Die Patin

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

Platz 1 beim Agatha-Christie-Krimipreis 2006. Veröffentlicht in der Anthologie "Gefährliche Gefühle"

Es ist besser gelaufen, als er gedacht hat, wie am Schnürchen ist es gelaufen. Einmal nichts dem Zufall überlassen, einmal streng nach Plan vorgegangen, und schon hat alles geklappt, am liebsten würde er es hinausschreien in die Welt, seht mich an, mich, Josh, den ewigen Versager, ein Meisterstück habe ich vollbracht, intelligent durchdacht, minutiös vorbereitet, kaltblütig ausgeführt, nur eine einzige kleine Unsicherheit gibt es noch, eine winzige Schwachstelle, nur ein Quäntchen Glück brauche ich noch und ich habe es geschafft, aber auch das wird klappen, er ist sich ganz sicher, es schwellt ihm die Brust, dieses Gefühl, kann es wahr sein, wirklich wahr sein, da, schon meldet sich die fiese Ratte Zweifel, fängt leise an zu nagen an der Gewissheit, an der Siegesgewissheit, das alte Programm, das alte Versagerprogramm, es sitzt tief, er schluckt, schluckt Speichel, was ist, wenn er doch etwas übersehen hat, wenn der andere nicht in die Falle tappt, die er so geschickt ausgelegt hat, aber nein, das ist nicht möglich, es kann nichts mehr schief gehen, er braucht nur abzuwarten, er muss nur Ruhe bewahren. Er sitzt im Dunkel, die Musik so leise, dass er sie kaum hört, Aïcha, écoute-moi, drüben, bei den Mülltonnen, an der Mauer zum Nachbarhof, eine schwarze Gestalt am Boden, reglos, gekrümmt, schemenhaft wie die Musik, nur für ihn wahrnehmbar.

Die Ratte, sie kommt wieder, sie kommt um zu nagen, er lässt die Schultern fallen, er schluckt, schluckt Speichel, schluckt Eimer voll Speichel, es ist widerlich, er spuckt ihn aus, spuckt ihn auf den Boden, wie soll einer Eimer voll Speichel schlucken, die Speichelpfützchen, kleine feuchte Kreise im fleckig grauen Teppich, verblassen, zergehen im Nu. Dunkel und still der Hinterhof, aber schon hängt das fahle Licht der Morgendämmerung in der Luft, kündigt das Surren und Klingen der Wecker an, das Stöhnen und Ächzen der Frühaufsteher, das Schlurfen, Gurgeln, Murmeln und Fluchen, die Toilettenspülungen, das Töpfegeklapper, eine halbe Stunde noch, vielleicht eine ganze, dann ist es so weit. Wer hat hier überhaupt noch Arbeit, wer steht überhaupt noch auf so früh am Morgen, der türkische Gemüsehändler, der zur Markthalle fährt, die zeternde Dicke mit ihren plärrenden Kindern, die dem Sozialamt ihre Putzstellen verschweigt, der von der Straßenreinigung, der eine oder andere Gelegenheitsarbeiter. Und die im Quergebäude natürlich. Die verdienen so gut, dass sie sich eine luxusmodernisierte Wohnung leisten können, anders als die armen Schlucker im Vorderhaus, wo der Standard weit niedriger ist, die Sanierung schon Jahre her, und für den Seitenflügel hat das Geld gleich gar nicht mehr gereicht, die Stadt ist bankrott.

Jetzt wohnt der Pöbel im Seitenflügel, der brave Bürger im Vorderhaus und die Schickeria ganz hinten, mit Blick ins Grüne, weil die Rückseite des Blocks an den Park grenzt, dort wird man von Vogelgezwitscher begrüßt am Morgen, von frischer kühler Luft, vielleicht noch von Ziegengemecker aus dem Tiergehege, nicht vom Straßenlärm wie er, Josch, der Versager, der einmal ein Gewinner ist, der sie alle hinters Licht führen wird, gerade die da hinten, die sich für etwas Besseres halten, weil sie studiert haben, einen guten Job haben, man sieht es an der Kleidung, der Haltung, den Uhrzeiten, zu denen sie den Hinterhof durchqueren, Selbständige, schätzt Josch, Leute aus der Hightechbranche, vielleicht noch eine erfolgreiche Modedesignerin, vielleicht ein aufstrebender Anwalt, Kinder sind keine darunter, aber eine Schwangere, dazu der schwule Kellner aus dem Nobelrestaurant, mit dem er sich ein wenig angefreundet hat obwohl er ihn verabscheut, den schwulen Gecken, der sich für einen Dandy hält, sich etwas einbildet darauf, dass er sie alle kennt im Regierungsviertel, dass er beim Vornamen genannt wird von denen, dass er weiß was vor sich geht in der großen Politik, noch bevor es in den Zeitungen steht, und dass er auch das weiß, was nie darin stehen wird, seine Trinkgelder sind in Wirklichkeit Schweigegelder, wie sonst soll er sich die Luxuswohnung leisten können, den Porsche. Und dann wohnt noch sie da hinten. Sie passt so wenig dazu wie der Kellner, aber es stört niemanden, keiner stört sich hier am anderen. Er richtet den Blick hinauf zum dritten Stock, sie hat das Licht gelöscht, sie schläft jetzt, wird den ganzen Morgen verschlafen, den halben Nachmittag, wenn sie nicht vorzeitig geweckt wird, er zögert, gewiss hat er sie hineingezogen in die Sache, wird es ihm Leid tun, er weiß es nicht.

