Aschemenschen

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Eichborn, 2006, Seiten: 420, Originalsprache

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Bernd Neumann
Der letzte Kick und seine späten Folgen

Buch-Rezension von Bernd Neumann Jun 2006

Die Literaturgeschichte beweist es: In der Krimibranche ist kaum etwas so kurzlebig wie der Politthriller. Das mag in den heißen Zeiten des "kalten Krieges", also in der Blütezeit von Eric Ambler, John Le Carre` und Ross Thomas nicht so endgültig gewesen sein, aber heute? Wo ist der Feind, wo das gegnerische Lager?

Aber wer da glaubt, Globalisierung wäre ein Synonym für Friede-Freude-Eierkuchen, sieht sich nach den letzten Seiten dieses Romans wieder einmal getäuscht.

"Aschemenschen" ist ein raffiniertes, anspruchsvolles Konglomerat, das eigentlich aus zwei (fast) eigenständigen Romanen besteht, die sich ganz behutsam und erst zum Ende hin schlüssig vereinen.

Der erste Teil spielt im China der Jahrtausendwende.

Der herrlich fabulierende Schreibstil ist eine Mischung aus objektiver Realität vom wirtschaftlichen Aufschwung in Asien und Ausflügen in die Fantasy-Welt der "Aschemenschen". Schöne Schilderungen von Land und Leuten machen ihn zu einem beeindruckenden Lesevergnügen.

Der zweite Teil spielt im Äthiopien der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Er unterscheidet sich durch eine wesentlich sachlichere Schilderung, ja, selbst die Drucktypografie wurde von Schmid verändert, wirkt zeitungshaft, wird zum Tatsachenroman, zum Politthriller.

Diese Methode macht Sinn, weil es um ein dunkles Kapitel des Regimes um Mengisto Haile Mariam geht. Durch die ICH-Erzählform wird der Leser sehr dicht und persönlich in die Handlung einbezogen, auch das macht Methode.
Im Nachwort weist der Autor ausdrücklich auf den Wahrheitsgehalt der beschriebenen Fakten hin.

"Tolle Sache das Alles. Ehrlich, ich bin begeistert."

Gerd Wohlfahrt, Protagonist des Romans, ist alles andere als ein Sympathieträger. Daran kann auch sein markantes, weil gespaltenes Ohr nichts ändern. Wortkarge stenografische Sätze ohne nachhaltig wirkende Botschaften entschlüpfen seinem runden Mündchen, das er ohnehin viel wichtiger zur Nahrungsaufnahme braucht:

 

" Sein Blick schweifte, und wenn er Essbares entdeckte, dann unterbrach er jedes Gespräch und ging wortlos weg, mit sonderbar regelmäßigen, hastigen Schrittchen, etwas wippend auf den Zehenballen, ein Süchtiger kurz vor der Erlösung... gierig wie ein Vampir."

 

Immer wieder kommt es zu regelrechten Fressgelagen, bei denen Wohlfahrt Unmengen an Nahrung methodisch in sich hineinschaufelt:

 

"Ein Gottesdienst, ein Abendmahl. Er sitzt im Licht, er kaut, und die Anwesenden hängen an seinen Lippen wie an denen des Retters."

 

Das Gefühl des Folterers, unverwundbar zu sein

Ja, Gerd Wohlfahrt zählt nicht zum deutschen Bildungsbürgertum, nein, er ist ein Ossi, der nach 64 Lebensjahren immer noch auf der Suche nach dem ultimativen Kick ist. Er weiß bestens Bescheid, und ihn hat geprägt, was ein "Kulturbeutel" , ein "IFA-Lastwagen" und — viel mehr noch — eine "Makarow" sind.

Und er hat Glück: Auf der Spielwiese des Internets stößt er per Zufall auf die Offerte eines findigen Hongkonger Unternehmens, welches Abenteuer-Events der etwas absonderlicheren Art anbietet.
Endlich, in der Hauptrolle als betroffenes Opfer einer inszenierten politischen Geiselnahme erlebt er den Kick des Gedemütigten und Gequälten. Lustvoll und masochistisch genießt er die vertraglich vereinbarte Dramaturgie, die Erwartung des Ungewissen und das unverhoffte Wechseln der Situationen.

