CSI - Tödlicher Irrtum

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • New York: Pocket Star Books, 2004, Titel: 'CSI: Grave Matters', Seiten: 324, Originalsprache
  • Köln: vgs Egmont, 2005, Seiten: 308, Übersetzt: Frauke Meier

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Michael Drewniok
Das meint Krimi-Couch.de: Ein seltener Fall wandernder Wüstenleichen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2006

An zwei Fällen arbeitet das bewährte ”Crime Scene Investigation”-Team (CSI) dieses Mal. Gil Grissom, der Chef, und seine Kollegen Sara Sidle und Nick Stokes bearbeiten gemeinsam mit Captain Jim Brass vom Las Vegas Police Department das seltsame Verschwinden der Rita Bennett. Die reiche Autohändlerin ist vor einem Vierteljahr gestorben und wurde nach Ansicht der Tochter von ihrem Lottergatten umgebracht. Eine Exhumierung sollte Klärung bringen. Statt dessen fand sich in Ritas Sarg eine fremde Leiche: Kathy Dean, gerade 19 Jahre alt, wurde ganz sicher ermordet, denn in ihrem Hinterkopf findet der aufmerksame CSI-Pathologe Robbins ein Einschussloch.

Wie wurden die Leichen vertauscht? Die Vorschriften für das Bestattungswesen sind in Las Vegas streng. Entweder ist die Tat auf dem Friedhof oder im Bestattungsinstitut begangen worden. An beiden Stätten streitet man eine Schuld natürlich energisch ab. Doch die CSI-Mannschaft erkennt eine Verbindung zwischen der verstorbenen Kathy Dean und dem aalglatten Dustin Black, dem Leiter der "Desert Haven Mortuary”. Mann und Mädchen kannten sich, was Black den Ermittlern verschwieg. Nachdem eine Untersuchung der Leiche ergab, dass Kathy zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger war, erregt dieses Verhalten Verdacht und bedingt intensive Nachforschungen ...

Die Alten, die Toten und die Gleichgültigen

Catherine Willows und ihre Mitarbeiter Warrick Brown werden ins "Sunny Day”-Alten- und Pflegeheim gerufen. Dort ist die 71-jährige Vivian Elliott einem Herzanfall zum Opfer gefallen. Dem Leichenbeschauer David Phillips kommt dies seltsam vor, denn Vivian befand sich nach gar nicht so schwerer Krankheit auf dem Weg der Besserung. Doch im "Sunny Day” hat sich die Sterblichkeitsrate unter den Insassen nach Phillips’ Ansicht seit einigen Monaten ohnehin allzu drastisch erhöht. Geht etwa ein "barmherziger Engel” um, der die Alten und Kranken von ihren Leiden "erlösen” will? Diese Frage muss dringend geklärt werden, denn genaue Nachforschungen ergeben, dass bisher mehr als zwanzig alte Männer und Frauen unter verdächtigen Umständen zu Tode kamen ...

Das Buch zum Film, den es nicht gibt

Eine unverzichtbare Eigenschaft moderner TV-Erfolgskrimis scheint die liebevoll geschilderte Detailarbeit von Pathologen, Forensikern und anderen Skalpell schwingenden Ermittlern zu sein, die jene Lücke füllen, die ihnen der keuchende Durchschnittsplattfuß mit oder ohne Uniform, einst unumstrittener Held des Genres, inzwischen räumen musste. Neben dem Grauen durchschnittener Hälse und säuregetränkter Moorleichen ist aber auch Geist noch geil. Also verbindet man das eine mit dem anderen und erhält: die Männer & Frauen vom CSI, die seit 2000 und inzwischen in drei Städten (weitere Ableger sind möglich) ihrem Job nachgehen.

Zum flankierenden Marketing des CSI-Franchises gehören die Romane zur Serie, die kurioserweise nicht wiederholen, was über den Bildschirm läuft, sondern gänzlich neue Fälle bieten. Die bewegen sich ein gutes Stück über dem generell niedrigen Niveau des "tie-in”-Romans, der normalerweise als reines Zusatzgeschäft betrachtet wird. Mit Max Allan Collins hat man sich außerdem einen echten Profi ins Boot geholt, der sowohl als Verfasser "richtiger” Krimis als auch als Unterhaltungsveteran für Film, Fernseh und Comic Talent und Arbeitstempo unter Beweis gestellt hat. Folgerichtig lassen sich Collins’ CSI-Romane in der Regel erstaunlich gut lesen. Noch besser: Die Ausnahme von dieser Regel sind Werke wie dieses, die das vorgegebene Korsett der TV-Vorlage sowohl beachten als auch erweitern: "Tödlicher Irrtum” ist fast schon ein "richtiger” Kriminalroman.

