Wenn es Nacht wird in Tokio

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2005
  • 3
  • New York: W. W. Norton, 2004, Titel: 'Country of Origin', Seiten: 315, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2005, Seiten: 376, Übersetzt: Renate Reinhold
Wenn es Nacht wird in Tokio
Wenn es Nacht wird in Tokio
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Eva Bergschneider
78°1001

Krimi-Couch Rezension vonJan 2006

Auf der Suche nach Identität im rätselhaften Japan

Der Newcomer Don Lee veröffentlichte im Jahr 2001 "Yellow", ein Buch mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Leben der Asiaten in der "weißen" Gesellschaft Amerikas beschäftigen. Für seinen ersten Kriminalroman "Wenn es Nacht wird in Tokio" erhielt Don Lee den diesjährigen Edgar Allan Poe Award in der Kategorie "Best First Novel", ein Preis der als absolutes Gütesiegel gilt. Es stellt sich die Frage, ob es dem Autor gelungen ist einen Kriminalroman zu verfassen, der dem Leser glaubhaft Einsicht in die asiatische Lebensart vermittelt und außerdem spannende Unterhaltung bietet.

Eine Geschichte aus drei Perspektiven und..

Tokio 1980: Während die Welt gebannt das Schicksal der amerikanischen Geiseln im Iran verfolgt, bearbeitet Tom Hurley,  amerikanischer Botschaftsangestellter in Tokio und Opportunist, die Vermisstenanzeige von Susan Countryman aus Richmond/Virginia, die ihre Schwester sucht.

Die Bearbeitung des Falls Lisa Countryman geht eher lustlos voran. Tom geht davon aus, dass das Mädchen freiwillig abgereist ist und wendet sich lieber anderen Interessen, Sport und den Frauen, zu. Die Bekanntschaft mit Julia ändert Toms Einstellung zu dem Fall, offensichtlich interessiert sie sich für das Schicksal der jungen Amerikanerin und er hat nun einen Grund, die Suche etwas engagierter anzugehen. Die Affäre mit Julia verlangt ihm einiges mehr ab, als er eigentlich zu geben vorgesehen hatte. Toms Neigung, den Konsequenzen eigener Fehler aus dem Weg zu gehen, treibt ihn zunehmend in die Enge. Welches Spiel spielt Julia mit ihm und was hat das alles mit der verschwundenen Amerikanerin zu tun?

Kenzo Ota, Kriminalassistent und Neurotiker bearbeitet den Fall bei der Tokioter Polizei. Er ist seit 14 Jahren geschieden, ein einsamer Außenseiter, der aufgrund von Geräuschen aus dem Kühlschrank das Appartement wechselt, um sich anschließend bei seiner Vermieterin über Sex-Laute aus der Nachbarwohnung zu beschweren.

Kenzo hat einen Teil seiner Kindheit in den Staaten verbracht. Nach seiner Rückkehr nach Japan fiel es ihm schwer, im japanischen Schulsystem wieder Fuß zu fassen. So wurde aus ihm ein eher mittelmäßiger Polizeibeamter, dem Erfahrungen mit den Amerikanern nachgesagt werden. Kenzos Motivation sich in dem Fall mehr als gewöhnlich zu engagieren, ist dem Umstand zuzuschreiben, dass ihm sein Chef im Büro einen Fensterplatz zugewiesen hat, was einer Degradierung gleichkommt. Hartnäckig folgt Kenzo den Spuren aus dem Leben der Amerikanerin in das bizarre Nachtleben Tokios und erlebt hautnah ein Japan jenseits der Norm.

Lisa Countryman kommt nach Tokio, um ihre Herkunft zu erforschen. Sie wurde als vierjähriges Mädchen aus einem Waisenhaus von einem afro-amerikanischem Ehepaar adoptiert, dass am Militärstützpunkt Yokohama stationiert war.  Sie weiß nur, dass ihre leibliche Mutter Japanerin und ihr Vater zumindest teilweise afro-amerikanischer Abstammung war. Lisas Adoptiveltern nehmen sie zu diversen Militärstützpunkten mit ehe sie schließlich in Norfolk/Virginia ihren Highschool-Abschluss macht, um in Berkeley Kulturantropologie zu studieren. In Tokio gibt Lisa vor, Recherchen für ihre Dissertation durchzuführen. Sie versucht zunächst als Englisch-Lehrerin zu arbeiten und landet schließlich als Hostess im Tokioer Rotlichbezirk. Die Erforschung ihrer Herkunft führt Lisa in ein dunkles Kapitel der japanischen Geschichte.