Er schaut hinüber zu den Mülltonnen, zu dem schwarzen lang gestreckten Klumpen, der dort liegt, langsam schält er sich heraus aus der Finsternis, er spürt den Triumph, die Genugtuung in der Brust, aber die Ratte, sie nagt, wenn er nun doch einen Fehler begangen hat, er muss sich ablenken, sonst verliert er die Nerven, er geht den Weg noch einmal zurück in Gedanken, fängt noch einmal ganz von vorne an. Gleich am Tag seines Einzugs hat er sie entdeckt, am offenen Fenster stand er als sie auftauchte, über den Hinterhof stolzierte auf ihren Highheels, es war wie ein Stromstoß, was für ein Gang, eine Haltung, eine Art sich zu kleiden, die hatte Klasse, Türkin oder Araberin, Augen und Haare schwarz wie Kohle und die Figur einer Göttin. Eine Edelnutte, kein Zwei fel, er hat sich vorgebeugt und gewittert wie ein Tier, gierig nach dem Duft ihrer Olivenhaut, nach dem Moschusgeruch zwischen ihren Beinen.

Aïsha, Aïsha, écoute-moi, Aïsha, Aïsha, t'en vas pas. Von da an war sein Platz am Fenster zum Hinterhof, aus dem er Tag und Nacht hinausstarrte, hin und wieder goss er sich eine Cola ein mit einem Schuss Whisky, das hielt ihn wach, er war kein Trinker. Sie hatte nicht viele Kunden, Stammkunden die meisten, gepflegte ältere Herren, die auf einem dicken Bankkonto saßen und ganz oben auf der Karriereleiter und im schwarzen Daimler mit eigenem Chauffeur. Was verlangten die von ihr, gewiss hatten sie perverse Wünsche, wie weit ging sie, für Geld konnte man alles haben und sie war eine Nutte. Seine Phantasie schlug Kapriolen, während er zu ihrem Fenster hinaufschaute, Speichel schluckend, einmal dieses Weib unter sich haben, einmal ihr Olivenfleisch kneten, einmal das Gesicht hineinstecken in ihren Geruch, aber es war zu spät, er kriegte keinen mehr hoch bei den Frauen und so eine würde sowieso die Beine nicht breit machen vor ihm. Was ihm blieb, war, die Hose zu öffnen und selbst Hand anzulegen, was ihm blieb, war der Platz am Fenster einer Parterrewohnung, immer im Halbdunkel, am Tag erreicht ihn kein Sonnenstrahl, und nachts erhellt die Straßenbeleuchtung die Wohnung.

Wann hat er ihn zum ersten Mal bemerkt, durch den Hof ist er geschlichen, nicht geradewegs darüber wie die anderen Heimlichen, nein, an den Seiten entlang schlich er, in die Schwärze geduckt, sogar das düstere Grau der Hofmitte, dort, wo der lichtgetränkte Nachthimmel der Millionenstadt noch ein schwaches Echo findet, scheute er. Er, Josch, hat ein merkwürdiges Gefühl gehabt bei seinem Erscheinen, an irgendetwas hat sie gerührt, die schwarze Gestalt, doch er hat nicht weiter nachgedacht. Was kümmerte es ihn, wenn einer noch heimlicher als heimlich zur Nutte ging, er schluckte Spucke, er öffnete die Hose.

Erst als die anderen wegblieben, erst als er der Einzige war, der noch zu ihr kam, immer an den Seiten entlang, im Schatten der Mauern, wurde er unruhig, was war los mit ihr, sie war teuer, warum nur noch einer, warum nur noch er. Erst da ist ihm aufgefallen, wie sehr ihn die Gestalt von Anfang an irritiert hat, wie sehr sie an irgendetwas rührte in ihm.

Er hat sich ans Fenster zur Straße gesetzt, er liebt diesen Platz nicht, zu hell ist es da, zu dünn der Abstand zwischen ihm und denen da draußen, er fühlt sich ertappt, wenn einer den Kopf im Vorbeigehen nach ihm dreht, aber der andere ist aus der entgegengesetzten Richtung gekommen, wie immer weit nach Mitternacht, ganz leise hat er das Tor zur Einfahrt geöffnet, war schon im Quergebäude verschwunden, bevor er, Josch, reagiert hatte und ans Fenster zum Hinterhof geeilt war. Dann hat er ihm draußen auf der Straße aufgelauert, in den dunklen Eingang des Nebenhauses gedrückt, drei Nächte musste er warten, der andere kam unregelmäßig.