Mnimalisches Meckern überkommt ihn als Reaktion der Vorfreude, wenn er die gewünschten Peinigungen und Misshandlungen (natürlich in entschärfter Form — ist ja nur ein Spiel!) frühzeitig erahnt und diese dann von ihm stoisch und in freudigem Gehorsam fast wie in Echt ertragen werden:

"Ist doch irre, sich mal als Opfer zu fühlen."

Wohlfahrt genießt diese Inszenierung mit Schädelrasur, Augenbinde, Wasserschlauch und maskiertem Fotoshooting zwecks Lösegeldforderung (4 Mio. US-Dollar, natürlich in kleinen Scheinen...), laut üppigem Honorarvertrag gibt es ja letztendlich immer ein gutes Ende.

Wohlfahrt genießt diese ihm bisher unbekannte Rolle als Opfer, denn im richtigen Leben stand er in entscheidenden Momenten häufig an der anderen Seite der Front: er war einer der MfS-Auslandsspezialisten in Afrika, verantwortlich für die fachlich exakte Ausbildung zum Foltern.

Chinesischer Übereifer, der alles verdirbt

Das Entführungsspielchen wird abrupt durch die Werkschutzpolizei eines chinesischen Neukapitalisten beendet, der im Glauben ist, eine wahrhaft humanistische Befreiungstat erfolgreich abgeschlossen zu haben.
Dieser quirlige und geschäftstüchtige Mann ist es gewöhnt, sich mit einer ständig um den Hals hängenden Trillerpfeife als Instrument des Lärms und der Befehle in der Firma und bei seiner pubertierenden Tochter Gehör zu verschaffen.
Wohlfahrt ist wegen des fatalen Übereifers zu seiner ungewollten Befreiung. Wie zu erwarten freundet er sich als gewieftes Chamäleon aber schnell mit der veränderten Situation an.

Das trifft notgedrungenderweise auch für die Schweizerin Erla als Betreuerin der vertraglich vereinbarten Geiselnahme zu. Sie fühlt sich im Laufe der gemeinsamen Zeit zudem immer mehr vom neuen Gastgeber, dem Buntwurst- und Gummipuppenproduzenten Xin Yi Cheng angezogen.

Immer intensiver werden der ewig hungrige Deutsche und seine Schweizer Eventmanagerin durch ihren wohlhabenden Gastgeber in die Oberschicht der Unruheprovinz Xinjiang eingeführt. Besonders beeindruckt ist Wohlfahrt vom einflussreichen stellvertretenden Parteisekretär: "Der Dünne", der es faustdick hinter den Ohren hat und der durch dubiose Machenschaften zu Macht und Reichtum gekommen ist.

Der scheinbare Frieden in Xinjiang wird erschüttert durch das Verschwinden der vierzehnjährigen Tochter des Gastgebers. Warum und wohin ist Xiao Fei entschwunden, wurde sie vielleicht sogar entführt?
Erla wird von düsteren Vorahnungen gepackt, als sie bei ihrem Auftraggeber Gerd Wohlfahrt auf erschreckende Fotos stößt...

Erla will gemeinsam mit ihrem mittlerweile Geliebten Xin dessen vierzehnjährige Tochter wieder finden. Helfen sollen ihr dabei die mittlerweile vorhandenen sphärischen Kontakte zu den "Aschemenschen":

 

"Wenn sie die Zungen zurückführten zum Mund, gefaltet wie der Blasebalg einer Ziehharmonika, schienen sie ganz kurz eine Stelle am Oberkiefer zu berühren, als ob sie dort die Daten deponieren und analysieren, die sie mit ihrem Züngeln sammeln."

