Anna verschwindet

  • Grafit
  • Erschienen: Januar 2005
  • Dortmund: Grafit, 2005, Seiten: 238, Originalsprache
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Thomas Kürten
68°

Krimi-Couch Rezension von Thomas Kürten Okt 2005

Dorfgeflüster

Mit Horst Bieber hat der Dortmunder Grafit-Verlag nicht nur den ehemaligen Chef vom Dienst der Wochenzeitung ZEIT im Kreise ihrer Autoren, sonder zugleich einen erfahrenen Krimi-Schreiber, der bereits über viele Romane und Hörspiele verfasst und auch schon mal Drehbuch für den Tatort geschrieben hat. Der Leser darf also Qualität erwarten. Die bekommt er auch in Form von guter Unterhaltungsliteratur mit höchstens unterschwelligen gesellschaftskritischen Ansätzen.

Rolf Kramer ist Privatdetektiv in Terborn, einer real nicht existierenden Großstadt irgendwo zwischen Berlin und Hamburg. Aufträge erhält er des öfteren von der großen Versicherungsgesellschaft AVV, die schräg gegenüber seinem Büro ihre Hauptverwaltung hat. Diesmal soll er im Fall der Anna Laysen recherchieren, die bereits seit rund 4 Monaten vermisst wird. Es besteht nämlich eine Lebensversicherung von EUR 50.000 zu Gunsten ihrer Mutter und bevor die ausgezahlt wird, will man erst mal sicher sein, dass Anna tatsächlich nicht mehr lebt. Die Polizei hatte sich in ihren Ermittlungen ein wenig stümperhaft angestellt und den Fall schon ad acta gelegt. Doch als das Fahrrad des Mädchens gefunden wird, kommt noch einmal Leben in die Untersuchungen.

Versicherungsbetrug?

Tatsächlich will die Versicherung noch etwas ganz anderes in Erfahrung bringen. Anna war auf der Suche nach ihrem Vater, der nach Angaben ihrer Mutter jedoch noch vor Annas Geburt ums Leben kam. Jener Eberhard war Anführer der "Keiler-Bande", einer Gruppe von Jugendlichen und Halbstarken, die damals immer wieder durch Rüpeleien und einige Einbrüche auffiel. Eberhard starb bei einem Unfall in der Nähe eines Juweliergeschäftes, auf das einen Tag zuvor ein Raubüberfall verübt wurde. Eberhards Bande wurde seinerzeit verdächtigt, die Beute tauchte jedoch nie wieder auf und war versichert beim AVV. Wenn Kramer die Spur von Anna Laysen aufnehmen kann, findet er vielleicht auch eine Spur zur Beute aus dem damaligen Raubzug.

Im Umfeld Kramers tummeln sich die interessantesten Figuren: Anielda, eine Kartenlegerin und Wahrsagerin, die mit Kramer auf Erkundungstour geht, Herr Pospisil, der eine Agentur für Ahnenforschung betreibt und dessen Tochter Eva eine hochbegabte Violinistin ist, und Frau von Achenbach, eine Achtzigjährige, die ein Büro für Stilberatung führt. Sie sind neben dem Abteilungsleiter der AVV und dessen sexy Assistentin die einzigen Charaktere, die in diesem Roman außerhalb der Ermittlungen in Erscheinung treten. Leider wirkt Kramer dagegen wie ein lichtscheuer Paragraphenreiter. Endlich einmal ist der Privatdetektiv kein gescheiterter Ex-Polizist, der ewig am Hungertuch nagt und sich Trost im Alkohol sucht. Auch kein Weiberheld, Motorradrocker oder sonst wie skurril veranlagt. Aber muss Kramer so betont farblos daher kommen? Er wirkt ja schon fast wie ein Beamter, wenn er jeden Tag schön sorgfältig seine Berichte schreibt, locht, abheftet und artig mit der Polizei zusammen arbeitet. Fast mag man den Eindruck gewinnen, er liebt diesen Teil seines Jobs mehr als die abenteuerlichen Einbrüche in fremde Häuser.

Eine Mauer des Schweigens

Qualitativ erfüllt Bieber die Erwartungen, die der Leser an ihn stellen darf. Ohne Zweifel versteht er journalistisches Handwerk und ist Meister seines Faches: Vom ersten Satz an findet er das rechte Maß zwischen gewählter Ausdruckweise und leicht zugänglicher Sprache. Aber nicht nur stilistisch kann der Roman gefallen, auch die Handlung überzeugt. Bieber schickt seinen Detektiv auf der Suche nach dem Mädchen in ein Dorf, wo gegenüber allem Fremden zunächst mal eine Mauer des Schweigens aufgebaut wird. Was er von den Bewohnern erfährt ist entweder unvollständig oder glatt gelogen. Verweigern die Dorfbewohner ihre Hilfe bei der Suche nach einem verschwundenen Mädchen, weil sie fürchten, dass etwas viel Schlimmeres ans Licht befördert wird? War Eberhard eventuell gar nicht Annas Vater und würde die Wahrheit Schande über das Dorf bringen?

"Anna verschwindet" darf als klassischer Private Eye Roman gesehen werden. Kramer hört hier was, hört da was, zieht seine Schlüsse und findet am Ende (natürlich) die Wahrheit heraus. Genau hier liegt aber auch das Problem: die gängigen Klischees, mit denen sich ein Philip Marlowe oder Moses Wine, Sam Spade oder ein Lew Archer kleiden, haben längst ihren Glanz eingebüßt. Ein täglich Berichte schreibender Rolf Kramer kann ihnen nicht das Wasser reichen und er bleibt einfach zu farblos, um zum Zugpferd einer Krimiserie zu reifen. So sind dann auch die seltenen und kurz eingestreuten Abschweifungen dem an und für sich guten Gesamtbild eher abträglich, denn der Fall an sich und die in ihn verwickelten Charaktere sind vom Autor sehr gut durchdacht. Und somit bleibt unter dem Strich immer noch das, wofür wir den Grafit-Verlag kennen: einfach gute Krimi-Unterhaltung.

Anna verschwindet

Horst Bieber, Grafit

Anna verschwindet

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