Das schwarze Blut

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Paris: Albin Michel, 2004, Titel: 'La Ligne Noire', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Joachim Kerzel
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2008, Seiten: 541
  • Köln: Bastei Lübbe, 2011, Seiten: 541

Couch-Wertung:

80°
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Lars Schafft
Ein phantastischer Thriller, der über 500 Seiten absolut zu Schaudern lehrt!

Buch-Rezension von Lars Schafft Nov 2005

Dass der Franzose Jean-Christophe Grangé zu den ganz Großen der aktuellen Thriller-Szene gehört, steht außer Frage. Schon sein Erstling, Der Flug der Störche, beindruckte durch beinharte Action, außergewöhnliche Schauplätze und eine immense Spannung. Die purpurnen Flüsse, Der steinerne Kreis und Das Impererium der Wölfe standen dem in nichts nach.

Doch war in allen seiner Romanen eine Schwäche mehr als deutlich: Grangé kriegt einfach keinen überzeugenden Schluss hin. Zu abgedreht wie im Showdown des Steinernen Kreis, etwas wirr wie bei den Purpurnen Flüssen. Deswegen war die Frage bei seinem neuen Werk, Das schwarze Blut, folglich gar nicht mal, ob er mit seinem Plot fesseln, sondern ob er ein glaubwürdiges Finale finden kann. Um es vorweg zu nehmen: Nein. Wieder einmal eine Wendung zuviel, die zwar überraschen, aber nicht wirklich überzeugen kann. Bis dahin ist dem Franzosen aber ein bemerkenswerter Roman geglückt.

Ein abgetauchter Serienmörder 

Im Dschungel Südostasiens wird der berühmte Freitaucher Jacques Reverdi festgenommen, völlig benommen in einer kleinen Hütte, die förmlich mit Blut überschwemmt ist. Ganz offensichtlich ein bestialischer Mord, den Reverdi begangen hat. Die Leiche neben ihm legt ein stummes Zeugnis seiner Greueltaten ab. Im Gefängnis in Malaysia wartet Reverdi, dem noch weitere Morde angekreidet werden, auf seinen Prozess und die kaum vermeidbare Hinrichtung.

Ortswechsel. Paris. Hier wohnt und arbeitet der Krawall-Reporter Marc Dupeyrat, ein Ass auf seinem Gebiet. Serienmörder sind sein ganz besonderes Faible und Reverdi die große Geschichte. Doch wie soll er an den Killer herankommen, der jedes Interview, jede Nachfrage konsequent verweigert? Der Geistesblitz: Dupeyrat will ihm schmeicheln und da Reverdi ein bekannter Gigolo ist, versetzt sich der Pariser Journalist in die junge und selbstverständlich absolut fiktive Studentin  Elisabeth und beginnt, dem Mörder im malayischen Knast Briefe zu schreiben. Und tatsächlich: Reverdi steigt ein, lotst "Elisabeth" von Paris auf die "schwarze Linie", die er in ganz Südostasien gezogen hat und die ein blutiges Ritual nach dem anderen ziert.

Dupeyrat recherchiert so im Länderdreick Thailand-Kambodscha-Maylasia und wittert den großen Coup: Was keiner bisher verstanden hat - warum Reverdi seine Opfer ausbluten lässt, was ihn dazu treibt -, wird dem Journalisten immer deutlicher. Und dabei verschwimmt vor seinen Augen, in welcher Gefahr er schwebt. Ein Reverdi hinter Gittern, kurz vor der Hinrichtung, lässt sich nicht so leicht hintergehen. Und die Rache droht blutig zu werden...

Eine latente, brodelnde Spannung 

Obwohl der ganze Plot ein bisschen an den Dialog zwischen Hannibal Lecter und Clarice Starling aus Das Schweigen der Lämmer erinnert - Reverdi ist wie Lecter zwar ein Serienmörder, der vor keiner Abscheulichkeit zurückschreckt, aber eben auch wahnsinnig intelligent - weiß Grangés Das schwarze Blut zu gefallen. Von Kapitel zu Kapitel brodelt eine latente Spannung, die auf ihre Eruption wartet. Ein Thrill, der das Buch zu einer wahrlich ungemütlichen Lektüre werden lässt. Das ist ganz großes Psycho.

Die exotischen Schauplätze, die Dupeyrat bereist, schildert der Franzose in teils wunderschönen Bildern, zeigt Kontraste zwischen dem Tiger-Staat Malaysia und dem arg vom Bürgerkrieg gebeutelten Kambodscha auf, entführt den Leser in den alltäglichen, brutalen Darwinismus eines südostasiatischen Gefängnisses. Das gelingt Grangé äußerst eindrucksvoll und muss herausgehoben werden, gehen diese Darstellungen doch über den eines Durchschnitts-Thrillers meilenweit hinaus.

Schreibt Grangé über sich selbst? 

Auch die Charaktere sind Grangé gut gelungen. Der vom Leben sicherlich nicht verschonte Marc Dupeyrat, der sein Seelenheil im Skandal-Journalismus sucht. Der charmante Serienkiller Reverdi mit einer Biographie, die einen schaudern lässt. Fein gesponnen, gut durchdacht - Das schwarze Blut ist keinesfalls alltäglich und gerade die Parallelen des Journalisten Dupeyrat zum Journalisten Grangé stechen hervor. Beide haben auf ihren Recherchen den halben Erdball bereist und - eine nette Idee - Dupeyrat fängt an, wie sein Erfinder Thriller zu schreiben! Ist der Dupeyrat im Roman gar der Autor des Buches selbst? Der Spiegel, der Grangé den heutigen Journalisten vorhält, wirft jedenfalls ein erschreckendes Bild zurück.

Jean-Christophe Grangé beweist mit Das schwarze Blut jedenfalls, dass er in der Riege der Thriller-Autoren ganz ganz oben mitschreibt. Immer wieder gelingen ihm phantastische Plots, nie wirkt das Ganze eingefahren, routiniert oder findet sich ein Schema F. Psycho-Thrill vom Feinsten. Nur hinterlässt auch Das schwarze Blut wieder einen faden Beigeschmack, wenn sich Grangé auf den letzten Seiten und insbesondere mit dem letzten Kapitel selbst überschlägt und der ein oder andere Salto in der Handlung besser im Kopf des Franzosen als im Roman geblieben wäre. Dennoch: Ein phantastischer Thriller, der über 500 Seiten absolut zu Schaudern lehrt! 

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