 

Auf ihrer Odyssee durch die Wüste entdecken sie dann ein Archäologencamp und ungeheuerliche Wahrheiten, bei denen unerwartet der gebürtige Äthiopier Jonas Tefera eine aufklärende Schlüsselrolle spielt.
Jonas ist an einem schwülen Tag im Juli 2003 per Zufall im Berliner Museum für Völkerkunde auf ein Foto jenes Mannes gestoßen, dem er als Kind 1977 in seiner afrikanischen Heimat schon einmal begegnet war. Mit diesem Mann hat er noch eine Rechnung offen. Die Ausgrabungen in China sind der Weg zum Ziel, auch wenn das Ziel sich als eine Täuschung herausstellt.

Ulrich Schmid ist mit seinem "Aschemenschen" eine raffinierte und anspruchsvolle, filigrane Konstruktion aus Dichtung und Wahrheit gelungen.
Mit dem ersten, im heutigen China angesiedelten Romanteil schafft der Autor ein sehr stimmungsvolles Bild im Wechselbad der Gefühle zwischen fremdländischer Gastfreundschaft und überraschenden Bombenexplosionen.
Durch die liebevolle Gestaltung des Bucheinbandes (einschließlich chinesischer Schriftzeichen bei Schlüsselkapiteln!) wird die Authentizität wirkungsvoll unterstützt. Schmid ist ein Journalismus-Profi: als Auslandskorrespondent der renommierten Neuen Züricher Zeitung kennt die neuchinesischen Verhältnisse wie seine Westentasche.

Inhaltlich bedeutender als der China-Part scheint dem Autor aber der zweite Teil des Romans zu sein, der im journalistischem Stil (und gerade hier zeigt Schmid eindrucksvoll seine Wurzeln!) über die Täter und Opfer des "Roten Terrors" berichtet, der vom Diktator Mengistu Haile Mariam entfacht wurde, um so genannte Volksfeinde und Verdächtige durch die Schergen des Derg zu vernichten und die sozialismusorientierte Macht dadurch stabil zu halten.
Wer im Verdacht stand, zur Äthiopischen Revolutionären Volkspartei zu gehören, wurde kompromisslos, unabhängig von Alter und Geschlecht, verhaftet und gefoltert.

Das Ungeheuerliche: Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR waren an diesen Folteraktionen beratend beteiligt — und wurden dafür nie zur Verantwortung gezogen!!!

Der gewaltsame Aufbau einer kommunistischen Bastion auf dem afrikanischen Kontinent heiligte in Stasi-Führungsoffizierskreisen offenbar diese Mittel.

Ulrich Schmid weist in seinem Nachwort ausdrücklich darauf hin, dass diese Fakten belegbar ist und damit der Wahrheit entsprechen. Somit legt er durch "Aschemenschen" ein anspruchsvolles Zeitdokument vor, das zur sauberen und endgültigen Abrechnung eines Stückes dunkler DDR-Zeitgeschichte auffordert.

Dass kein einziger der ostdeutschen Berater Mengistu Haile Mariams in Deutschland je vor Gericht gekommen ist, wäre eine echte Herausforderung für Marianne Birthler & Co.

Was nützt das beispielgebende Aufbauwerk eines nimmermüden Karlheinz Böhm, wenn solche altlastigen Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch Amnestie unter einen angeschmuddelten Teppich gekehrt und wie andere vergleichbare Kriegsverbrechen entsprechend der UNO-Charta sauber aufgeklärt werden?

Für dieses Wachrütteln, den belletristischen Tatsachenbericht über die ostdeutschen Stasi-Vorkommnisse in Adis Abeba sollten wir dem Schweizer Ulrich Schmid dankbar sein und hoffen, dass sich etwas bewegt.

Postscriptum:

Im allerletzten "Universallexikon", was 1988 in der DDR erschienen ist (ISBN 3-323-00214-8), kann man unter dem Schlagwort "Äthiopien" u.a. folgendes nachlesen:

 

"Am 03.02. 1977 trat Mengistu Haile Mariam als Repräsentant der konsequent revolutionären Kräfte an deren Spitze.... Mit Unterstützung der sozialistischen Länder gelang im März 1978 die Wiederherstellung der territorialen Integrität, es begann die Schaffung einer marxistisch-leninistischen Partei..."

 

Kein Kommentar, Herr Kommissar.

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