Das Erkennen durchzuckte ihn wie ein scharfer Schmerz, vielleicht hat er es sogar geahnt, nicht wahrhaben wollen, dass er es war, die Knie sind ihm weich geworden, er ist zurückgewankt an seinen Platz am Fenster zum Hinterhof, er hat heftig gespuckt, gespuckt, um nicht zu weinen, gespuckt, um nicht zu kotzen.

Er hat gewusst, dass der andere nicht weit war, er hat immer gewusst, wo er sich aufhielt, es war nicht schwer gewesen, seinen Weg zu verfolgen.

Schon in der Schule war der andere der Gewinner gewesen und Josch, der Freund, in Wirklichkeit sein Lakai, der ihm die Steigbügel hielt, wenn er hinaufstieg auf sein hohes Ross, der ihm die Stiefel leckte, damit sie noch schöner glänzten, der in seinem Schatten stand und nach der Sonne gierte, die auf den anderen herabschien, und nach den Mädchen, die ihn umschwirrten, der sich klein und hässlich fühlte, weil er bei der Großmutter aufwuchs, die immer dieselbe fleckige Kittelschürze trug, die aufs Taschentuch gespuckt hatte, als er noch ein Kind war, um ihm den Dreck aus dem Gesicht zu wischen, komm her zur Oma, Joschi, kleiner Dreckspatz, sodass auch er das Spucken anfing und sein Leben lang nicht mehr aufhören konnte aus Ekel vor dem Großmuttergeruch in seinem Gesicht, der sich für alle Zeiten dort festgefressen hat und ihm das Wasser in den Mund schießen lässt, wenn er nur ein bisschen unsicher, ein bisschen nervös, ein bisschen wütend wird, sodass sie ihn das Lama nannten, und weil er blass war und aufgedunsen und pickelig und das Gymnasium vorzeitig verlassen musste, weil der Vater starb und die Mutter schwere Alkoholikerin war und weil er es sowieso nicht bis zum Abitur gebracht hätte.

Und nun sitzt er in einer heruntergekommenen Parterrewohnung und giert nach einer Edelnutte, in deren Geruch sich ein anderer vergräbt, und der andere ist der, den er zeitlebens beneidet hat, der immer auf der Sonnenseite stand, der sich jetzt durch die Dunkelheit schleicht, die doch Joshs Revier ist, hinauf zu dem Licht, in dessen Abglanz er sich eingerichtet hat hier unten, und Josh fühlt sich so ohnmächtig in seiner Niederlage, dass er nicht einmal mehr die Hose öffnen und sich seinen Anteil holen kann, und er sitzt da und spürt einen brennenden Klumpen Hass in seiner Brust und weiß plötzlich, er wird ihn töten, und das ist das Größte, was er je gefühlt hat in seinem armseligen Leben.

Von da an zweifelt er keine Sekunde mehr an seinem Vorhaben, dieses eine Mal lässt sie ihn in Ruhe, die fiese Ratte, das konnte kein Zufall sein, das war eine Fügung des Schicksals, dass er ihm noch einmal so nahe kam nach all den Jahren. Nie zuvor hat er daran gedacht, einen anderen zu töten, sich selbst 16 ja, in seinen schwärzesten Zeiten hat er an Selbstmord gedacht, als die Frau ihn verließ, die Kinder nichts mehr von ihm wissen wollten, als er einer der ersten war in seiner Firma, die die Kündigung in der Hand hielten, als sie ihn in der Partei mieden, in der auch er eine Heimat zu finden gehofft hatte, und jetzt die Gewissheit, er wird einen Mord begehen, der in allen Zeitungen stehen wird, er ist wie verwandelt, der dumpfe Hass, der zeitlebens in ihm gärte, er wird zur eiskalten Wut, sein träges Gehirn fängt an zu arbeiten, während er am Fenster sitzt und hinausstarrt in den Hinterhof, der widerhallt vom Keuchen und Rotzen und Grölen und Fluchen seiner Bewohner, vom Töpfegeklapper und von den Toilettenspülungen bis spät in die Nacht, und wenn dann alles ruhig ist, schleicht der andere durch die Dunkelheit hinauf zu ihr, Aïsha, Aïsha, écoute-moi, Aïsha, Aïsha, t'en vas pas, aber das hört er nicht, das hört nur er, Josch.

