Tijuana Blues

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Unionsverlag, 2006, Seiten: 288, Übersetzt: Sabine Giersberg
  • Zürich: Unionsverlag, 2008, Seiten: 288, Übersetzt: Sabine Giersberg
  • Mexiko; Bogota: Norma, 2002, Titel: 'El festín de los cuervos', Originalsprache

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Bernd Neumann
Die Enklave zwischen Mikrochip und Muli

Buch-Rezension von Bernd Neumann Jul 2006

Neugierige und verwegene Weltenbummler, zügig aufspringen auf den "fliegenden Teppich" der metro-Reihe!: Die waghalsige Reise des Züricher Unionsverlages führt uns geradewegs in das häufig von Krisen geschüttelte Grenzgebiet zwischen Mexiko und den Süden der USA, unser Reiseleiter heißt Gabriel Trujillo Munoz, verlässlicher Kenner der dortigen Szene!

Wer die metro-Reihe liest, kann viel Geld sparen für kostenaufwändige Urlaubsreisen in exotische und spannungsgeladene Winkel unserer Erde. Und das Allerschönste daran ist die Tatsache, dass man Leib und Leben nicht den dort mitunter häufig anzutreffenden Gefahren aussetzen muss, denn:

"Das Verbotene geschieht hier vor aller Augen."

Die Herausgabe von "Tijuana Blues" dürfte für die dort ansässige Tourismus-Branche ein herber Schlag ins Kontor gewesen sein - nur waghalsige Harakiri-Typen und Einmanntorpedo-Enthusiasten mit symptomatischen Hang zu grenzenloser Tollkühnheit und totaler Selbstüberschätzung dürften jetzt noch trotz des Heißhungers auf Original-Tortillas und Grillsteaks den Sprung ins trübe und somit undurchsichtige Wasser des Grenzgebietes zwischen Mexiko und den südlichsten Zipfel von Kalifornien wagen...

Gabriel Trujillo Munoz - ein mexikanisches Multitalent

Der Autor Gabriel Trujillo Munoz (Jahrgang 1958) wurde in der Grenzprovinzhauptstadt Mexicali geboren, weiß also, wovon er schreibt. Der gelernte Chirurg ist mittlerweile eine Galionsfigur in Sachen Kunst, nicht nur als anerkannter und vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, sondern auch in seiner Eigenschaft als Professor für Kommunikationswissenschaften und emsiger Herausgeber literatur- und kulturwissenschaftlicher Fachliteratur.

Krimifans dürften spätestens nach dem Lesen von "Tijuana Blues" dankbar sein, dass Munoz nicht mehr eifrig das Skalpell, sondern die Feder schwingt. Hier berichtet ein Insider in thematisch vielseitig gefächerten Kriminalstories eindrucksvoll über das Leben auf seinem heimatlichen Terrain, wo krimineller Neureichtum und traditionelle, bittere Armut frontal und deshalb belastet mit erheblichen Opfern aufeinander prallen.

Als Leser werden wir hineingeschleudert in eine "Meute von amerikanischen Touristen, Straßenhändlern, Tacoverkäufern und Huren, bedrohlichen Polizisten und bettelnden Mixteken, lachenden Musikern und blinden Bettlern, furchtlosen Chinesen und Predigern der guten alten Frohen Botschaft. Ein Zirkus aus gezähmten wilden Tieren und ebenso wilden Dompteuren, ein melting pot.". Man spürt, dass hier das Leben "unsicher und flüchtig, überraschend und hektisch" abläuft.

Unser Mann heißt Morgado

Protagonist in "Tijuana Blues" ist Miguel Angel Morgado. Nach erfolgreichem Jurastudium in Mexiko und der Schweiz ist er Fachanwalt für Menschenrechte und aktives Mitglied von Amnesty International.

Morgado, Jahrgang 1965, wohnhaft in Mexiko City, "graue Augen, helle Haut, Levi's Jeans und schwarzes Hemd", ist ein rastloser Nomade, ohne feste Bezugspunkte und deshalb mit fehlendem Gleichgewicht.

Der gut aussehende, unbestechliche Anwalt kann neben einem guten Schluck Brandy mit Kaffee vor allem zwei Dingen nicht widerstehen: attraktiven Frauen und engagiertem Kampf gegen soziales Unrecht, Korruption und nackte Gewalt. Oft sind eben diese attraktiven Frauen das Lockmittel, um den mutigen und unerschrockenen Einsatz um aufklärende Gerechtigkeit auftragsmäßig perfekt zu machen.

"Tijuana ist das Las Vegas der Dritten Welt."

In der Geschichte "Tijuana City Blues" schildert uns Munoz unverblümt die dort blühenden Primär-Industrien: Giftmüll, gepaart mit Industriespionage, Waffenschmuggel und Fluchthilfe bringen hier Prostitution und Glücksspiel in selbst zerstörerischen Dimensionen das größte Kapital:

Und das aufgeheizte Klima ist offenbar ein geradezu idealer Nährboden für urige, instinktmäßige Sexualität, jedoch auch für eben diese abnormalen Verbrechen.

Viele Passagen der Stories erinnern inhaltlich an Pulp-Krimis, selbst wenn die Ich-Erzählende Nähe fehlt: "Das Perverse ist auch ein Teil der menschlichen Natur", sagt Leobardo, Chefredakteur von Tijuana Metro.
Gnadenlos wird der Leser von G.T. Munos und seinem sympathischen Menschenrechtler Miguel Morgado umhergewirbelt und unerbittlich in diesen Malstrom der skrupellosen Verbrechen hineingezogen.

