Kalte Herzen

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • New York: Pocket Books, 1996, Titel: 'Harvest', Seiten: 344, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2000, Seiten: 383, Übersetzt: Kristian Lutze
  • München: Goldmann, 2003, Seiten: 383
  • München: Goldmann, 2005, Seiten: 383

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Peter Kümmel
Spenderherzen - eisgekühlt

Buch-Rezension von Peter Kümmel Okt 2003

Abby DiMatteo ist eine idealistische junge Assistenzärztin in einem Bostoner Krankenhaus, deren großes Ziel es ist, Chirurgin in der Transplantationsabteilung zu werden. Aus einfachen Verhältnissen hat sie sich mit viel Ehrgeiz hochgearbeitet. Selbstverständlich ist ihre Arbeit mit viel Stress verbunden, manchmal kann sie das Krankenhaus mehrere Tage lang nicht verlassen.

Doch wenn sie einem Patienten wie dem 17-jährigen Josh O'Day helfen kann, dann wiegt das jede Anstrengung auf. Dabei war es verdammt knapp, bis der Junge sein neues Herz bekam. Denn eigentlich sollte das Spenderherz, das zunächst für Josh vorgesehen war, in letzter Minute der Frau des reichen Victor Voss eingepflanzt werden. Doch für Abby und ihre Kollegin Vivian war klar, dass für diese kurzfristige Änderung nur das Geld von Voss verantwortlich sein konnte. In einem dramatischen Alleingang sorgen die beiden Ärztinnen dafür, dass das Herz durch eine empfängergebundene Spendererklärung doch an Josh geht. Vivian muß diese Tat mit ihrem Job bezahlen, Abby kommt mit einem Verweis davon. Möglicherweise hat sie dies der Tatsache zu verdanken, dass sie mit Mark Hodell liiert ist, einem Chirurgen des Transplantationsteams.

Mrs. Voss erhält dann aber nur wenige Tage danach doch ein Spenderherz. Ein großer Zufall, denn üblicherweise sind die Wartezeiten lang, bis ein passendes Transplantat zur Verfügung steht. Abby wird mißtrauisch und forscht nach, woher das Herz kommt und stösst dabei auf einige Ungereimtheiten.

Als Abby schließlich wenig später auf einer Party das Angebot erhält, ins Transplantationsteam einzusteigen, scheint ihr großer Traum in Erfüllung zu gehen. Sie vergisst ihre Zweifel zunächst, doch dann wird sie wegen angeblicher Fehler in mehreren Fällen angezeigt. Abby ist klar, dass nur Victor Voss hinter der Kampagne stecken kann, der ihr die Aktion mit dem ersten Spenderherz nicht verziehen hat.

Was mir bisher an den Büchern von Tess Gerritsen aufgefallen ist, ist die unglaubliche Routine, mit der die ehemalige Ärztin schreibt, obwohl sie noch nicht mal seit zehn Jahren schriftstellerisch tätig ist. Deshalb war ich jetzt besonders auf ihren Debütroman gespannt. Überraschenderweise hat man auch hier bereits den Eindruck, dass eine erfahrene Autorin am Werk war.

Schwarz-weiß gemalte Charaktere, eine nette Liebesgeschichte und dramatische Rettungsaktionen in letzter Sekunde sowie nicht zuletzt der in medizinischen Romanen niemals fehlende Einsatz des Defibrilators, das sind die Zutaten, aus denen spannende Thriller für leichte anspruchslose Unterhaltung gemacht werden. Dies klingt negativer, als es gemeint ist. Natürlich sollte man wissen, auf was man sich einlässt. Für Liebhaber anspruchsvoller Kriminalromane ist Gerritsen natürlich nicht empfehlenswert, doch wer Kathy Reichs oder Patricia Cornwell mag, dem seien ihre Romane sprichwörtlich ans Herz gelegt. Denn darin, wie man Spannung erzeugt, macht der Amerikanerin kaum ein anderer Autor des Genres Konkurrenz.

Da Gerritsen selber Ärztin ist, darf man ihr bei den medizinischen Abläufen und Hintergründen, die gut erklärt werden, getrost Glauben schenken. Und daß es sich bei dem von ihr gewählten Thema Organhandel nicht um reine Fiktion handelt, sollte dem gebildeten Leser klar sein. Nähere Informationen, die die Ärztin Gerritsen zu diesem Thema erhielt, waren übrigens der Grund dafür, dass sie Schriftstellerin wurde.

Daß es sich bei "Kalte Herzen" um ein Debüt handelt, das wird dann zum Schluß doch recht deutlich. Denn zum schriftstellerischen Handwerk gehört mehr als ein guter Plot und hervorragende Spannungserzeugung. Alle geknüpften Fäden am Ende auch wieder fein säuberlich aufzudröseln, das hat die Autorin leider versäumt. Natürlich überlassen auch erfahrene Autoren einiges der Phantasie des Lesers, viele sind auch zufrieden mit einem furiosen Finale und einem Happy-End, doch sollte dies nicht über einige handwerkliche Schnitzer hinwegtuschen.

Oft kritisiere ich deutsche Verlage für die Übersetzung des Originaltitels. Hier muß ich dafür mal ein Lob aussprechen. Denn besser als der wenig aussagekräftige Originaltitel "Harvest" (= Ernte) passt hier im doppelten Sinne "Kalte Herzen". Dann außer der Tatsache, dass die Spenderherzen nur eisgekühlt transportiert werden dürfen, hat die Autorin auch einige kaltherzige Charaktere erschaffen.

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