Und dann kommt ihm die Vorsehung zur Hilfe, auf eine solche Gelegenheit hat er gelauert, während sein rotierendes Gehirn Szenen probte und änderte und verwarf und wieder neue erfand, während es Wahrscheinlichkeiten berechnete und Distanzen abmaß und Sekunden zählte, und plötzlich weiß er, was er zu tun hat, und er handelt ohne zu zögern. Er stockt in seiner Erinnerung, als die Dicke im Morgenlicht aus dem Seitenflügel kommt und hinübergeht zu den Mülltonnen mit ihrem watschelnden Gang, während ihr Jüngstes in der Wohnung oben zu quäken beginnt, und plötzlich bleibt sie stehen, als sei sie von einem Bannstrahl getroffen oder als würde der Film angehalten, noch bevor sie ihren Schritt zu Ende gemacht hat, und dann scheint es eine Ewigkeit zu dauern, bis sie die Mülltüten fallen lässt und schreit. Und von Josch fällt die ganze Anspannung ab, die ihn seit Wochen aufrecht gehalten hat, er greift nach der halb vollen Whiskyflasche auf der Fensterbank und trinkt, er spürt ein Brennen durch seine Kehle rinnen bis hinunter in seinen Magen, und dann spürt er eine Müdigkeit wie nie in seinem Leben. Er taumelt hinüber zu seinem Bett und kann gerade noch denken, eine einzige kleine Unsicherheit gibt es noch, eine winzige Schwachstelle und ich habe es geschafft, nur ein Quäntchen Glück brauche ich noch, dann umfängt ihn Schwärze und er schwebt hinauf zu ihr und hält eine blutrote Rose in der Hand und dann schwebt er immer weiter bis in den Himmel und in seinem Gesicht haftet jetzt der Duft ihrer Olivenhaut und ihr Moschusgeruch und sein Speichel liegt schwer und süß wie Honig in seinem Mund.

BERLINER POLITIKER ERMORDET IN HINTERHOF AUFGEFUNDEN. TÄTER NOCH AM SELBEN MORGEN GEFASST.

Rainer-Maria Pausewang, Direktkandidat der linken Liste in Kreuzberg, wurde gestern am frühen Morgen erstochen in einem Hinterhof am Rande seines Wahlbezirks aufgefunden. Der Politiker, der den Kontakt mit dem Wahlvolk suchte, war wie üblich bis spät in der Nacht im Kiez unterwegs gewesen und hatte Handzettel verteilt. Offenbar wurde er von Joseph A., einem polizeibekannten, jedoch zu den Mitläufern zählenden Arbeitslosen aus der rechtsextremen Szene, in einen Hinterhalt gelockt und mit mehreren Messerstichen getötet. Obwohl Joseph A. in seiner Wohnung mit dem blutbeschmierten Messer in der Hand überrascht wurde, leugnet er die Tat. Er soll bei seiner Festnahme einen verwirrten Eindruck gemacht und unter Alkoholeinfluss gestanden haben.

Ein Mord im Hinterhof und der eigene Nachbar der Mörder, es lässt einen schaudern, sagt der Kellner und schüttelt sich. Man hätte selber zum Opfer werden können. Geheuer sei der Kerl ihm sowieso noch nie gewesen, man habe ihm die Gesinnung ja von weitem angesehen. Ein Glück, dass er so schnell gefasst worden sei. Mit der Tatwaffe in der Hand, als habe er auf seine Verhaftung gewartet. Wer weiß, was so einen treibt, dass er zum Verbrecher wird, sagt der Kellner. Aber um den sei es gewiss nicht schade. Erstaunlich nur, dass er jetzt hartnäckig leugne, wo doch alles offen auf der Hand liege. Es bleibt unter uns, was ich Ihnen jetzt erzähle, sagt er plötzlich mit gedämpfter Stimme und sieht sich um, als fürchte er einen ungebetenen Lauscher. Offiziell sei das nämlich nicht, und er müsse eigentlich Stillschweigen wahren. Aber der Mord habe für gewaltigen Wirbel gesorgt im Regierungsviertel, von nichts anderem sei dort mehr die Rede. Der Kerl behaupte nämlich, er habe das Messer in seinem Flur gefunden und das Blut habe er zuerst nicht gesehen. Er habe es aufgehoben, als er im Halbschlaf zur Wohnungstür gestolpert sei, weil es hartnäckig klingelte. Er wisse nicht, wie es da hingekommen sei. Es sei ihm Tage zuvor gestohlen worden, da habe er im Hinterhof seinen Rausch ausgeschlafen. In aller Herrgottsfrühe sei er aufgewacht und der Wohnungsschlüssel habe auf einer Mülltonne gelegen und das Messer sei weg gewesen. Glauben würde ihm das natürlich keiner, und Zeugen gäbe es nicht. Merkwürdig bei der ganzen Geschichte sei aber, und jetzt würde es interessant, dass in der Mordnacht tatsächlich einer in der Dunkelheit gewartet haben musste; der gespuckt habe wie ein Lama. Die Mülltonnen seien regelrecht zugespuckt gewesen, habe die Spurensicherung ergeben, und die Spucke stamme nicht von der Glatze.

