Denn kalt ist der Tod

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

Reise in die Nacht (im Original Testimone inconsapevole) vom Gianrico Carlofiglio ist der Auftakt einer Serie von Gerichtskrimis mit Avvocato Guido Guerrieri, der im süditalienischen Bari, der Hauptstadt Apuliens, seine Klienten und Fälle vor Gericht vertritt. Der Leser kann von dieser Serie ein besonders hohes Maß an Authentizität erwarten, denn der Autor ist selbst als Richter im Bereich der Mafiaprozesse tätig gewesen und kennt sich daher besonders gut im italienischen Rechtssystem aus. Man darf gespannt sein, ob es Gianrico Carlofiglio gelingen wird, eine interessante und vielschichtige Hauptfigur zu schaffen, das italienische Rechtssystem glaubwürdig und kritisch darzustellen und zugleich über spannende Rechts- und Kriminalfälle unterhaltsam zu erzählen.

Der smarte Anwalt in einer Lebenskrise

Avvocato Guido Guerrieri kann mit sich und seinem Leben durchaus zufrieden sein, er besitzt eine gut gehende Anwaltskanzlei, ist verheiratet und sein gesellschaftliches Leben ist in Ordnung. Seine Arbeit ist moralisch nicht immer ganz einwandfrei und er gönnt sich hin und wieder eine Affäre, was ihn aber keineswegs belastet, er ist nicht besser oder schlechter als andere Männer, die auf die vierzig zugehen.

Bis eines morgens die Ankündigung seiner Frau Sara: "Guido, ich möchte, dass wir uns scheiden lassen." seinem gesicherten Leben einen Stoß versetzt. Der Avvocato zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und glaubt, alles bestens im Griff zu haben, auch wenn er nun ein ausschweifendes Single-Leben mit hohem Alkohol- und Zigarettenkonsum zelebriert.Bis auf einmal Angst und Panikattacken dem smarten Anwalt das Leben zur Hölle machen. Es beginnt mit der Angst vor Fahrstühlen, steigert sich zu chronischer Schlaflosigkeit und endet in unkontrollierbaren Heulkrämpfen. Der Gang zum Therapeuten fällt Guido Guerrieri nicht leicht, die verschriebenen Psychopharmaka entsorgt er in der Toilette, nachdem er auf dem Beipackzettel die Nebenwirkungen studiert hat.

Stattdessen geht er zum Boxen, ein Sport, den er in seiner Jugend mit Begeisterung getrieben hat. Langsam und schrittweise beginnt Guido, sich in seinem neuen Leben zurecht zu finden und wird schließlich mit einem Fall konfrontiert, der seine Sicht der Dinge für immer verändern wird.

"Der Neger, der das Kind in Monopoli ermordet hat"

Ein neunjähriger Junge wurde zwei Tage von seinen Großeltern vermisst und schließlich auf dem Grund eines Brunnens aufgefunden. Spuren von Gewaltanwendung wurden nicht gefunden, aber ein Schuldiger wird schnell benannt. Der Senegalese Abdou Thiam, ein Immigrant der am Strand von Monopoli gefälschte Markenartikel verkauft, wird beschuldigt, den Jungen getötet zu haben. Es liegen lediglich Indizienbeweise vor, die den ehemaligen Lehrer allerdings schwer belasten: im Verhör verstrickte er sich in Widersprüche, er gibt an zur Tatzeit in Neapel gewesen zu sein, weigert sich aber, dafür Zeugen zu benennen. Außerdem sagt ein Barbesitzer aus, ihn zur fraglichen Stunde am Strand gesehen zu haben. Obwohl der Senegalese angibt, den Namen des Jungen nie gehört zu haben, findet die Polizei ihn Thiams Wohnung ein Polaroidfoto des Jungen. Eine gründliche Beweisführung erscheint der Polizei unnötig, Abdou Thiam wird kurzerhand verhaftet und des Mordes angeklagt.

Abdou streitet alle Vorwürfe ab. Er habe den Jungen nur unter seinem Spitznamen Ciccio gekannt und das Foto von ihm persönlich erhalten. "Ich habe Ciccio nicht umgebracht. Er war mein Freund." Niemand glaubt dem vorbestraften Senegalesen, nur Guido Guerrieri fühlt sich irgendwie mit ihm verbunden, hat er doch gerade selbst erfahren, dass auch sein Leben nicht vor Problemen und Krisen gefeit ist. Er übernimmt die Verteidigung des jungen Mannes und steckt sehr schnell in der Auseinandersetzung um rassistische Vorurteile, eine voreingenommene Justiz und um schlampige Polizeiarbeit. Verzweifelt versucht er Entlastungszeugen zu finden, belastende Zeugenaussagen zu widerlegen und die Fehler in der Ermittlungsarbeit aufzudecken.

