Kennedys Hirn

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Leopard, 2005, Titel: 'Kennedys hjärna', Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2006, Seiten: 5, Übersetzt: Axel Milberg
  • München: dtv, 2008, Seiten: 396
  • München: dtv, 2010, Seiten: 398
  • München: Der Hörverlag, 2011, Seiten: 5, Übersetzt: Axel Milberg

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Peter Kümmel
Zu viele Fragen, zu wenig Antworten

Buch-Rezension von Peter Kümmel Dez 2005

Die typische Schreibweise von Mankell mit seinen kurzen prägnanten Sätzen ist auf Anhieb erkennbar, und es dauert nur wenige Seiten, bis einen die Faszination, die von den Romanen des schwedischen Autors ausgeht, gepackt hat.

Eine Frau als Protagonistin ist selten bei Mankell: Louise Cantor ist 54 Jahre alt und Archäologin. Die Schwedin, zur Zeit bei Ausgrabungsarbeiten in Griechenland tätig, ist auf dem Weg in ihre Heimat, wo sie einen Vortrag halten soll. Sie freut sich schon darauf, ihren Sohn Henrik zu besuchen, der in Stockholm lebt. Doch als sie ihn in seiner Wohnung aufsuchen will, findet sie ihn tot im seinem Bett. Louise kann nicht fassen, was passiert ist und ist am Boden zerstört. Trauer, Verzweiflung, Entsetzen - keiner kann diese menschlichen Tiefpunkte so hautnah vermitteln wie Mankell.

Für Louise Cantor ist von Anfang an klar: Henrik ist umgebracht worden. Wieso sonst soll ein junger Mann, der nie krank gewesen ist, tot in seinem Bett liegen? Das Ergebnis der Obduktion lässt lange auf sich warten - und ergibt, dass Henrik an einer Überdosis Schlafmittel gestorben ist. Die Polizei schließt den Fall als Selbstmord ab. Aber die Polizei hat nicht den Instinkt einer Mutter und weiß auch nicht, was Lousie weiß: Henrik hat immer nackt geschlafen. Wenn er nun mit einem Schlafanzug bekleidet aufgefunden wird, dann muß ein Fremder seine Hand im Spiel gehabt haben.

Ein Leben wird nachvollzogen

Mit den Dingen, die Louise in Henriks Wohnung findet, kann sie wenig anfangen. Mappen mit mysteriösen Schriftstücken, Zeitungsausschnitte und ähnliches. Briefe von schwarzen Frauen, die sterbenskrank sind. Artikel über das Gehirn des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, das nach dessen Obduktion angeblich verschwunden ist. Alles Dinge, für die Louise keine Erklärung hat.

Henriks Vater Aron, Louises geschiedener Mann müsste benachrichtigt werden. Doch niemand weiß, wo er zu finden ist. Sein letztes Lebenszeichen kam aus Australien. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion fliegt Louise nach Sydney, wo ihr der Zufall hilft und sie Aron schnell entdeckt. Gemeinsam versuchen die beiden nun Henriks Leben zu verfolgen. Eine Information führt sie nach Barcelona, wo Henrik offenbar eine Wohnung besaß. Die Figur des Henrik, der nie als Lebender in der Handlung auftreten durfte, wird zur zweiten Hauptperson. Überall ist seine Gegenwart spürbar. Die Plätze, die Louise aufsucht, sind die gleichen, an denen ihr Sohn gewesen ist. Die Personen, die ein Rolle spielen, haben Henrik gut gekannt.

Nach und nach merkt Louise, wie wenig sie überhaupt von ihrem Sohn wusste. Es entwickelt sich nun eine Art Schnitzeljagd, die ihre Hinweise mehr oder weniger aus einzelnen hingeworfenen Brocken bezieht, die tröpfchenweise kommen, wenn sich sonst nichts mehr fortbewegt. Jede Person, die etwas weiß, gibt von ihrem Wissen immer nur so viel preis, dass sich damit wieder ein paar Seiten füllen lassen. Genau wie in ihrem Beruf als Archäologin muß Louise die einzelnen Scherben, die sie findet, zu einem Ganzen zusammensetzen. Manchmal gelingt dies, so daß nur wenige Bruchstücke fehlen, doch ab und zu sind eben nur einzelne Fragmente von einem ehemals Ganzen übrig geblieben.