Der Kellner schaut jetzt sehr nachdenklich. Das passt nicht zusammen, sagt er und wiegt den Kopf. Er sagt nicht, dass die da oben sehr zufrieden sind mit dem gefassten Mörder. Dass sie sogar so zufrieden sind mit ihm, dass die Untersuchungen eingestellt wurden. Gerade wegen des geheimnisvollen Spuckers. Weil es nämlich immer besser ist, wenn nicht zu lange im Trüben gefischt wird. Schon gar nicht vor den Wahlen. So manches könnte ans Tageslicht kommen, was besser im Dunkeln bleibt. Zum Beispiel, dass für den einen oder anderen der werten Herren der Tatort keine unbekannte Adresse ist. Dass er bis vor kurzem sogar eine hoch gehandelte Adresse war über die Grenzen der Parteizugehörigkeiten hinweg. Nein, das verrät der Kellner nicht. Stattdessen sagt er, bei ihm seien Geheimnisse sicher aufgehoben, wenn er wolle, und zwar bis zu seinem Tod. Das kommt halb verschwörerisch, halb drohend aus seinem Mund, dieses Bis-zu-seinem-Tod, und er sieht irgendwie verschlagen aus dabei. Und dann sagt er noch, er habe eine anstrengende Arbeit, und er müsse auf seine Gesundheit achten. Schließlich sei er nicht mehr der Jüngste. Da wäre es doch schön, wenn es einen gäbe, der sich ein wenig um ihn kümmere. Nach seiner Wäsche sähe zum Beispiel, und die Wohnung sauber halte, ab und zu ein paar Einkäufe tätige, vielleicht auch mal ein nettes Abendessen bereite, und natürlich die Schuhe putze, das sei überhaupt wichtig in seinem Beruf, immer glänzendes Schuhwerk. Er schaut schon wieder recht freundlich, als er das sagt.

Und Josch schluckt. Schluckt Speichel. Schluckt Eimer voll Speichel.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Fischer Taschenbuch Verlags.

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Platz 2 beim Agatha-Christie-Krimipreis. Veröffentlicht in der Anthologie "Gefährliche Gefühle"

Als wir das Krankenhauszimmer betreten, entzieht der Junge mir seine Hand und bleibt bei der Türe stehen. Der Geruch von Desinfektionsmitteln sticht in meiner Nase. Beatrice sieht aus wie eine wächserne Puppe. Ihr ausgemergelter Brustkorb wird von der Beatmungsmaschine gehoben und gesenkt. Sonst regt sich nichts an ihr.

Ich winke Benni zu mir: »Begrüße deine Mutter, mein Schatz!« Zögernd tritt er auf das Bett zu. »Hallo, Mutter.« Ich tätschele seinen Kopf. Benni verabscheut diese Besuche. Ich weiß das. Mir geht es genauso.

Ich rücke zwei Stühle ans Bett heran. Benni setzt sich und sieht bittend zu mir herauf: »Darf ich jetzt meinen Gameboy, Mama?« Ich lächle milde und ziehe das Gerät aus meiner Tasche. Während der Junge in andere Welten abtaucht, betrachte ich meine frühere Freundin.

Beatrice war das schönste Mädchen an der ganzen Schule. Groß gewachsen, schlank, mit langen braunen Haaren, die niemals unordentlich aussahen, und einem ebenmäßigen Gesicht. Ich hingegen war dicklich, mein Kraushaar nicht zu bändigen, und zu allem Überfluss saß ein mächtiges Kassenbrillengestell auf meiner Nase. Als ich in der Pubertät auch noch Pickel bekam, gelangte ich zu der Überzeugung, dass es sich nicht lohne, noch irgendwelche Anstrengungen in mein Äußeres zu investieren. Neben Beatrice war ich ohnehin für alle unsichtbar. Trotzdem fühlte ich mich wohl in ihrer Nähe. Die Tatsache, dass sie sich mit mir abgab, schmeichelte mir. In ihrem Schlepptau wurde ich zu Partys eingeladen, und manch ein Junge bemühte sich sogar um ein Gespräch mit mir, um Beatrice zu imponieren.

Meine Mutter war sehr stolz auf unsere Freundschaft, denn Beas Eltern waren »bessere Leute«, wie sie zu sagen pflegte. Beas Vater war leitender Bankangestellter, meiner bloß Kfz- Mechaniker.