Wie kann Guerrieri, ohne einen strafmindernden Deal mit der Staatsanwaltschaft auszuhandeln, gegen die ganze Härte der italienischen Gerichtsbarkeit ankämpfen und einen Freispruch für seinen Mandanten erreichen ?

Vom Winkeladvokaten zum Kämpfer für die Gerechtigkeit

Der Avvocato Guido Guerrieri überzeugt am Anfang der Geschichte nicht gerade durch Redlichkeit, wie am Beispiel dieses Falles nur zu deutlich wird:

 

Ich überlegte mir, dass ich es eigentlich verdient hätte, seine Würstchen (die eines Klienten, dessen Grill beschlagnahmt worden war, weil die hygienischen Zustände denen der Abwasserkanäle entsprachen) zu Abend zu essen und danach mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Dort würde dann schon Doktor Carassi auf mich warten. Doktor Carassi war Oberarzt der Notaufnahme und hatte unlängst eine Einundzwanzigjährige an Blinddarmentzündung sterben lassen, weil er auf Regelbeschwerden getippt hatte. Sein Anwalt - ich - hatte auf Freispruch plädiert und diesen auch erwirkt, ohne das der gute Mann auch nur einen Arbeitstag oder eine Lira Lohn verlor.

 

Selten wurde eine Hauptfigur so differenziert, ehrlich und glaubwürdig charakterisiert, wie dieser Avvocato Guerrieri. Seine Entwicklung zu einem nachdenklichen und ernsten Menschen, der lernt, sein Leben zu reflektieren, sich zu verändern und seinen Beruf wieder ernsthaft zu betreiben, wird genauso glaubwürdig beschrieben, wie anfänglich der unseriöse Rechtsverdreher. Der Leser erlebt ihn schließlich als einen Rechtsbeistand, der die italienische Justiz moralisch hinterfragen und zugleich geschickt ausnutzen kann.

Dem Autor gelingt eine ganz besonders menschliche Charakterisierung und ein sehr gelungenes Portrait seiner Hauptfigur. Auch die anderen Charaktere sind überzeugend und lebensnah gezeichnet.

Humorvoll - Ehrlich - Emotional - Engagiert

Gianrico Carofiglio trifft in jeder Phase seiner Geschichte genau den richtigen Ton. Er schreibt zu Anfang sehr witzig und ironisch, später aber auch melancholisch-ernst und zum Schluss in einem kämpferischen, beinahe etwas pathetischen Stil. Letzteres gilt für das Plädoyer des Anwaltes vor Gericht, das etwas zu ausschweifend und langatmig geraten ist, aber vielleicht gerade in dieser Art besonders authentisch wirkt. Dem Autor ist es sogar gelungen, eine Liebesgeschichte unaufdringlich und doch bezugsnah in das Geschehen zu integrieren, ein Handlungsstrang, der dem Leser neben der manchmal etwas langwierigen juristischen Untersuchung etwas italienischen Esprit bietet.

Am Ende geht diesem Gerichtskrimi etwas die Luft aus

Der Plot wird zwar logisch überzeugend zu Ende erzählt, gerät aber doch etwas sehr unspektakulär, es fehlt so etwas wie der entscheidende Showdown. Leider blendet Carofiglios Gerichtskrimi jegliche kriminalistische Ermittlung komplett aus, die der Geschichte insgesamt mehr Spannung Würze verliehen hätte. Daher kann Reise in die Nacht als Krimi nicht ganz überzeugen, als Gerichtsroman allerdings umso mehr, denn Carofiglio kann selbst über Prozesse und Debatten nicht nur authentisch, sondern sehr interessant und mitreißend erzählen.

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Jörg Kijanski
Zu konstruiert - und wo bleibt die Kulisse?

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Apr 2006

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Letzte Kommentare:
26.11.2009 21:56:13
KGommel

Ja, der Ton ist hausbacken - zum Teil geht das gewiß auif die Übersetzung zurück, die flüchtig wirkt. Zum Teil klingt es aber auch irgendwie "russisch". Die Handlung könnte tatsächlich in jeder russischen Großstadt spielen. Dazu ist der deutsche Titel nichtssagend (auf Russisch lautet er "Schicksalsrolle" - wesentlich passender). Genauso nichtssagend die Frau mit Schapka auf dem Cover - der Roman spielt im Sommer! Aber: Das Buch ist spannend. Die Autorin versteht tatsächlich etwas von der Arbeit von Polizei und Staasanwaltschaft in Rußland. Sie beschreibt keine Sehenswürdigkeiten von Petersburg, dafür aber viel vom russischen Alltag. Eine Staatsanwältin kann sich von einer Prämie ausnahmsweise einmal ein neues Kostüm kaufen. Sie besitzt kein Auto. Dafür kann sie dienstlich jederzeit auf ein Auto mit Chauffeur zurückgreifen... Ich habe das Buch jedenfalls von der ersten bis zur letzten Seite genossen.

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