Sex durfte (vorsichtig) geredet werden - das war's dann auch.

Nichtsdestotrotz hat es seinen Grund, dass die Bowman-Romane des Hartley Howard zu Lebzeiten ihres Verfassers sehr beliebt gewesen sind. Weil sie nur lose in der Alltagswelt ihrer Entstehungsjahre verankert sind, alterten sie in Würde und gewannen nostalgische Patina. Gleichzeitig bewährt sich der unkomplizierte Storyaufbau, der auf zeitlose Spannungselemente zurückgreift, die auch heute noch funktionieren. Für den echten Klassikerstatus reicht es wohl nicht, doch ein Lesespaß sind Romane wie dieser noch heute allemal!

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Michael Drewniok
Das Studium einer besonderen Sorte ´Mensch`

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2006

Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet die Ärztin und forensische Psychologin Helen Morrison als Profilerin, d. h. sie befragt und untersucht gefangen gesetzte Mörder, die gezielt in Serie mordeten und sich dabei so geschickt als "normale Menschen" tarnten, dass sie ihr Tun über Jahre oder Jahrzehnte fortsetzen konnten. Morrison versucht einerseits herauszufinden, wie ihnen dies gelang, um mit der entsprechenden Kenntnis anderen, noch nicht entdeckten Serienkillern auf die Spur zu kommen, während sie sich andererseits zu begreifen bemüht, wie diese mörderischen Zeitgenossen "entstehen" und sich entwickeln, um auf diese Weise Methoden zu ihrer frühzeitigen Erkennung und Behandlung zu finden.

Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse fasst sie im hier vorgestellten Buch zusammen. Die Darstellung ist chronologisch strukturiert und stellt somit auch eine Autobiografie der Verfasserin dar, die ihre Arbeit verständlicherweise nicht strikt vom Privatleben trennen kann; die eine beeinflusst das andere, was folgerichtig in das Erzählte einfließt. Morrison beschreibt zunächst ihre ersten Gehversuche als Profilerin, die sie in den 1970er Jahren als junge und unerfahrene Ermittlerin mit einem Serienkiller namens "'Babyface' Richard Macek" zusammenführt. Morrison beschreibt die ungelenken Gehversuche, die in der Kriminalistik damals bezüglich des Phänomens Serienmord unternommen wurden. Es gab noch keine solide Informationsbasis, auf die man sich stützen konnte. Gewagte und aus heutiger Rückschau manchmal seltsame und riskante Versuche wurden deshalb in dieser Pionierzeit unternommen, um zu lernen, wie Serienmörder "ticken" ("Gefährliches Terrain: Ein Serienmörder wird hypnotisiert"). Zahlreiche Sackgassen und Rückschläge mussten hingenommen werden, doch allmählich gewannen die Profiler an Boden ("Einblicke in Maceks Geist").

Im Verlauf ihrer Recherchen erkannte Morrison, dass Serienmord keine singuläre Erscheinung des 20. Jahrhunderts sind. Am Beispiel eines ehrwürdigen Veteranen - des Muttermörders und Leichenschänders Ed Gein, dessen Taten Alfred Hitchcock zum filmischen Meisterwerk "Psycho" und Tobe Hooper zum Schock-Klassiker "Texas Chainsaw Massacre" inspirierten - wirft Morrison einen Blick auf die (Kriminal-) Historie und weiß Serienkiller seit dem Mittelalter namhaft zu machen ("Ed Gein und die Geschichte der Serienmörder").

Mit dem Fachwissen wuchs der Kreis derer, die Helen Morrison um Hilfe angingen, sowie ihre Prominenz in den Medien, was ihr manches unerfreuliche Erlebnis bescherte aber gleichzeitig half, auch mit den "Superstars" unter den Serienkillern zu arbeiten ("John Wayne Gacy"). Der 33-fache Mörder Gacy verhalf ihr nicht nur zu neuen und wichtigen Erkenntnissen ("Auge in Auge mit Gacy"), sondern brachte sie auch ins schmutzige Geschäft mit der "Gerechtigkeit": In den USA verdienen sich kriminalistische Fachleute gern ein Zubrot als Sprachrohr für Staatsanwälte oder Verteidiger ("Im Zeugenstand beim Gacy-Prozess").