Die Eltern von Beatrice hatten große Pläne mit ihrer Tochter. Sie sollte Jura studieren oder Medizin. Bea hingegen träumte von einer Karriere als Filmstar. Und ich ließ sie bei mir abschreiben, damit sie die Schule schaffte. Nach dem Abitur beschlossen wir, gemeinsam fortzugehen. Wir wollten raus aus dem Kleinstadtmief. Bea hatte sich heimlich bei verschiedenen Schauspielschulen beworben und einen Platz in Hamburg ergattert. Ich begleitete sie, und wir teilten uns eine kleine Wohnung. Ihre Eltern, denen sie weisgemacht hatte, sie würde Zahnmedizin studieren, überwiesen ihr regelmäßig Geld. Wir lebten ganz gut davon. Ich half Beatrice beim Auswendiglernen ihrer Texte, freute mich mir ihr über die ersten kleinen Erfolge und stand tröstend zur Seite, wenn mal etwas schief gelaufen war. Außerdem versorgte ich den Haushalt. Ich regte mich nicht darüber auf, wenn ihre langen Haare den Abfluss der Badewanne verstopften oder sie wieder einmal ihre schmutzige Wäsche auf dem Boden liegen ließ. Ich war einfach froh, bei ihr zu sein. Bea fing an, Männer mit nach Hause zu bringen. Schauspielschüler erst, später einige Dozenten. Sie verzogen sich in ihr Zimmer, wo ich sie kichern hörte. Oder stöhnen. Sie blockierten stundenlang das Badezimmer und hinterließen große Pfützen auf dem Fußboden. An diesen Tagen war ich Luft für Beatrice.

Wir wurden uns fremd. Sie kam immer seltener nach Hause, schlug sich die Nächte auf Partys oder in fremden Betten um die Ohren. Ich vermisste sie. Um mich abzulenken, begann ich ein Mathematikstudium.

Eines Tages brachte Bea Laurent Marceau mit nach Hause. Monsieur Marceau war ein Geschäftsmann aus Paris. Er leitete eine Textilfirma für Herrenmode. Sie hatten sich in einer Cocktailbar kennen gelernt. Laurent war Anfang vierzig, gut aussehend, reich und sehr charmant. Er war verheiratet, hatte eine Frau und zwei Töchter in Paris, was er »Beatriiiice«, wie er sie nannte, auch gleich in der ersten Nacht gestand. »Abär isch liebä nuur disch!!!«, fügte er hinzu.

Laurent kam alle drei Wochen für ein paar Tage vorbei. Er schenkte Bea teure Kleider und Schmuck, führte sie in die besten Restaurants aus, und einmal überraschte er sie sogar mit zwei Flugtickets nach Mailand, wo die beiden einen luxuriösen Kurzurlaub verbrachten.

Laurent ging davon aus, dass Beatrice die Pille nähme. Er fragte nie danach. Beatrice ging davon aus, dass wahre Liebe Früchte tragen sollte. So wurde Benni gezeugt. Als sie Laurent von der Schwangerschaft erzählte, schwankte er zwischen Freude und Bestürzung. Ob sie sicher sei, dass sie das Kind behalten wolle? Bea war sich sicher, so wie sie sich sicher war, dass Laurent eines Tages seine Familie in Paris verlassen und mit ihr zusammen leben würde.

Es ging ihr nicht besonders gut in der Schwangerschaft. Sie musste sich täglich übergeben, war gereizt und müde. Ich umsorgte sie. Wir verbrachten die Abende gemeinsam vor dem Fernseher, fütterten uns gegenseitig mit Pralinen und sahen uns kitschige Videofilme an. Sie ließ mich alle Anrufer abwimmeln. Es gab nur uns beide. Ich war selig.

Laurent überschüttete Bea mehr als zuvor mit teuren Geschenken, ließ aber andererseits immer mehr Zeit zwischen seinen Besuchen verstreichen. Er müsse vorsichtig sein, seine Frau sei misstrauisch geworden, erzählte er ihr. Sie glaubte ihm halbherzig.

Es wurde Winter, und Beas Gereiztheit schlug in depressive Verstimmungen um. War Laurent da, dann schrie sie ihn an, wenn er nicht bereit sei, seine Frau zu verlassen, könne er auch gleich verschwinden. War er nicht da, so heulte sie nach ihm.

Eines Tages kamen Beas Eltern, die noch immer alle Rechnungen bezahlten, überraschend zu Besuch. Der Zustand ihrer Tochter, die ganz offensichtlich weit davon entfernt war, als Zahnärztin Karriere zu machen, schockierte sie. Als Beatrice sie daraufhin hochkant aus der Wohnung warf, stellten sie die monatlichen Zahlungen mit sofortiger Wirkung ein.

Ich nahm einen Job als Hilfswissenschaftlerin bei der Uni an. Nächtelang saß ich vor dem Computer und erstellte Tabellen für meinen Professor, der mir dies mit einem knappen Nicken dankte. Da das Geld trotzdem nicht ausreichte, um uns beide zu finanzieren, stand ich außerdem frühmorgens auf und trug Zeitungen aus. Der Schlafmangel, die ungewohnten Anstrengungen und die ständige Sorge um Beatrice ließen mein Übergewicht verschwinden. Sie hingegen wurde immer runder. Der Bauch wuchs, und auch auf den Hüften und Oberschenkeln sammelten sich Fettpölsterchen an. Ich stand ihr trostspendend zur Seite und freute mich heimlich über jedes Pfund, das sie ansetzte.