Mankell übertrifft sich selbst in Melancholie

Ein Buch, das wirklich spannend beginnt und genügend Potential bietet für einen atemberaubenden Thriller. Die zahlreichen Schauplätze der Handlung sind grandios und könnten unschiedlicher nicht sein. Wer alle Orte des Geschehens noch einmal Revue passieren lassen möchte, der findet sie auf Seite 392 explizit aufgelistet. Doch je mehr Louise in der Welt umherirrt und je mehr Fragen auftauchen, um so mehr verflacht die Handlung. Gedanken der Protagonistin werden immer wieder als einzelne Absätze eingeschoben und ziehen die Story künstlich in die Länge. Trauer als Stilmittel über die gesamte Strecke eines Romans hinweg - das wird für jeden Leser irgendwann zu viel.

Nach und nach schläfern die unnatürlichen Dialoge ein. Die interessanten Charaktere vom Anfang des Buches (Aron und Louises Vater Artur) müssen leblosen Figuren weichen, die so schnell wieder verschwinden wie sie aufgetaucht sind und mit nichtssagenden Phrasen um sich werfen. Figuren, die man in dieser Art und Weise von Mankell gar nicht kennt.

Melancholische, depressive, sensible Bücher schreiben - darin übertrifft sich Henning Mankell eigentlich nur selber. In "Kennedys Hirn" verbindet er seine bisherigen schriftstellerischen Tätigkeitsfelder Schweden und Afrika, vereinigt Verbrechen mit sozialkritischen Betrachtungen. Da Mankell selber in Maputo lebt, kann man von einer realistischen Beschreibung der erschreckenden Zustände in Mozambique ausgehen. Auch die skandalösen Dinge, die in den verborgenen Laboratorien geschehen, könnten durchaus wahr sein, obgleich sie in diesem Roman Fiktion sind. Leider fehlen Angaben über Fakten, die als historisch verbürgt erscheinen sollen, im Nachwort.

Ein Flop für den typischen Wallander-Leser

Dieses Nachwort des Buches sollte man zuerst lesen, um die Intention des Autors zu verstehen. Es dämpft apriori hohe Erwartungshaltungen. Alleine der Satz "Ein Roman kann auf Seite 212 oder 397 enden, doch die Wirklichkeit geht unvermindert weiter" trifft es leider auf den Punkt: Man hat wirklich nichts verpasst, wenn man das Buch nicht zu Ende liest. Mankell darf sich gerne seinen Zorn von der Seele schreiben. Mit den Machenschaften, die er beschreibt, hat er sicher auch den Zorn bei dem ein oder anderen Leser geweckt, doch sollte ein im Zorn geschriebenes Buch nicht den Zorn des Lesers über dieses Buch hervorrufen. Eine schriftstellerisch gute Leistung wie in seinen Afrikaromanen, wie in seinem letzten Roman "Tiefe" kann ich Henning Mankell hier leider nicht zugestehen. Ein Plot, in dem einzelne Fragen offen bleiben, mag Sinn machen. Nicht immer ist alles zu erklären, gerade wenn es um Verschwörungstheorien in großem Ausmaß geht. Wenn jedoch so gut wie alle Fragen ungeklärt bleiben, dann ist das für den Leser allen guten Absichten zuwider schlicht und einfach unbefriedigend.

"Kennedys Hirn" wird sicher seine Liebhaber finden. Nur sollte man vor dem Lesen des Romans wissen, was man davon erwartet. Für den typischen Krimileser, der Wallander will, ist das Buch eindeutig ein Flop. Wer Mankells Afrikaromane liebt, der könnte schon eher daran Gefallen finden. Wem es aber reicht, auf ein interessantes Thema gestossen zu werden, gute Ansätze vorgelegt zu bekommen, über die man selber nachdenken kann, wer gerne in fremde Kulturkreise eintaucht und ein Freund von traurigen Büchern ist, der kann hier bedenkenlos zugreifen.

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