Die Jagd als Kopf-an-Kopf-ab-Rennen

Morrison zog sich nach diesen Erfahrungen auf ihre wissenschaftliche Arbeit zurück, verfeinerte ihre Untersuchungsmethoden analog zu den medizinischen Errungenschaften, die inzwischen buchstäblich den Blick ins Hirn eines Menschen ermöglichten, und vertiefte ihr einschlägiges Wissen ("Die Briefe und Träume des Bobby Joe Long"; "Der Sadismus des Robert Berdella"; "Der Auslöser: Michael Lee Lockhart"). Außerdem erweiterte sie ihr Untersuchungsfeld auf die Menschen, die - in der Regel ahnungslos - mit Serienmördern gelebt hatten - Eltern, Lebensgefährten, Kinder, Freunde ("Serienmörder und ihre Angehörigen") - sowie jene seltsamen Menschen, die im Wissen um ihre Verbrechen mit Killern lebten oder diese bei ihren Foltermorden sogar unterstützten ("Rosemary West und die Partner von Serienmördern").

Der Fortschritt der Kriminalistik geht einher mit einer allgemeinen Globalisierung, der auch bisher fremde und isolierte Länder nicht mehr ausschließt. Dabei wird deutlich, dass Serienmörder weder Einzelfälle noch ein singuläres Phänomen der westlichen Industriestaaten sind - es gibt sie auf der ganzen Welt ("Serienmörder - ein internationales Phänomen"). Diese deprimierende Erkenntnis wird zum Teil konterkariert durch die Tatsache, dass auch die Kriminalisten ihr Wissen verfeinern. Zwar bleibt die Perfektion der "CSI Las Vegas" sicherlich auch zukünftig dem Fernsehen überlassen, doch wird es Serienmördern immer schwerer fallen, ihre Untaten lange unerkannt zu treiben ("Die DNA und der Mörder vom Green River").

Doch Morrison geht in ihrem Schlusswort einen Schritt weiter. Ist es möglich, Serienmörder nicht nur möglichst früh zu stellen, sondern kann man sie womöglich identifizieren, bevor sie überhaupt ihren ersten Mord begangen haben? Aus ihrer Arbeit meint sie eine Reihe von möglichen und gangbaren Wegen gefunden zu haben ("Epilog: Wie geht es weiter?").

Ist Serienmord vorbestimmt?

Bücher von und über Serienkiller und ihre Jäger gibt es sicherlich in ebenso großer Zahl wie "Sachliteratur" über den Heiligen Gral oder vatikanische Umtriebe. Mit freundlicher Unterstützung durch Hannibal Lecter ist quasi ein eigenes Subgenre entstanden, das sich bereits erstaunlich lange in der Gunst des Publikums hält und nicht zuletzt durch die "CSI"-Welle dank des Fernsehens neuen Auftrieb erhielt. Von dem Treiben fiktiver Unholde und markiger Mörderfänger profitieren auch reale Kriminalisten, die lange im Verborgenen arbeiten mussten. Heute sind die neugierigen Laien geradezu süchtig auf Blicke in Labors & Leichenhallen, in denen Spezialisten gleich mittelalterlichen Hexenmeistern aus winzigsten Spuren verbrecherische Szenarien rekonstruieren.

Helen Morrison tritt indes erst auf den Plan, wenn der Strolch - Serienmörder sind in der Regel männlich - bereits gefasst wurde und sicher hinter Gittern setzt. Mit Fragebogen und Hirnstrommessgerät setzt sie sich dem Täter gegenüber und horcht ihn aus. Was keine besonders komplizierte Aufgabe zu sein scheint, relativiert sich durch die Erkenntnis, dass sie es hier mit Menschen zu bekommt, denen Gesetzesvorschriften oder die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht bedeuten: Serienmörder, das weiß uns Morrison in ihrem Buch sehr anschaulich zu machen, leben nach ihrem eigenen Verhaltenskodex, der ausschließlich auf ihre privaten Bedürfnisse zugeschnitten ist, zu denen mit einer Furcht erregenden Selbstverständlichkeit Folter und Mord in Serie gehören.

Die Tatsache, dass man es mit einer "anderen Art" von Mensch zu tun hat, die womöglich geistig gar nicht in der Lage ist zu begreifen, welcher Verbrechen sie sich schuldig macht, erschwert verständlicherweise die Kommunikation mit Serienmördern. Manche sind sogar stolz auf ihre "Leistungen" und erinnern sich gern ihrer Untaten, was Morrison einen wichtigen Zugang zur fremdartigen Denkwelt dieser Männer (und einiger weniger Frauen) öffnet.