Beatrice vernachlässigte ihr Aussehen. Ihre Haare wurden fettig, das Gesicht von der Schwangerschaft aufgequollen. Es war eigenartig, sie so zu sehen. Einerseits tat sie mir Leid, andererseits erfüllte mich ihr Anblick mit Genugtuung. Je mehr sie verkam, desto mehr blühte ich auf. Ich besorgte mir Kontaktlinsen und warf die alte Brille in den Mülleimer. Die Haare ließ ich mir glätten und probierte eine kastanienbraune Tönung aus. Bea überließ mir ihre zu eng gewordenen Klamotten, die tatsächlich passten wie angegossen. Plötzlich fanden die Männer mich attraktiv. Einen Kommilitonen, der sich besonders angestrengt um mich bemühte, ließ ich erst eine Weile zappeln und dann eiskalt abblitzen. Das Gefühl war unbeschreiblich. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Macht über andere.

Auch Laurent zeigte sich beeindruckt von meinem neuen Aussehen. Während ich zuvor ein Neutrum für ihn gewesen war und er allenfalls kumpelhaft mit mir gescherzt hatte, begann er nun, mit mir zu flirten. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, und nach kurzer Zeit gab ich seinem Werben nach. Beatrice war zum Glück zu sehr mit ihrem elenden Zustand beschäftigt, als dass sie es mitbekommen hätte.

Dann wurde der Junge geboren. Ich war bei der Geburt dabei, Laurent konnte erst zwei Tage später kommen. Ich erledigte alle Formalitäten. Beim Standesamt wurde der Vater als »unbekannt« eingetragen.

Ich holte Laurent am Bahnhof ab und gratulierte ihm zu seiner Vaterschaft. Auf der Fahrt im Leihwagen, den er wie immer gleich am Bahnhof geordert hatte, beendete er unser Verhältnis. Er hatte anscheinend etwas wie Verantwortungsbewusstsein Bea und dem Kind gegenüber entwickelt. Ich heuchelte Verständnis. Den Rest der Fahrt schwiegen wir. Es tat mir Leid, Laurent wieder abgeben zu müssen. Aber zum Trauern blieb mir nicht viel Zeit, weil ich jetzt das Baby umsorgen musste. Bea war von Bennis Ansprüchen völlig überfordert. Sie hatte keine Übung darin, sich um jemand anderen als sich selbst zu kümmern. Also nahm ich das in die Hand. Stundenlang trug ich den schreienden Säugling nachts durch die Wohnung und sang ihm Lieder vor, damit er sich beruhigte. Ich war glücklich. Benni brauchte mich. Als das Baby drei Wochen alt war, kam Laurent zum nächsten Besuch. Er hatte Champagner mitgebracht und überraschte uns mit der Idee, eine kleine inoffizielle Tauffeier zu veranstalten. Bea lud ein paar frühere Schauspielfreunde ein. Ich rief den Kommilitonen an, den ich hatte abblitzen lassen. Er freute sich über die Einladung.

Wir schmückten die Wohnung mit Luftballons und Girlanden wie zum Kindergeburtstag. Nachdem alle versammelt waren, erhob Laurent sein Glas und hielt eine feierliche Ansprache auf seinen Sohn, die er mit den Worten »Isch taufe disch iermit auf den Naam Bendschamään!« abschloss. Dann goss er dem Baby das halbe Glas Champagner über den Kopf. Nachdem Bennis empörtes Schreien abgeebt war, wandte Laurent sich mir zu. Er erzählte allen, wie aufopfernd und fürsorglich ich mich um Bea gekümmert habe, besonders in den schweren Zeiten der Schwangerschaft, und dass es Beatrice und ihm eine große Freude sei, mich zur Taufpatin des Kindes zu ernennen. Sollte ihnen beiden jemals etwas zustoßen, dann wäre Benni bei mir in den besten Händen. Sie umarmten mich, und Bea ließ sich sogar zu einem »Vielen Dank für alles!« hinreißen, was mich zu Tränen rührte.

Dann kündigte Laurent eine weitere Überraschung an. Er überreichte Bea feierlich einen Stadtplan, auf dem er an einer Stelle ein kleines Kreuz eingezeichnet hatte. Dort befände sich eine Wohnung, die er für sie gekauft habe. Dazu gab er ihr den passenden Schlüssel. Wir machten uns alle gleich auf den Weg zur Besichtigung. Es war eine hübsche Dachgeschosswohnung mit Blick auf die Elbe. Bea war überwältigt vor Glück und begann sofort, ihren Umzug zu planen. Die Wohnung befand sich in einem anderen Stadtteil, was bedeutete, dass ich von Bea und Benni getrennt wurde. Das musste Laurent so beabsichtigt haben. Er wollte mich ausbooten. Bea erholte sich schnell von der Schwangerschaft. Sie wurde entspannter, was ihre Schönheit wieder zum Vorschein kommen ließ. Sie schien auch gereift zu sein, war weniger ungeduldig und nicht mehr so schnippisch wie früher. Kein Wunder also, dass Laurent seine Liebe zu ihr neu entdeckte. Das führte dazu, dass er ihr in einem Anfall von Reue gestand, sie mit mir betrogen zu haben. Beatrice tobte vor Wut, wobei ihr Zorn sich gar nicht so sehr gegen ihn, sondern vor allem gegen mich richtete. Sie brach jeden Kontakt mit mir ab.

