Villa der Schatten

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • London: Macmillan, 2004, Titel: 'The Villa of Mysteries', Seiten: 360, Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2005, Seiten: 448, Übersetzt: Hedda Pänke
  • Berlin: Ullstein, 2007, Seiten: 448
  • Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2006, Seiten: 12, Übersetzt: Peter Tabatt

Couch-Wertung:

85°
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Lars Schafft
Mystisch, aber real; Rasant, aber nicht platt - ein bravouröser Page-Turner!

Buch-Rezension von Lars Schafft Sep 2005

Über die "ewige Stadt" wurde schon so viel geschrieben, dank "Illuminati" ist Rom nicht nur Pilgerstadt von Katholiken, sondern auch von Thriller-Fans geworden. Ist da überhaupt noch Platz für eine Thriller-Reihe, wo es auch um alte Kulte geht? Wo ein junger, leicht weltfremder Polizist in dunkelsten Kreisen ermittelt? Oh ja, da ist Platz, wenn sie die Qualität von "Villa der Schatten" erreicht. Denn genau so, wie der Leser wahrscheinlich geneigt ist, diesen Roman des Briten David Hewson im Regal zu übersehen oder gar zu ignorieren, ist das Buch doch nach der Lektüre ein gutes Beispiel dafür, dass Vorurteile in aller Regel nur schwer zu bestätigen sind. "Villa der Schatten" widerlegt jedes Vorurteil und hält alles, was der verwöhnte Thriller-Leser erwarten darf.

Doch gemach: Hewson beginnt mit einer durchaus absurden Szene, etwas Ami-Bashing ist derzeit ja durchaus beliebt unter europäischen Autoren. Ein US-amerikanisches Paar macht Urlaub in der Wiege Europas. Chianti-beseelt wollen sie nichts anderes, als ein Andenken mit in die Staaten zu nehmen, mit dem sich richtig protzen lässt. Und so schwingen sie im Morast unweit des Tibers den Spaten und stoßen tatsächlich auf "the big thing". Was allerdings eine hübsch-antike Statue aus dem alten Rom werden sollte, entpuppt sich als wahrhaftige Moorleiche - und der Garten der Fun-Ärchäologen muss weiterhin leer bleiben, deutet ihr Fund doch auf eine kleine Sensation.

Eine jahrtausende alte Moorleiche - doch gar nicht so alt?

Doch der Schein trügt. Die Leiche lag keineswegs jahrtausende friedlich im Schlamm. Die Münze, die ihr unter die Zunge gelegt worden ist (ein alter Brauch für eine gute Überfahrt ins Reich der Toten) war bis vor kurzem ein in Rom durchaus gebräuliches Zahlungsmittel. Und die Tätowierung auf dem Arm? Hat sie tatsächlich mit dem Dionysos-Kult zu tun? Der für seine ausufernden Orgien und Sinnesfreuden bekannt war? Doch spätestens als eine Britin der Polizei ihre Tochter als vermisst meldet, wird man in der Präfektura aufmerksam: Die Ähnlichkeit der Vermissten zur Moorleiche ist frappierend. Und vor einigen Jahren verschwand ein ähnlich aussehendes Mädchen in Rom ähnlich spurlos.

Sollte der Kult des Dionysos den Untergang Roms überlebt haben und heute im Stillen immer noch weiter seine Orgien feiern? Mit Menschenopfern? Jungfräulichen Mädchen vorzugsweise? Die Polizisten um Leo Falcone nehmen - wenn auch widerwillig - die Ermittlungen auf. Und plötzlich scheint gar die Mafia ihre schmutzigen Hände in diesem perfiden Spiel zu haben...

Die abgrundtief-widerwärtige Ader des Plots

Was sich abstrus anhört, wird dank Hewons brillanter Erzählweise glücklicherweise nie zum Science-Fiction-Trash, den man befürchten konnte. Ganz im Gegenteil und ohne zu viel zu verraten: Hewson gelingt der Balance-Akt zwischen abscheulichen Gewaltorgien, mysteriösen Kulten und dem ganz realen Verbrechen im Italien des 21. Jahrhunderts auf bemerkenswerte Art und Weise. Mystisch, aber real. Rasant, aber nie platt. Jegliche Bedenken bezüglich der Logik darf der Leser getrost in den Wind schlagen. Der Plot ist durchdacht und wegen seiner abgrundtief-widerwärtigen Ader ein gefundenes Fressen für jeden Fan geheimnisvoll angehauchter Spannungsliteratur. Doch David Hewsons wirkliche Stärke ist eine andere, nämlich die der Figurenzeichnung.

Eigenartigerweise gelingt ihm diese ausgerechnet bei dem Charakter, der seiner Thriller-Reihe den Namen gab, am schlechtesten. Nic Costa, ein keine dreißig Jahre alter römischer Polizist mit gehörigem Trauma seit dem letzten Fall, darf zwar zur Sache schreiten und seinen nicht unmaßgeblichen Teil zur Lösung beitragen, jedoch bleibt er über den Roman weitgehendst blass. Dafür sind David Hewson auf der anderen Seite ein paar richtige Unikate gelungen. Insbesondere die "Herrscher über die Leichen", also die Pathologen, trumpfen mit Witz, Cleverness und Chuzpe auf. An vorderster Front Teresa Lupo, die nicht nur ihr Ansehen sondern auch ihr Leben riskiert. Gefolgt vom "Mönchlein" (herrlich!), ihr im wahrsten Sinne untergebener Helfer zwischen den ganzen Toten. Aber auch Costas Vorgesetzter Falcone als auch sein unfreiwilliger Kollege Gianni Peroni, ein von der Natur gestrafter, bäuerlich-bauernschlauer Bulle, können mit Tiefenschärfe überzeugen.

Die menschliche Seite des Patrone

Nicht unterschlagen wollen wir an dieser Stelle die "andere Seite", also das real existierende Böse in Form der Mafia-Bosse Roms. Hier steht Autor Hewson vor einem weiteren Balance-Akt: Wie menschlich darf er die Patrone darstellen? Dürfen Sie gar liebevolle Ehemänner und Väter sein? Ja, hier wird´s knifflig. Doch da Hewson sich bei der Schilderung der Mafiosi ebenfalls mit Statements zurückhält wie bei der der korrumpierbaren Carabinieri, gelingt ihm auch dies. Unterwelt-Größen werden in "Villa der Schatten" wirklich, fassbar. Auch wenn sie weiterhin kein Gefühl für Recht und Unrecht haben.

Bleibt ein letztes Wort zum Showdown, tief unter den Mauern der ewigen Stadt: Action pur, ein drogenbeinflusster Höllenritt aus der Sicht des Nico Costa, ein nachdenklich-stimmendes Ende, das überraschen kann. Hewsons "Villa der Schatten" ist ein mitreißender Page-Turner im besten Sinne - nicht mehr, aber bestimmt auch nicht weniger. Sein neuer Roman ist es mehr als wert, im Regal entdeckt zu werden und seine Leser zu finden.

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