Dies zu schaffen, ermöglicht nicht nur viel Geduld - Morrison ringt und debattiert oft Wochen und Monate mit ihren Gesprächspartnern -, sondern auch eine stabile Psyche, denn mit einem Serienmörder in wirklich engen Kontakt zu treten bedeutet wahrlich einen Blick in den Abgrund. Unglaubliche Scheußlichkeiten muss Morrison sich nicht nur auf Tatortfotos anschauen, sondern sich von oft triumphierenden Mördern in allen Details beschreiben lassen. Eine Flut belastender, dabei oft wenig informativer Worte und Bilder ergießt sich über sie, unter denen sie die wenigen relevanten Fakten erkennen muss und auswerten kann.

In mehr als drei Jahrzehnten hat Morrison ihr Verständnis vom Serienmörder entwickelt. Sie vertritt klare Standpunkte, die ihr Werk nicht unumstritten machen. So ist sie beispielsweise davon überzeugt, dass Serienmörder als solche bereits geboren werden, sie also genetisch vorbelastet sind und letztlich außerstande sind zu begreifen, was sie anrichten. Auch gegen den Drang zum wiederholten Töten können sie sich im Grunde nicht wehren, so Morrison. Nach ihrer Meinung sind Serienmörder Menschen, die sich emotional niemals entwickelt haben sondern auf der Stufe eines Säuglings, der handelt ohne zuvor über eventuelle Folgen nachzudenken, stehen geblieben sind.

Der Leser liest aber er zweifelt doch...

Die Logik dieser Theorie eines rein biologisch bedingten Serienmord-Phänomens ist weder absolut schlüssig noch in der Beweisführung jederzeit überzeugend. Morrison ist sich dieser Tatsache bewusst. Man muss ihr hoch anrechnen, dass sie der Kontroverse nicht ausweicht, indem sie beispielsweise über ihrer Argumentation Nebelkerzen zündet. Klipp und klar und für Kritik sofort erkennbar fallen ihre Äußerungen. Unangenehmen Wahrheiten geht Morrison nie aus dem Weg. Die Welt der Kriminalisten dreht sich nicht um die Suche nach Wahrheiten, sondern wird geprägt von Animositäten, Konkurrenzdenken und im Brustton der Überzeugung geäußerten Falscherkenntnissen. Mit seltener Deutlichkeit nennt Morrison Namen und Ereignisse, die kein gutes Licht auf die Forensiker, Profiler und kriminalistischen Psychologen werfen. Die Autoren ist eindeutig niemand, die ihrem Gegner auch die andere Wange hinhält, ihr Buch auch eine Abrechnung mit Zeitgenossen, die ihr beruflich in die Quere gekommen sind.

Unter diesen Aspekten muss man vor allem Morrisons Schlussfolgerungen im letzten Kapitel bewerten. Allen Ernstes plädiert sie für noch intensivere Untersuchungen weiterer Serienmörder, die Gehirnoperationen einschließen. Nicht einmal die Justiz der USA, die kaum als besonders menschenfreundlich zu bezeichnen ist, gestattet solche Experimente. Morrison geht noch wesentlich weiter: Sie denkt über mögliche Konsequenzen ihrer Forschungsarbeit nach. Was geschieht, wenn sie wirklich eine Art "Serienmörder-Gen" entdeckt? Sollten alle Neugeborenen entsprechend untersucht werden? Kann man sie "heilen", wenn besagtes Gen auftritt? Falls nicht: Was macht man mit ihnen? Steckt man sie in Gefängnissanatorien, bevor sie - eventuell - zu morden beginnen?

Mit solchen drastischen "Anregungen" möchte die Verfasserin einerseits provozieren, denn der Serienmord gehört für sie, die sich tagtäglich damit beschäftigt, zu einem brennenden Problem, der seitens der Politik oder der Öffentlichkeit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Andererseits resultiert Morrisons Vorstoß natürlich aus dem, was sie lernen musste: Serienmörder sind wohl nicht unbedingt die seelenlosen Kreaturen, die sie in ihren sieht, aber es sind unschuldige Menschen und ihre ebenso unschuldigen Familien und Freunde, die unter ihren Attacken schrecklichste Qualen erdulden müssen. Wer so etwas quasi miterlebt hat, wird sich in der Planung von Gegenmaßnahmen sicherlich nicht von den Grenzen des politisch Korrekten bremsen lassen.