In allen vier Erzählungen des Bandes ist die atmosphärische Schwüle wie ein Albdruck ebenso spürbar wie der feine heiße Staub der nahe liegenden Wüste. Das macht die Stories spannend, weil fremdländisch. Geboten wird die volle Breitseite: es geht um Entführung, Handel mit Drogen und menschlichen Organen sowie um unerbittliche, blutige politische Machtkämpfe. Dabei ist es immer wieder die Tatsache schockierend, dass die Mexikaner den Tod offenbar als einen alltäglichen, nicht sonderlich beeindruckenden Akt ansehen.

Umstrittene und berühmte Männer der Zeitgeschichte (wie z.B. W.S. Burroughs, Kultautor der amerikanischen beat generation) sind dabei dramaturgische Handlungsbestandteil der Kriminalgeschichten. Das ist besonders für neugierige Leser besonders reizvoll, denn egal, wie ungewiss Munoz die Balance zwischen Dichtung und Wahrheit auch austariert haben mag, bei diesen Plaudereien aus dem kriminellen Nähkästchen stößt der Leser auf verblüffende Informationen! Das rüttelt wach zum weiteren Recherchieren!

Mit "Tijuana Blues" wird uns auf eindrucksvolle Art und Weise geografisches Neuland auf hohem sprachlichem Niveau literarisch erschlossen. Direkt, teilweise schockierend und ohne pompösen Firlefanz wird eine überhitzte Grenzregion zwischen der 1. und der 3. Welt unter einer zum Brennglas umfunktionierten Lupe sichtbar.
Das ist - gemütlich im Lesesessel und außerhalb der Schusslinie - entspannt spannend und zugleich sehr informativ zu lesen.

Die atmosphärische Dichte und intensive, wortgewaltige Schilderung einer fremdländischen Welt, wo der Selbsterhaltungstrieb und das soziale Elend ein furchtbar fruchtbarer Nährboden für übelste kriminelle Machenschaften der vielfältigsten Nuancierung sind, machen betroffen. Zugleich darf man hoffen auf Weiteres aus der mutigen Feder von Gabriel Trujillo Munoz!

Erwähnt werden muss zu guter Letzt die luxuriöse (und konsequent durchgezogene, also durchdachte) Ausstattung vom Herausgeber und Krimi-Guru Thomas Wörtche: solide gebundene und nicht flatterhaft geklebte Buchseiten, Schutzumschlag mit stimmungsvollen Foto incl. Farbharmonie, Bio- und Bibliografie des Autors, erklärende Daten zur Übersetzerin und ein treffendes Nachwort - Bibliophile, was wollt Ihr mehr? Mal abgesehen vom mittlerweile unbezahlbaren Ledereinband und zusätzlichen Lesebändchen längst vergangener Zeiten ist die metro-Reihe für Krimiweltenbummler zum Sammelobjekt geworden und gehört nach dem Lesen ohne wenn und aber in die erste Reihe der heimischen Bücherregale!

Tijuana Blues

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Letzte Kommentare:
07.08.2008 17:28:36
pescheg

Die im Band «Tijuana Blues» vereinigten Erzählungen von Gabriel Trujillo Muñoz geben einen schonungslosen Einblick in die Region im äussersten Nordwesten Mexikos. An der Grenze zur USA, wo arm und reich direkt aufeinanderprallen, sind Entführungen, Bandenkriege, Drogen- und Organhandel an der Tagesordnung. Die Geschichten rund um den Menschenrechts-Anwalt Miguel Ángel Morgado beschreiben dies in krasser Weise.

Reist man als Tourist in die Gegend um Tijuana, merkt man vom Elend und der Kriminalität nur wenig. Dass auf die üblen Zustände, die Armut und die Verbrechen hingewiesen wird, die man als Auswärtiger nicht wahrnimmt, ist lobenswert. Gabriel Trujillo Muñoz leistet hier wertvolle Aufklärungsarbeit. Schade ist aber, wenn die Lektüre Angst vor einem Besuch dieser Gegend macht, die neben «Original-Tortillas» auch eine wunderschöne Landschaft zu bieten hat.

«Tijuana Blues» liegt weitab von gängigen Mainstream-Krimis, regt zum Nachdenken an und öffnet den Blick auf eine doch recht fremde Kultur. Schön, dass es die metro-Reihe und engagierte Autoren wie Gabriel Trujillo Muñoz gibt.

02.03.2008 22:26:52
Bartensen

Erfrischende Kurzgeschichten-Sammlung um den mexikanischen Anwalt Miguel Ángel Morgado , die in den Grenzregionen zu den USA spielt ... Mehr ein Portrait der Region , der Menschen und der dort herrschenden Probleme ... die Storys an sich sind recht simpel gestrickt, trotzdem spannend und schneiden vier vollkommen unterschiedliche Thematiken an, bei der auch an geschichtlichen Anspielungen nicht gespart wird ... Miguel Ángel Morgado der Anwalt für Menschenrechte, ist gottlob kein Superheld, auch der mutigste ist er nicht aber einer der pro Kurzgeschichte eine neue weibliche Eroberung sein eigen nennen kann ... Ganz großartig die zweite Kurzgeschichte , Tijuana Blues, in der die großen Gestalten der Beat-Generation Burroughs und Ginsberg als geschichtlicher Hintergrund herhalten müssen, eine seit Jahren verschwundene Person wiederaufzufinden ...

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