Das liegt an Collins’ Entscheidung, dieses Mal auf vordergründige Action bis zur obligatorischen Schlussabrechnung fast vollständig zu verzichten. Statt dessen wählt er (buchstäblich) eher ruhige Handlungsorte: einen Friedhof, ein Bestattungsinstitut, ein Altenheim. Die Art der hier begangenen Verbrechen ist "anders” als im sonst gern ins Visier genommenen Rotlichtmilieu von Las Vegas mit seinen Dealern, Nutten und anderen kriminellen Paradiesvögeln.

Anders - aber nicht weniger brutal, denn hier trifft es diejenigen, die sich nicht mehr wehren können. Im Altenheim sind die hilflosen Bewohner einem skrupellosen Killer ausgeliefert. Weil er kontrolliert vorgeht, merkt allzu lange niemand, was vorgeht, denn in einem Altenheim - das hört das CSI-Team immer wieder - ist es schließlich normal, dass die Leute sterben. Das Bestattungswesen profitiert wiederum vom Tabu, das den Tod umgibt. Im Umfeld von Trauer und weihevoller Bestattungsrituale  traut man sich nicht unbequeme Fragen zu stellen. Mögliche Verbrechen werden im wahrsten Sinn des Wortes begraben.

Streng in der Rolle und doch etwas freier

Die weitgehende Abwesenheit von Verfolgungsjagden und ausgewalzter Gewalt bekommt der Story erstaunlich gut. Da ist zum einen ein Ausgleich in Gestalt sorgfältig recherchierter Tatort- und Laborermittlungen, die auch ein Standbein der TV-Fassung bilden. Collins verfügt darüber hinaus als Schriftsteller über das Format Hauptfiguren zu schildern, welche die Story tragen. Wir erleben die CSIler dieses Mal deutlich "privater” als sonst; sie geben mehr von sich preis, bleiben aber jederzeit in ihren "Rollen”, die man aus dem Fernsehen kennt, schätzt und nicht grundlegend verändert sehen möchte.

Natürlich dominiert über weite Strecken die Routine; ein Autor, der so fleißig schreibt wie Collins, muss zu den Tricks seines Handwerks greifen. Auch in diesem Punkt ist er freilich geschickter als die Mehrzahl seiner Kolleginnen und Kollegen. Nur manchmal übertreibt er es: mit dem als Zynismus getarnten Weltschmerz, der wie eine Wolke über Captain Brass hängt; mit der permanenten Arbeitsüberlastung, welche Grissom & Co. dort hält, wo sie ohnehin am liebsten sind - im düsteren Hightech-Festung der CSI-Zentrale, wo immer neues Spielzeug darauf wartet ausprobiert zu werden; mit dem ewigen Konflikt zwischen den hehren Anwälten der mysteriös zu Tode Gekommenen und ihren publicitygeilen Vorgesetzten, welche ihnen fast reflexartig Knüppel zwischen die Beine werfen; mit theatralisch leidenden Angehörigen, Freunden und Arbeitskollegen, die nie etwas wissen, und Zeugen, die nie etwas bemerkt haben.

Besonders dankbar muss Collins für die Figur des Gil Grissom sein. Sie lässt sich ohne großen Aufwand pflegen. Grissom muss kühl und undurchschaubar bleiben, obskure aber geniale Ermittlerschlichen ausbrüten und sich hin & wieder in kryptischen Andeutungen ergehen. Erstaunlicherweise führt diese Beschränkung dazu, dass Grissom von allen auftauchenden Figuren am besten "funktioniert”. Was ihn - möglicherweise - umtreibt, muss sich der Leser selbst vorstellen; ein altes literarisches Prinzip, das weiterhin seine Geltung behalten hat.

Insgesamt schafft es Collins einmal mehr einem Produkt für die Unterhaltungsindustrie ein Profil aufzuprägen. "Tödlicher Irrtum” ist federleichte Kriminallektüre mit einigen gut geplanten, tückischen Untiefen, auf die der allzu arglose Leser auflaufen kann. Das Buch stellt sie nichtsdestotrotz alle zufrieden - die Unglücklichen, denen die TV-Serie unbekannt ist, und die Kenner, welche die Augen schließen und die beschriebenen Szenen vor dem inneren Auge ablaufen lassen können.

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