"Mein Leben unter Serienmördern" ist letztlich kein Fach- oder Lehrbuch, sondern ein allgemeinverständliches Sachbuch, das informieren und Denkanstöße liefern möchte. Als solches ist es eine interessante und anregende Lektüre. Morrison hält sich im Ton meist zurück, ohne aber zu leugnen, dass auch sie oft erschüttert und angeschlagen oder angewidert ihre "Arbeitsstätten" verlässt. Es fehlt das aufdringlich Spektakuläre, das Schwelgen in blutigen Details, welchem die "True Crime"-Sparte ihren anrüchigen Ruf "verdankt". Morrison verzichtet auch auf Fotos von Tatorten oder die üblichen Fahndungsbilder von Verbrechern, denen "Monster" praktisch ins Gesicht geschrieben steht. Ihr Buch kann durch solche Zurückhaltung am richtigen Fleck nur gewinnen.

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Letzte Kommentare:
23.05.2011 13:12:55
Tiberius Gracchus

Eines gleich vorweg: Dies ist ein Sachbuch und eben kein wissenschaftliches Werk. Die Autoren berichten hauptsächlich über die berufliche Tätigkeit der Ärztin Helen Morrison.Dabei ist der deutsche Titel irreführend.Lautet der Originaltitel noch "My Life Among the Serial Killers. Inside the mind of the World\'s Most Notorious Murderers"
wird daraus in der deutschen Übertragung "Mein Leben unter Serienmördern. Eine Profilerin erzählt".
Dr. Morrison ist aber eben keine Profilerin, sie ist weder für das FBI noch für eine andere kriminalpolizeiliche Einheit tätig.
Nebenbei bemerkt: Einer Ärztin, die sich 30 Jahre lang beruflich mit dem Phänomen Serienmord beschäftigt "Effekthascherei und unreflektierte Verallgemeinerung" vorzuwerfen wie das der "kriminalpsychologische Laie" Martin Thamer tut, ist eigentlich nur noch peinlich.Zwar verzichtet Helen Morrison auf Tatortfotos, aber wissenschaftliche Vorgehensweisen wie z.B. Beobachtung, Beschreibung und Experiment können wohl auch nicht in einem Sachbuch weggelassen werden.Grundsätzlich muss gesagt werden, dass wissenschaftlich noch nicht erklärt werden kann wie sehr menschliches Verhalten durch die Gene und/oder die soziale Umwelt bestimmt wird.
Allein dadurch kann der Ansatz von Dr. Morrison nicht einfach beiseite geschoben werden. Im Gegenteil: Wer sich ein bißchen mit Wissenschaftsgeschichte beschäftigt hat, weiß welche Widerstände neue und bessere Erklärungsmodelle zu überwinden hatten. Erschwerend kommt hinzu, daß sich die Thematik im Spannungsfeld Gene-Umwelt-Selbstbestimmung bewegt, die beim unbedachten Leser natürlich nur mannigfaltige Wert- und Vorurteile hervorrufen.
Tatsächlich ist dieses Buch emfehlens- und lesenswert, weil dem Leser deutlich vor Augen geführt wird das Serienkiller nicht in die herkömlichen psychologischen und psychopathologischen Konzepte passen.
So können Serienmörder nicht als nekrophil bezeichnet werden, weil sie über abstrakte gedankliche Konzepte wie Leben, Tod, Religion usw. gar nicht verfügen. Auch das Buch "Das Profil eines Mörders: Die lange Jagd nach dem BTK-Serienkiller von John Douglas / Johnny Dodd weist in diese Richtung. Serienkiller haben eine extrem primivitive
seelische Struktur, so als ob sie emotional im Baby-Stadium verharren.
Wissenschaftlich ist natürlich die Wichtigkeit der ersten Lebensjahre für den Werdelauf des Erwachsenen unstrittig, was aber genau im ersten Lebensjahr eines späteren Serienkillers vorfällt, kann laut Helen Morrison noch nicht beantwortet werden.
Vollkommend nichts sagend sind hingegen Erklärungsversuche wie sie von Robert K. Ressler teilweise geäußert werden, der Serienkiller als böse bezeichnet. Gut und Böse sind sicherlich
keine wissenschaftlichen Begrifflichkeiten und dementsprechend gering ist auch der Erkenntnisgewinn.