Ich habe gelitten wie noch nie. Den ganzen Tag über saß ich in der einsamen Wohnung und dachte an Bea und Benni. Mein Leben kam mir ohne sie plötzlich so leer und sinnlos vor. Ich vernachlässigte meine Jobs, vernachlässigte mich selbst. Wenn ich es daheim nicht mehr aushielt, ging ich zu Beas Haus und starrte stundenlang auf die Eingangstür, in der Hoffnung, sie und das Baby wenigstens aus der Ferne zu Gesicht zu kriegen. Begegneten wir uns tatsächlich, dann drehte Beatrice sich demonstrativ weg.

Und während ich mir noch Vorwürfe machte und vor Kummer nichts essen wollte, ging ganz langsam eine Veränderung in mir vor. Die Zuneigung und Bewunderung, die ich Bea all die Jahre über entgegengebracht hatte, erlosch. Ich musste mir eingestehen, dass sie eigentlich nichts weiter als ein egoistisches, selbstherrliches Miststück war. Trotzdem schrieb ich ihr weiterhin lange Briefe, in denen ich sie um Verzeihung bat. Aber das tat ich nur, um Benni wieder zu sehen. Er war der Einzige, nach dem ich mich noch sehnte.

So vergingen mehrere Monate. Eines Tages rief Beatrice bei mir an. Sie sei zwar noch immer nicht über den Vertrauensbruch hinweg, den ich ihr angetan hätte, aber sie wolle einmal Gnade walten lassen. Ich musste mir noch etliche Vorwürfe anhören, ehe sie mit ihrem Anliegen herausrückte. Sie und Laurent hätten vor, das Wochenende an der Nordsee zu verbringen. Ohne Benni. Da ihre Eltern noch immer nichts mit dem Enkelkind anzufangen wüssten und sonst auch niemand als Babysitter infrage käme, wolle sie mir diese Chance zur Wiedergutmachung geben. Ich willigte sofort ein. Bis zum Wochenende blieben noch ein paar Tage Zeit. Ich freute mich wahnsinnig darauf, Benni endlich wieder in den Armen halten zu dürfen. Ich vermisste seinen Geruch, seine Nähe, sogar sein Geschrei. Und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als ihn immer bei mir haben zu können. Das brachte mich auf eine Idee.

Ich wusste, dass Laurent schon am Freitagabend ankommen sollte. Kurz nach Mitternacht machte ich mich auf den Weg zu Beas Haus. Ich musste ein wenig suchen, ehe ich den Mietwagen entdeckte. Er war in einer Seitenstraße geparkt. Mit einer kleinen Taschenlampe zwischen den Zähnen kroch ich rücklings unter den Wagen. Nicht umsonst hatte ich früher manchmal in der Werkstatt meines Vaters ausgeholfen. Mein Herz schlug bis zum Hals, als ich die Schrauben der Bremshydraulik löste.

Am nächsten Morgen kam ich pünktlich vorbei, um Benni zu übernehmen. Ich sollte mit ihm in seiner vertrauten Umgebung bleiben, auch wenn es Bea bestimmt nicht leicht fiel, mir die Wohnung zu überlassen. Benni brauchte ein wenig Zeit, um sich wieder an mich zu gewöhnen. Dann aber lächelte er mich an, und die beiden machten sich auf den Weg. Wir verbrachten einen schönen Tag, obwohl ich eine gewisse innere Unruhe kaum unterdrücken konnte. Immer wieder starrte ich auf das Telefon. Als Beatrice abends anrief und fragte, wie es mit Benni gelaufen sei, wusste ich nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte.

Die Bremsen versagten erst am nächsten Tag, auf der Rückfahrt. Der Wagen raste gegen einen Betonpfeiler. Laurent war sofort tot.

Fünf Jahre ist das her. Seitdem komme ich mit Benni zweimal die Woche ins Krankenhaus. Mittlerweile sind wir die Einzigen, die noch regelmäßig vorbeischauen. Ein Richter hat mir Bennis Pflegschaft übertragen. Alle, die damals bei der Tauffeier anwesend waren, konnten bestätigen, dass dies in Beas Sinne gewesen wäre.

Der Junge schaut von seinem Spiel auf. »Können wir jetzt gehen?« Ich nicke, und gemeinsam verlassen wir den Raum.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Fischer Taschenbuch Verlags.

Die Patin

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