Die kalte Legende

  • Fischer Taschenbuch Verlag
  • Erschienen: Januar 2008
  • London: Duckworth, 2005, Seiten: 395, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2006, Seiten: 447, Übersetzt: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2008, Seiten: 447
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Frank A. Dudley
88°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2006

Spion vs. Spion

In der amerikanischen Satirezeitschrift "Mad" erschienen regelmäßig neue Folgen der Comicserie "Spy vs. Spy". Zwei Spion-Karikaturen mit Schlapphüten und Trenchcoats versuchten darin ständig, sich gegenseitig die Tour zu vermasseln. Meistens endeten die Bildergeschichten damit, dass einer die Waffen des anderen gegen ihn wendete und ihn in die Luft sprengte. Der Kampf der beiden verrückten Spione war endlos und ohne Sinn.

Genauso end- und sinnlos scheint der Kampf des ehemaligen CIA-Agenten Martin Odum in Robert Littells subtil strukturiertem Roman "Die kalte Legende". Der Unterschied zu den Mad-Agenten ist jedoch, dass Odum, obwohl nur eine Person, viele Agenten-Persönlichkeiten in sich trägt. In Spionage-Sprech: Er verfügt über diverse Legenden.

Eine Legende ist eine erfundene Vita, die so nah wie möglich an der Realität bleibt. Mit ihrer Hilfe sollen Agenten unentdeckt, also "under cover", arbeiten können. Martin Odum, jetzt Privatdetektiv, hat in seinem bisherigen Leben viel spioniert, er hatte viele Legenden. Diese werden dem Leser recht bald vorgestellt, und so trifft er Lincoln Dittmann, einen abgehalfterten Bürgerkriegs-Historiker, und Dante Pippen, den ehemaligen IRA-Bombenleger.

Odum muss jedoch irgendwann ein traumatisches Erlebnis gehabt haben, denn er ist nicht sicher, welche Legenden-Persönlichkeit sein wahres Selbst ist. Auch driftet er zwischen den Legenden hin und her, meistens sogar ohne seinen Willen. Als Privatdetektiv Odum erhält jedenfalls den Auftrag, den entschwundenen Ehemann einer orthodoxen Jüdin zu suchen, damit beide rechtmäßig geschieden werden können.

Die Handlung springt auf der Zeitschiene mal vor, mal zurück, um den Hintergrund der Odum�schen Legenden auszuleuchten. Dies ist jedoch keineswegs verwirrend, Littell beherrscht den Set-Wechsel ausgesprochen meisterhaft. Langsam führt er so den Leser an Odums dunkles Geheimnis: Seine vierte Legende. Psychologisch gesehen leidet Odum (oder wer auch immer) unter eine Multiplen Persönlichkeitsstörung. Die Art, wie Littell Martin Odum an diese Erkenntnis heranführt, trägt subtile Horror-Elemente in sich. Beide, Leser und Hauptfigur, ahnen, dass die vierte Legende gequält und gefoltert worden sein muss. Abscheu baut sich auf, und Furcht.

Zurück zu Privatdetektiv Odum. Seine Suche nach dem Scheidungskandidaten führt ihn um die halbe Welt und direkt ins dunkle Herz der russischen Schattenwirtschaft. Ist der Gesuchte wirklich ein Menschenfreund, der Bein- und Armprothesen zum Selbskostenpreis in Kriegsgebiete der Dritten Welt verkauft, oder ist er ein gewissenloser Verkäufer von Waffen, die zum Verlust von Gliedmaßen führen?

Littel jagt seinen Protagonisten nicht nur durch seine eigenes inneres Labyrinth. Er schickt auch den Leser so schnell durch die Welten von Wohltätigkeit, Religion, Weltpolitik, illegaler Biowaffen-Produktion, Waffen- und Drogenhandel, dass ihm fast schwindlig wird. Nebenbei wird eine Version der Gründe für den Zusammenbruch der UdSSR und die Entstehung des internationalen islamistischen Terrorismus geliefert, die sich plausibler liest als alle politischen Sonntagszeitungs-Kommentare dazu.

Als ehemaliger Russland-Korrespondent der Newsweek weiß Robert Littell, wovon er schreibt. Er ist bestens informiert, weltgewandt und hat einen klaren Blick für historische Zusammenhänge. "Die kalte Legende" ist ein erhellendes und gleichzeitig dunkles Buch über die menschenverschlingende Maschinerie der Geheimdienste und ihre weltverschwörerischen Intrigen. Littell, Autor von 13 weiteren Spionagethrillern, hat seinen Platz direkt neben den Altmeistern Graham Greene und John le Carré.

Die kalte Legende

, Fischer Taschenbuch Verlag

Die kalte Legende

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