19.10.2009 14:34:21
Tatjana

Alles wurde bereits eifrig kommentiert.
Ich finde es ebenfalls als "falsch" einzustufen Theorien als Die Wahrheit zu nennen und strickt danach vorzugehen.

Was mich aber am Meisten wahrscheinlich gestört hat war der simple, aber schon härtere Fehler auf Seite 300.
Unterster Absatz:
In dem ukrainischen Dorf Rostov...
Verzeihung. Aber Rostov ist WEDER ein DORF. Noch ist es in Ukraine.

11.05.2009 15:47:08
Martin Thamer

Diese Dame hat ein Buch veröffentlicht und nach 30 Jahren Berufserfahrung den Anspruch erhoben, "streng wissenschaftlich vorzugehen". Leider habe ich aber von Seite 1 bis 350 keine für mich nachvollziehbaren, wissenschaftlichen Thesen in „Mein Leben unter Serienmördern“ gefunden, hier steht Effekthascherei und offensichtlich unreflektierte Verallgemeinerung im Zentrum. Vielmehr verlässt die Autorin den Pfad der Wissenschaft bereits, indem sie das Verhalten der von ihr interviewten Täter bewertet und u.a. als „unmenschlich“ oder „abscheulich niederträchtig“ tituliert.
Helen Morrison spricht von „dem“ Serienmörder, geht in keinster Weise auf Unterschiede der unterschiedlichen Tätertypen (planend/nicht planend; psychotisch/nicht psychotisch) ein, sieht eher eine genetisch bedingte „Sucht zum Morden“, die scheinbar plötzlich, quasi von einem Tag auf den anderen virulent wird. Weiters negiert sie mögliche Auslöser (Stressfaktoren im privaten, beruflichen oder persönlichen Umfeld des Täters), die zur Eskalation der Gewalt(phantasien) und somit z.B. zum Beginn einer Mordserie führen.
Zudem erkennt Mrs. Morrison bei Serienmördern als Solches kein Motiv, worauf sie wiederum auf die genetische Prädisposition schließt. Sexuelle Beweggründe, bzw. das Schwelgen in sexuell-gewaltsamen Phantasien lange vor dem Eskalieren klammert die Autorin völlig aus, wobei dies bei den dargestellten Fällen der offenkundig sexuell-sadistischen Täter wie z.B. John Gacy oder Robert Berdella schon fast fahrlässig wirkt. Die Täter scheinen sexuelle Befriedigung durch Macht und uneingeschränkte Kontrolle über ihre Opfer zu erlangen - für Mrs. Morrison sind Morde weitgehend Verbrechen aus Wut und/oder Experimentierfreudigkeit.
Für sie erscheint es nachvollziehbar, dass Serienmörder als solche geboren werden. Auch traumatische Lebensereignisse wie Misshandlung/Missbrauch oder Vernachlässigung der Täter im Kindesalter möchte die Autorin nicht als mögliche Erklärungen für spätere Delinquenz anerkennen. Natürlich wird niemand ernsthaft behaupten, dass Personen, die in ihrer Kindheit missbraucht oder misshandelt werden, später zwingend zu Serienmördern werden. Dass jedoch bei einer überwiegenden Mehrheit der gefassten Mörder traumatische Ohnmachtserlebnisse in ihrer Kindheit/Jugend recherchiert wurden, kann wohl kaum Zufall sein.

Zusätzlich wird von der Autorin genau beschrieben, bzw. durch Gesprächsausschnitte aus Kontakten mit den Tätern unterlegt, wie Opfer vergewaltigt, verstümmelt, gefoltert und ermordet werden. Natürlich alles nur, um ihre "wissenschaftlichen Theorien besser verständlich zu machen", wie Mrs. Morrison meint.
Warum es nicht ausreicht, gegenüber dem Leser z.B. von "schrecklichen Verstümmelungen/Vergewaltigungen" zu sprechen, anstatt genau zu beschreiben, ob ein Opfer mit einer Möhre oder einem Stock vergewaltigt wurde, wird wohl kaum wissenschaftlich zu argumentieren sein.

Man könnte noch seitenweise über die fragwürdigen Darstellungen von Helen Morrison schreiben. Wenn man wie ich, als kriminalpsychologisch interessierter Laie die Sichtweisen von weltweit angesehenen Profilern wie R. Ressler, J. Douglas oder T. Müller verfolgt hat, wirkt dieses Buch im direkten Vergleich wie ein billiger Kriminalroman.