... in zwei Zeitebenen erzählt

Der Roman wird abwechselnd aus den drei beschriebenen Perspektiven erzählt.

Lisas Geschichte beginnt am Schluss, Anfang Juli 1980, macht dann einen Sprung zurück zu März und schildert dann ihre Zeit in Tokio. Tom und Kenzos Geschichten beginnen ebenfalls im Juli und beschreiben chronologisch die Bearbeitung des Falls und die Geschehnisse in beider Männer Leben. Dieser Wechsel zwischen den Perspektiven und Zeitsträngen ist vor allem am Anfang etwas schwierig nachzuvollziehen, hat aber durchaus seinen Reiz, da zum Ende die Ereignisse in allen Handlungssträngen komplexer werden, sich gegenseitig immer mehr  beeinflussen und ineinander verzahnen. Obwohl der Leser das Ende schon kennt, wird so ein gut konstruierter Spannungsbogen mit einigen Überraschungsmomenten geschaffen, der eine ganz eigene Anziehungskraft ausübt.

Suche nach Identität

Die Suche nach der eigenen Identität verbindet die drei Hauptcharaktere und zieht sich als roter Faden durch den Roman. Tom ist halb Amerikaner und halb Koreaner, gibt sich aber immer als Hawaianer aus, was für ihn der einfachste Weg ist, trotz des asiatischen Aussehens als Amerikaner anerkannt zu werden. Um das zu erreichen, nimmt Tom es mit der Wahrheit nicht so genau und geht stets den Weg des geringsten Widerstandes.

Kenzos dringendstes Anliegen ist es, in der homogenen Gesellschaft der Japaner  als "normal" anerkannt zu werden. Auffälligkeit und Individualismus sind ihm zutiefst suspekt, unter seinem Verdacht anders zu sein, leidet Kenzo noch mehr als unter seiner Einsamkeit.

Lisas dunkle Hautfarbe verblasste mit den Jahren, was dazu führte, dass sie sich der afro-amerikanischen Umgebung ihrer Eltern nicht wirklich zugehörig fühlte. Nach dem Tod ihrer Adoptiveltern lernte sie Japanisch und ging nach Tokio, voller Hoffnung ihre Wurzeln und einen neuen Anfang zu finden.

Alle drei Hauptpersonen machen sehr unterschiedliche und ebenso faszinierende Entwicklungen durch. Dabei begegnen sie dem Gesicht hinter der Fassade der japanischen Konformität, lernen damit umzugehen oder zerbrechen daran.

Düster und faszinierend zugleich

Der Roman ist in einer sehr düsteren, teilweise unheimlichen Atmosphäre gehalten, hat aber auch seine exotisch schönen und skuril humorvollen Momente.

Als spannenden Thriller kann man Don Lees "Wenn es Nacht wird in Tokio" nicht gerade bezeichnen. Die Schicksale der Protagonisten und die Verkettung der Handlungsstränge durch Manipulation und Betrug zu verfolgen, ist dennoch wirklich faszinierend. Die Personen werden differenziert und psychologisch ausgefeilt charakterisiert. Die Geschichte ist, trotz einiger fremdartiger Elemente,  glaubwürdig und authentisch konstruiert und beinhaltet einige ziemlich unerwartete Entwicklungen.

Don Lee hat als koreanisch-stämmiger Amerikaner einen sehr kritischen Blick auf die japanische Gesellschaft geworfen, der sich mit Rassismus, Menschenrechten und der japanischen Legislative auseinander setzt. Es gelingt ihm dabei, die Denk- und Lebensweise der Japaner realistisch zu vermitteln und sie der westlichen Struktur gegenüber zu stellen.

Wenn es Nacht wird in Tokio

Don Lee, Goldmann

Wenn es Nacht wird in Tokio

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