Vater unser

  • Argon
  • Erschienen: Januar 2007
  • 147
  • Berlin: Argon, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: Sawatzki, Andrea
Vater unser
Vater unser
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Sabine Reiß
50°1001

Krimi-Couch Rezension vonJul 2006

Der dritte Teil führt schon zum vierten Teil

Wenn ein Erstlingswerk eines Autoren / einer Autorin so einschlägt wie Cupido bei der deutschen Veröffentlichung im Jahre 2004, dann werden an die nachfolgenden Bücher meist große Erwartungen gestellt, die in der Regel kaum befriedigt werden können. Ein großer Teil der Leserschaft des Nachfolgebandes Morpheus war dementsprechend enttäuscht, auch wenn sich dieses nicht so deutlich in der Bewertungsskala zeigt, wie man es erwarten würde. Es erscheint auf jeden Fall etwas unglücklich, einen Krimi so eng mit dem Vorgängerband zu verbinden, dass dieser ohne das entsprechende Vorwissen kaum lesbar ist.

Jilliane Hoffmans drittes Buch Vater unser ist nun als eine Art Neuanfang zu sehen, bei dem die Autorin neue Figuren einführt, auch wenn der Ort der Handlung mit Miami unverändert bleibt und einige Anspielungen auf das frühere Geschehen eingeflochten werden, die jedoch keinerlei Rolle für den derzeitigen Fall spielen.

B-Anwältin in Triple A-Prozess

Für die junge B-Staatsanwältin Julia Valenciano (B steht dabei für zweite Garde) eröffnet sich die Möglichkeit, an einem großen Fall mitzuarbeiten. Durch ein Verhältnis mit Rick Bellido, dem stellvertretenden Leiter von Major Crimes, der Abteilung für Kapitalverbrechen, wird sie von diesem als zweite Vertreterin der Anklage vorgeschlagen. Die Anklageerhebung gegen Dr. David Marquette ruft von Beginn an ein großes Medieninteresse hervor. Der gutaussehende und erfolgreiche Chirurg soll seine Frau Jennifer und seine drei Kinder Emma, Danny und Sophie brutal ermordet haben. Der Verteidiger von Marquette spielt von Beginn an seine Karten gezielt aus: Er erklärt, sein Mandant sei zum Zeitpunkt der Tat nicht zurechnungsfähig gewesen. Er leide an Schizophrenie und könnte daher, sollte sich beweisen lassen, dass er tatsächlich der Täter sei, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Julia arbeitet sich in den Fall ein und muss dabei nicht nur berufliche Hürden überwinden. Sie wird dabei mit schmerzhaften Begebenheiten aus ihrer Vergangenheit konfrontiert, an denen sie zu zerbrechen droht.

Wie in Cupido auch verbindet Jilliane Hoffman das Schicksal ihrer Protagonistin sehr eng mit dem zugrundeliegenden Prozess und bindet den Leser auch gut in die Gedankengänge von Julia Valenciano ein. Zunächst erzeugt die Autorin Verständnis für Julias Situation, doch im Laufe der Zeit verliert sie an Glaubwürdigkeit. Dessen ungeachtet zeigt die Autorin nicht nur am Beispiel der Staatsanwältin, wie persönliche Erfahrungen und eigene Ziele unser Handeln beeinflussen.

Dabei vermittelt sie dem Leser viele Fakten rund um die Krankheit Schizophrenie und stößt eine Diskussion an, wie und ob solche Verteidigungsstrategien moralisch zu bewerten sind und ob ein Täter mit dieser Begründung tatsächlich straffrei aus einem Prozess herauskommen kann bzw. sollte, nachdem geistige Krankheiten nicht zweifelsfrei nachweisbar sind. Wie die beiden Vorgängerromane ist Vater unser als Justizthriller einzuordnen, in dem das Strafverfahren deutlich im Vordergrund steht. Polizeiliche Ermittlungen und die Tätersuche treten dahinter deutlich zurück.

Das Ende enttäuscht

Die Bewertung fällt schwer. Fest steht, dass ein aufmerksameres Korrekturlesen des Manuskriptes notwendig gewesen wäre. Zumindest fällt eine schwerwiegende Namensverwechslung selbst dem unaufmerksamsten ins Auge, doch über Hopp oder Top entscheidet dieses Detail nicht. Hierbei sind ganz andere Faktoren wichtig. Der Auftakt zum Roman ist zwar sehr vielversprechend angelegt, doch im Laufe der gelesenen Seiten wird die Erwartungshaltung des Lesers zunehmend enttäuscht. Die Spannung steigt nicht wie gewünscht an, sondern nimmt bis zum letzten Drittel deutlich ab. Immerhin führt uns die Autorin routiniert durch das Geschehen, ohne dass sich absolute Langeweile breit macht, doch der zündende Funke fehlt leider.

Das offene Ende tut sein übriges dazu. Hier greift die Autorin zu einem ähnlichen Trick, mit dem sie in Cupido den Leser bereits überraschte - dort allerdings positiv. Die Spannung auf den Nachfolger sollte offensichtlich geschürt werden. Doch wie bekannt, erwies sich dies weitestgehend Fehlschlag. Nun liegt Vater unser in allen Punkten deutlich hinter dem Erstling zurück. Inwieweit man daraus Rückschlüsse auf die Qualität einer eventuellen Fortsetzung ziehen kann, sollte jeder selbst beurteilen. Ein schaler Nachgeschmack bleibt jedoch ohne Zweifel zurück, verbunden mit der Frage: Was bezweckt Frau Hoffman mit diesem Ende?

Vater unser

Jilliane Hoffman, Argon

Vater unser

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